Formel 1 in der Türkei

Button hängt Vettel ab

Von Michael Wittershagen, Istanbul

Siegerfaust: Jenson Button jubelt und jubelt und jubelt

Siegerfaust: Jenson Button jubelt und jubelt und jubelt

07. Juni 2009 Um 16.30 Uhr türkischer Zeit ist am Sonntag vermutlich die Weltmeisterschaft in der Formel 1 entschieden worden. In Schlangenlinien fuhr Jenson Button im Brawn GP über die Ziellinie und brüllte in den Teamfunk: „Was soll ich sagen, Jungs? Was soll ich sagen? Das Auto war von einer anderen Welt.“ Drei Minuten später sprang er aus eben jenem Wundergefährt, streckte beide Arme jubelnd in Richtung Himmel, und die Fotografen schossen ihre Bilder. Sechster Sieg im siebten Rennen - wer soll den 29 Jahre alten Briten in dieser Saison noch aufhalten?

Mit 61 Punkten führt Button die Fahrerwertung nun vor seinem Teamkollegen Rubens Barrichello (35) und Sebastian Vettel (29) im Red Bull an. Der 21 Jahre alte Heppenheimer wurde beim Großen Preis der Türkei hinter seinem Stallgefährten Mark Webber lediglich Dritter, und so war ihm auf dem Siegerpodest auch nicht nach großartigen Gefühlsausbrüchen zumute. „Natürlich bin ich enttäuscht, das ist doch klar.“

Vettel und Red Bull haben nicht die Klasse von Button und Brawn

Das hatte vor dem Rennen noch ganz anders ausgesehen. Auf der Höhe der Zielgeraden hatten junge Türkinnen Plakate aufgehängt: „Sebastian, I love you“, war darauf zu lesen. Zwanzig Minuten vor dem Start ging Vettel direkt auf diese Tribüne zu, er lächelte, wirkte gelassen und ließ sich auch nicht aus der Fassung bringen, als ihn ein deutscher Fernsehsender mit Entertainer Thomas Gottschalk zusammen brachte. Auf dem jungen Deutschen ruhten all die Hoffnungen, dass diese Saison spannend bleiben würde. Noch immer ist er der erste Herausforderer von Button und Red Bull - und doch hat das Rennen im „Otodrom“ rund fünfzig Kilometer östlich von Istanbul gezeigt, dass das Paket Vettel und Red Bull nicht die Klasse der britischen Renngemeinschaft hat.

Gerade eine Minute war gefahren, als Vettel in Kurve zehn ins Gras geriet. „Es war mein Fehler“, sagte er später. „Aber das ist egal. Jenson war einfach zu schnell heute.“ Er selbst hat ihm die Möglichkeit dazu eröffnet. Nachdem Button am Trainingsschnellsten Vettel vorbei gezogen war, baute er seinen Vorsprung Runde für Runde um etwa eine halbe Sekunde aus. Und das, obwohl sein Brawn im Vergleich zu Vettel und dessen Red Bull nach dem Qualifying am Samstag sechs Kilogramm schwerer war. Die Taktik im Team des österreichischen Brauseherstellers aber blieb die gleiche: „Ich dachte, wir gehen von drei auf zwei Stopps - sind wir aber nicht“, sagte Vettel. „Das war nicht die richtige Entscheidung. Darüber werden wir sicher noch einmal reden.“ Die Ursache des Übels aber blieb die gleiche: Vettels Missgeschick war das dritte in dieser Saison. In Melborne fuhr er kurz vor Rennende in den BMW-Sauber von Robert Kubica, in Monaco setzte er seinen Boliden gegen die Leitplanke.

„Der Fehler von Sebastian war unser Glück“

Während Vettel nach dem Rennen auf der Pressekonferenz noch nach Erklärungen suchte, saß neben ihm ein strahlender Mann in Weiß: Jenson Button ist derzeit vom Glück geküsst: „Es ist ein großartiger Sieg für uns.“ Nur ein Mal kam ihm Vettel in der Türkei noch nahe. In den Runden 25 bis 30 tauchte der Deutsche, mit deutlich weniger Benzin an Bord viel leichter, wieder im Rückspiegel auf, scherte mehrmals aus, kam aber nicht vorbei, weil der Brawn dem Red Bull im Top Speed auf den langen Geraden überlegen war. Der neue Doppel-Diffusor am Heck von Vettels Dienstfahrzeug entfaltet nicht die erhoffte Wirkung. Zudem lag die Piste dem Renner von Brawn besser als erwartet. Und so kreiste Button bald wieder alleine.

Denn die Drei-Stopp-Strategie zwang Vettel abermals zum Nachtanken und Reifenwechseln, so dass auch Teamkollege Webber vorbeiziehen konnte. „Die Strategie hat mich Platz zwei gekostet.“ Es war die zweite Niederlage für Vettel. Aber der Hesse gab nicht auf. „Save your car“ - bring das Auto ins Ziel - rief ihm das Team ein paar Runden vor Schluss über Funk zu. Aber Vettel ignorierte diese Stallorder, gab Gas, fuhr Sektorbestzeiten - und blieb trotzdem nur auf Position drei. „Wir hatten ein hartes Rennen erwartet“, sagte Brawn-Teamchef Ross Brawn. „Der Fehler von Sebastian hat vieles erledigt. Das war unser Glück. Danach war es ein schönes Rennen für uns.“

„Jenson fuhr auf einem anderen Planeten“

So eines erlebte auch Nico Rosberg. Auf Position neun gestartet, schoss der Dreiundzwanzigjährige in der ersten Runde nach vorne: „Wegen des Windes haben sich die Jungs verbremst, und ich konnte vorbei.“ Die Aufholjagd von Rosberg endete hinter Jarno Trulli im Toyota auf Rang fünf. „An ihm kam ich nicht vorbei. Das Auto war zu schnell.“ Vom fixen Japaner profitierte auch Timo Glock, der von Position dreizehn noch auf Rang acht fuhr. Nick Heidfeld (BMW-Sauber) und Adrian Sutil (Force India) waren als Elfter und Siebzehnter nicht viel mehr als Fußnoten in der Show des Siegers: „Button und Brawn fahren Kreise um die Konkurrenz“, sagte Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug, der sich immerhin darüber freut, dass die weißen Renner mit einem Mercedes-Motor unterwegs sind.

Wer im Brawn sitzt, muss aber nicht unbedingt ein Glückskind sein. Rubens Barrichello fiel wegen eines Kupplungsproblems beim Start von Rang drei auf Platz dreizehn zurück, geriet später mit Heikki Kovalainen im McLaren-Mercedes, Renault-Pilot Nelson Piquet und Sutil aneinander, und schied wegen eines Getriebeschadens aus. Ein Grund mehr für den Brasilianer, seine aussichtslose Lage zu beklagen: „In der Art, wie ich Jenson als einen Freund mag, so sehr hasse ich ihn als Piloten.“ Vettel formuliert es anders: „Jenson fuhr auf einem anderen Planeten. Er hat uns gezeigt, wozu Brawn fähig ist.“

Synchrone Formel-1-Fahrer: Button (l.) und Webber
Synchrone Formel-1-Fahrer: Button (l.) und Webber

Grand Prix der Türkei, in Istanbul (58 Runden à 5,338 km/309,396 km):
1. Jenson Button (Großbritannien) Brawn GP 1:26:24,848 Std. (Schnitt: 214,823 km/h); 2. Mark Webber (Australien) Red Bull + 0:06,714 Min.; 3. Sebastian Vettel (Heppenheim) Red Bull + 0:07,461; 4. Jarno Trulli (Italien) Toyota + 0:27,843; 5. Nico Rosberg (Wiesbaden) Williams + 0:31,539; 6. Felipe Massa (Brasilien) Ferrari + 0:39,996; 7. Robert Kubica (Polen) BMW-Sauber + 0:46,247; 8. Timo Glock (Wersau) Toyota + 0:46,959; 9. Kimi Räikkönen (Finnland) Ferrari + 0:50,246; 10. Fernando Alonso (Spanien) Renault + 1:02,420; 11. Nick Heidfeld (Mönchengladbach) BMW-Sauber + 1:04,327; 12. Kazuki Nakajima (Japan) Williams + 1:06,376; 13. Lewis Hamilton (Großbritannien) McLaren-Mercedes + 1:20,454; 14. Heikki Kovalainen (Finnland) McLaren-Mercedes + 1 Runde; 15. Sébastien Buemi (Schweiz) Toro Rosso + 1 Runde; 16. Nelson Piquet Jr. (Brasilien) Renault + 1 Runde; 17. Adrian Sutil (Gräfelfing) Force India + 1 Runde; 18. Sébastien Bourdais (Frankreich) Toro Rosso + 1 Runde
Ausfälle:
Giancarlo Fisichella (Italien) Force India (5. Runde/Defekt); Rubens Barrichello (Brasilien) Brawn GP (48. Runde/Defekt)
Schnellste Rennrunde: Jenson Button (Brawn GP) 1:27,579 Min.
Pole Position: Sebastian Vettel (Red Bull) 1:28,316 Min.
Fahrer-Wertung nach 7 von 17 Rennen: 1. Jenson Button 61 2. Rubens Barrichello 35 3. Sebastian Vettel 29 4. Mark Webber 27,5 5. Jarno Trulli 19,5 6. Timo Glock 13 7. Nico Rosberg 11,5 8. Felipe Massa 11 9. Fernando Alonso 11 10. Kimi Räikkönen 9 11. Lewis Hamilton 9 12. Nick Heidfeld 6 13. Heikki Kovalainen 4 14. Sébastien Buemi 3 15. Robert Kubica 2 16. Sébastien Bourdais 2
Team-Wertung nach 7 von 17 Rennen: 1. Brawn GP 96 2. Red Bull 56,5 3. Toyota 32,5 4. Ferrari 20 5. McLaren-Mercedes 13 6. Williams 11,5 7. Renault 11 8. BMW-Sauber 8 9. Toro Rosso 5
Nächstes Rennen: GP Großbritannien am 21. Juni in Silverstone



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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