
"Diesmal lief es phantastisch" - Felipe Massa fährt ist nach dem Sieg in Valencia Ferraris erster Anwärter auf die Fahrerweltmeisterschaft
25. August 2008 Felipe Massa gegen Lewis Hamilton: In der Formel-1-Weltmeisterschaft deutet alles auf einen Zweikampf zwischen dem Brasilianer und dem britischen McLaren-
Piloten hin. Der selbstbewusste Massa ist nach seinem souveränen Erfolg in Valencia faktisch die neue Nummer eins bei Ferrari.
Mit Ihrem Sieg in Valencia liegen Sie sechs Rennen vor Ende der Saison in der Fahrerwertung an Platz zwei, sechs Punkte hinter dem McLaren-Fahrer Lewis Hamilton, aber sieben vor Ihrem Teamkollegen Kimi Räikkönen. Sind Sie jetzt die Nummer eins bei Ferrari?
Nein. Aber ich habe eine sehr gute Position. Die Leute vertrauen mir zu einhundert Prozent. Ich bekomme alles, was ich brauche und was ich will. Das ist der richtige Weg, wenn man weiterkommen will.
Es bleibt nichts zu wünschen übrig?
Doch, der Gewinn der Weltmeisterschaft. Ich bekomme vom Team die notwendige Unterstützung. Und Ferrari kriegt von mir, was nötig ist.
Was ist das?
Ich habe in Ungarn eines meiner besten Rennen gezeigt, auch wenn es nicht zum besten Ende führte (Motorschaden 13 Kilometer vor dem Ziel). Auch hier (in Valencia) habe ich das Beste aus dem Auto herausgeholt. Und ich kann die Leute motivieren.
Woran haben Sie am Sonntag, nachdem Räikkönen mit Motorschaden ausgefallen war, gedacht?
In den letzten zehn Runden natürlich an den bitteren Moment in Ungarn. Das kann man nicht verhindern. Man versucht dann, das Auto vorsichtig nach Hause zu bringen, ohne den Vorsprung zu verlieren. Diesmal lief es phantastisch. Ich hatte ein perfektes Auto. Erst die Pole-Position, dann der Sieg und die schnellste Rennrunde, mehr geht nicht.
Hat sich Ihre Stellung im Team verändert im Vergleich zum vergangenen Jahr?
Ich werde Jahr für Jahr erfahrener, bin also nützlicher, nicht nur was das Fahren des Autos betrifft. Auch bei der Entwicklung des Autos, bei der Frage, welche Richtungen man bei der Abstimmung einschlägt, bin ich besser geworden.
Sie haben Ihren Arbeitsstil verändert?
Ich bin zumindest so oft wie möglich beim Team, bin in Maranello, auch wenn ich nicht da sein muss.
Das kommt deutschen Formel-1-Fans bekannt vor. Haben Sie sich viel von Ihrem ehemaligen Teamkollegen Michael Schumacher abgeschaut?
Ja. 2006, als ich mit Michael fuhr, habe ich die Basis gelegt. Ich spreche viel mit ihm. Er sagt immer, dass man als Fahrer so eng wie möglich mit dem Team zusammenarbeiten muss, weil man sich nur so am besten entwickeln kann.
Schumacher ist Ihr Fahrlehrer?
Nein, sicher nicht. Er kommt nicht zur Strecke, um mir zu sagen, Felipe, mach dies und das“. Dafür müsste er ja jeden Tag dabei sein. Aber er gibt mir Ratschläge, wie ich die Dinge angehen kann, was man fordern muss. Er hat das zu seiner Zeit perfekt gemacht. Also kann es nur hilfreich sein, mit so erfahrenen und erfolgreichen Leuten zu reden.
Zu Beginn ihrer Karriere hieß es, Sie seien schnell, aber nicht konstant, kein Siegertyp. Sind Sie falsch eingeschätzt worden?
Ja, ich bin unterschätzt worden in den vergangenen Jahren. Aber das kümmert mich nicht. Ich weiß, was ich kann und was ich erreichen will.
Inzwischen halten Experten Sie für einen Titelkandidaten.
Es ist besser, gute als schlechte Dinge über einen selbst zu hören. Aber entscheidend ist, dass man selbst erkennen muss, was wahr ist. Die Leute spüren das irgendwann, und so bekommt man Respekt. Ich kümmere mich also nicht um diese Aussagen, sondern versuche, mich auf mein Programm zu konzentrieren.
Dazu gehört offensichtlich, Ihren Teamkollegen Räikkönen regelmäßig im Qualifikationstraining zu schlagen. Sind Sie schneller als der Weltmeister?
Kimi ist sehr schnell, aber ich bin es auch. Für mich ist das keine Überraschung. Letztes Jahr habe ich ihn auch schon im Qualifying öfter geschlagen als er mich. Aber die Leute vergessen das schnell. Jetzt glauben sie, es habe sich viel geändert. Aber das stimmt nicht. Wir haben 2007 das ganze Jahr gekämpft, ich verlor am Ende unglücklicherweise viele Punkte, er wurde Weltmeister. In diesem Jahr hatte ich in Ungarn Pech, er nun in Valencia. Ich denke, wir werden bis zum Ende um den Titel kämpfen.
Sind Sie auf der Höhe Ihrer Leistungsfähigkeit?
Nein. Man muss sich immer verbessern. Das ist ein ständiger Prozess. Die Vorbereitung auf neue Strecken wie jetzt in Valencia, die Regeländerungen, die uns im nächsten Jahr profillose Reifen, eine stark beschnittene Aerodynamik oder KERS (Energie-Regenerierungssystem) bringen, verlangen eine schnelle Anpassungsfähigkeit. Wer am schnellsten lernt, damit umzugehen, ist vorne. Das setzt harte Arbeit voraus.
Heißt das, Sie haben in der dreiwöchigen Pause vor dem Rennen in Valencia keine Ferien gemacht?
Ich war zwar in São Paulo und hatte eine Menge Spaß, aber Urlaub sieht anders aus. Ich bin viel Kart gefahren, habe mich in einem Simulator meines Trainers auf die neue Strecke vorbereitet, viel Sport getrieben.
Kartfahren ist für Sie Arbeit?
Wenn man als Formel-1-Fahrer nicht mit einem Formel-1-Auto auf einer Formel-1-Piste trainieren kann, dann muss man Kart fahren. Denn das kommt meinem Job am nächsten. Man trainiert die Reaktionszeit und die Konzentration. Deshalb fahre ich viel. Allerdings empfinde ich das nicht als Arbeit.
Ist der Erfolg von der Kontrolle der Gefühle abhängig?
Ganz sicher. Man muss lernen, die Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. In Ungarn habe ich kurz nach dem Start zwei Autos (die beiden McLaren) überholt. Dann denkt man, ja, ich habe es“. Aber man muss sofort nüchtern werden, weil der Gegner in der nächsten Kurve schon wieder an dir vorbeikommen kann. Wenn man dann vorne liegt, macht man sich Gedanken über den Boxenstopp, ob der Vorsprung reicht. Die Gefühlslage ändert sich ständig.
Sie haben das im Griff?
Es war nicht leicht für mich. Man lernt das mit den Rennen, mit den Jahren. Als ich meine Formel-1-Karriere begann, war ich im Auto viel zu emotional. Ich musste lernen, eine Balance zu finden. Wenn dir das gelingt, dann stößt du in die Top-Regionen vor.
Die Fragen stellte Anno Hecker
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa, REUTERS