Qualifikation in Hockenheim

Lewis Hamilton in allen Belangen überlegen

Von Anno Hecker, Hockenheim

19. Juli 2008 Bis neun mussten die Fans der deutschen Formel-1-Piloten am Samstag zählen, ehe sie auf einen Landsmann stießen. Sebastian Vettel präsentierte sich beim Zeittraining zum Großen Preis von Deutschland auf dem Hockenheimring als schnellster Pilot aus dem Land der Autofahrer. Zwar weit zurück (1,6 Sekunden) hinter den ersten drei unter Führung von Lewis Hamilton im McLaren-Mercedes vor Felipe Massa (Ferrari) und Heikki Kovalainen (McLaren-Mercedes).

Aber „in einem Toro Rosso auf diese Position zu fahren zeugt von großem Talent“, sagte der einstige Chefpilot der Nation. Michael Schumacher hatte die Jagd um den besten Startplatz vom Kommandostand der Scuderia aus verfolgt und dabei nicht nur ein kleines Debakel deutscher Steuerkunst aus unterschiedlichsten Gründen, sondern auch die Vorfahrt der britisch-deutschen Konkurrenz mit ansehen müssen. Im letzten Versuch verdrängte Hamilton Massa, der sich gern als Schumachers Fahrschüler vorstellt, von der Pole-Position. So steckt Ferrari vor dem zehnten Saisonrennen in einer Art Startklemme zwischen den beiden Boliden von McLaren-Mercedes.

Wo ist der Weltmeister?

Massa, beim Rennen in England vor zwei Wochen wegen einer unglücklichen Reifenwahl eine Art Kreiselkönig, wirkte in Hockenheim nur einmal leicht verwirrt. Als man ihn nach der Position seines Teamkollegen fragte: Wo ist der Weltmeister? Ein kurzes Schulterzucken: „Ich weiß es nicht, Sechster?“ Richtig, abgehängt von den üblichen Kandidaten und darüber hinaus noch zurückgefallen hinter Jarno Trulli im Toyota und Fernando Alonso (Renault). 0,8 Sekunden brauchte der Finne auf seiner schnellsten Tour länger als Hamilton.

Was wohl nicht allein an den tückischen Windböen lag, die manchen Boliden besonders bei der Einfahrt ins Motodrom hin- und herschüttelten. „Ich bin mit dem Auto nicht zufrieden“, sagte der Champion nach seiner sechsten teaminternen Niederlage bei zehn Versuchen gegen Massa. So baut man sich keine Hausmacht in Maranello auf. Felipe Massa, zum Erstaunen aller Experten nach neun Rennen punktgleich mit Räikkönen und Hamilton an der Spitze der Fahrerwertung (48), hat nun eine gute Gelegenheit, sich zu distanzieren: „Er ist in einer guten Ausgangsposition“, sagte Schumacher, „von Platz zwei ist alles möglich.“

Von eins und drei aber wohl nicht weniger. McLaren-Mercedes scheint in den vergangenen Wochen mit Detailverbesserungen beschleunigt zu haben. „Wir haben sicher einen Fortschritt gemacht“, schilderte Hamilton die allgemeine Straßenlage seines Dienstwagens in Hockenheim, „das Auto ist in einem sehr guten Zustand.“ Das ließ sich schon an ein paar Zahlen ablesen: Hamilton war Schnellster auf den Geraden, Schnellster im Motodrom, dem kurvigen Abschluss vor dem Ziel. Der britisch-deutschen Fahrgemeinschaft scheint eine Verbesserung der aerodynamischen Effizienz gelungen zu sein: mehr Anpressdruck auf die Fahrbahn ohne eine Vergrößerung des Luftwiderstandes, mithin die hohe Kunst des Rennwagenbaues.

„Vielleicht sehen wir ein paar interessante Strategien“

Zu den Könnern auf diesem Gebiet gehört der Brite Adrian Newey. Er baut den Red Bull und zuletzt auch Vettels erstmals in Monaco eingesetzten Toro Rosso. Schon in England sprengte der Heppenheimer mit dem Renner aus dem kleinen Privatteam in die Phalanx der Werksboliden (8.). Diesmal landete er in der Nähe von Robert Kubica (7.) im BMW-Sauber, aber deutlich vor Landsmann Timo Glock (Toyota/11.) sowie Nick Heidfeld (12./BMW-Sauber). Beide hätten wohl schneller sein können, mussten sich aber dem Tempo und der Fehlerlosigkeit ihrer Teamkollegen beugen. „Natürlich bin ich enttäuscht, weil es bis in den zweiten Teil des Qualifikationstrainings recht gut lief“, erklärte Heidfeld, „dann habe ich aber vor der Haarnadelkurve einen Hauch zu spät gebremst. Die Hinterräder haben blockiert, das war mein Fehler.“

Glock, Heidfeld und Nico Rosberg (13./Williams) sind die ersten drei, die quasi von der Tankstelle aus mit freier Benzinmengen-Wahl ins Rennen gehen. Die schnellsten zehn Piloten müssen dagegen bis zum ersten Boxenstopp mit dem Sprit auskommen, den sie vor dem Kampf um die Pole-Position an Bord nahmen. „Vielleicht sehen wir ein paar interessante Strategien“, sagte ein Renningenieur. Die am Samstag enttäuschten Hintermänner wittern ihre Chance: „Ich will hier um Punkte kämpfen“, kündigte Heidfeld kampfeslustig an. Das Überholen gehört zu seinen Lieblingstugenden: „Man fühlt sich wie ein Raubtier“, erzählte er dem Berliner „Tagesspiegel“. „Du bist in Lauerstellung und wartest. Wenn die Chance da ist, musst du in Sekundenbruchteilen abwägen, ob du jetzt da reinfliegst oder nicht.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, REUTERS

 
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