
Der teuerste Zirkus der Welt: die Formel 1 ist für euopäische Veranstalter bald nicht mehr bezahlbar
20. Juli 2008 Können sie denn den Hals nicht voll kriegen? Rund 80.000 zahlende Zuschauer haben sich nach Angaben des Veranstalters am Sonntag das Formel-1-Rennen in Hockenheim angeschaut. Der Privatsender RTL lockte in der ersten Saisonhälfte im Schnitt 5,4 Millionen Menschen mit der Liveübertragung der Rennen vor den Fernseher und erreichte einen Marktanteil von 38 Prozent. Eigentlich kann man mit diesen Resultaten zufrieden sein. Kein Sport hinter des Deutschen Lieblingsdisziplin bewegt mehr Menschen in der Republik.
Aber es reicht nicht, um auf Dauer über die Runden zu kommen. Die Hockenheim-Ring GmbH, zu 94 Prozent im Besitz des Rennstädtchens Hockenheim, wird beim Kassensturz ein sattes Minus feststellen. Das Großereignis beschert ihr einen Verlust von drei Millionen Euro.
Die Europäer können sich die Formel 1 nicht mehr leisten
Der Veranstalter hat damit gerechnet. So wie die Kollegen vom Nürburgring, die seit Jahren keine Gewinne mehr mit dem teuersten Zirkus der Welt einfahren. Das hängt mit dem Rücktritt von Michael Schumacher zusammen. Aber der Abschwung in Deutschland hatte schon begonnen, als der Rheinländer noch Kreise um die Konkurrenz zog, unermüdlich bis einschläfernd. Überfluss lähmt.
Doch selbst in Ländern ohne Schumi-Faktor fällt es den Grand-Prix-Organisatoren schwer, Kurs zu halten. In Belgien, Frankreich, Italien, Ungarn ächzen sie unter der Last der steigenden Kosten. Allein in England und vorerst noch in Spanien kaschiert die Attraktivität der Helden Hamilton und Alonso den unverkennbaren Trend: Die Europäer können sich die Formel 1 nicht mehr leisten.
Freies Spiel von Angebot und Nachfrage
Bernie Ecclestone zuckt bei diesem Thema allenfalls mit den Schultern. Der Chefmanager orientiert sich lustvoll am freien Spiel von Angebot und Nachfrage. Alle Welt will seinen Klub haben. Ende September geht es erstmals nach Singapur, im nächsten Jahr rückt Abu Dhabi in den Kalender, 2010 eine indische Piste.
Ecclestones Argumente für die Ausdehnung der Tournee in den vergangenen zehn Jahren nach Asien und in den arabischen Raum überzeugte die Teamchefs im Handumdrehen: So viele Millionen von einer Sorte kriegt man nicht alle Tage serviert.
In die Wüste, nicht aber in den Sand gesetzt
Hockenheim zahlt geschätzte 18 Millionen Euro für die Miete des Grand-Prix-Feldes an den Vermarkter, die Chinesen aber angeblich 25 Millionen. Sie tun das, weil ihnen die Formel 1 als Prestigeobjekt einen ideellen Mehrwert garantiert. Für die Imagepolitur ist auch die Regierung von Malaysia oder die Herrscherfamilie von Bahrein bereit, Jahr für Jahr tief in die Tasche zu greifen. Im Königreich wurde eine prunkvolle, protzige Rennstrecke mit großem Aufwand in die Wüste gesetzt.
Im doppelten Sinne: Ringsherum gibt es Staub und Steine und mittendrin spürt man selbst beim Besuch der Formel 1 nicht den Hauch einer Motorsportbegeisterung. Auch in Malaysia und China, selbst in der Türkei gibt es keine Rennkultur. Den Auszug der Formel 1 aus ihrem Kernmarkt können die meisten europäischen Veranstalter dennoch kaum aufhalten. Diese Privatiers werden mühelos von Finanzministern ausgebremst.
Wachsende Stimmung in Europa gegen Verbrauchs-Weltmeister
Ecclestone gefällt die Entwicklung zum Staatssport Formel 1. Die Risiken sind gering, die Erträge hoch. Angeblich hat der Brite auch den Europäern schon empfohlen, bei ihren Regierungen vorstellig zu werden, falls es für die Miete nicht mehr reicht. Steuern für die Steuerkünstler? Das ist in Deutschland seit gut 70 Jahren, als Hitler teilweise die Jahresbudgets der Rennställe von Mercedes und der Auto-Union finanzieren ließ, aus gutem Grund nicht mehr möglich.
Ecclestones Rat zeugt von einer krassen Fehleinschätzung der wachsenden Stimmung in Europa gegen Verbrauchs-Weltmeister angesichts der Klimadiskussion und steigender Energiepreise. Abgesehen von der Beteiligung des Landes Rheinland Pfalz an der Nürburgring-GmbH ist eine staatliche Förderung der Rennerei nicht zu rechtfertigen.
Das geht auch den Nachbarn so. In Frankreich bemüht sich die Region rund um die Piste von Magny-Cours eifrig, ihre Unterstützung zu verschleiern. Der Brite muss seinen Kurs also ändern. Andernfalls verliert die Formel 1 in ihrer Heimat Europa die Basis, bevor sie in der neuen Welt ankommt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa