Formel 1 in Barcelona

Ferrari erzwingt die Vorfahrt

Von Anno Hecker, Barcelona

27. April 2008 Sie müssen sich an ihre eigene Nase fassen. BMW-Sauber und McLaren-Mercedes ist es im dritten Formel-1-Rennen hintereinander nicht gelungen, Ferrari zu stoppen. Am Sonntag gewann Weltmeister Kimi Räikkönen vor seinem Teamkollegen Felipe Massa den Großen Preis von Spanien. Und zwar auf den ersten Blick um eine Nasenlänge vor Lewis Hamilton, der im McLaren-Mercedes 4,1 Sekunden nach dem Sieger das Ziel erreichte, dicht gefolgt von Robert Kubica (BMW-Sauber). „Wir haben ein super Paket“, sagte Ferraris Edel-Tester Michael Schumacher nach dem Rennen auch mit Blick auf die neue Frontpartie des Boliden aus Maranello, „aber man sieht, dass es sehr eng ist.“

Nicht eng genug für eine Abwechslung. Räikkönen führt in der Fahrerwertung mit nun 29 Punkten vor Hamilton (20) und Kubica (19). Die Hackordnung nach dem vierten Grand Prix, in dem die deutschen Piloten erstmals in dieser Saison keine Punkte gewannen, lässt sich auch am Stand der Konstrukteurswertung gut ablesen. Ferrari führt mit 47 Punkten, BMW (35) und McLaren-Mercedes (34) folgen mit Abstand auf gleichem Niveau. Der kleine Fortschritt im Team von Hamilton nach dem Rückfall zuletzt in Bahrein wurde vom schweren Unfall Heikki Kovalainens überschattet. Der Finne erlitt bei dem Crash im McLaren nur Prellungen und eine Gehirnerschütterung.

Ferrari startete nach Plan

So hatte sich das Ferrari vorgestellt. Gleich in der ersten Kurve führte die Crew der Scuderia das gesamte Feld an, nachdem Massa Fernando Alonso im Renault außen überholt hatte und Räikkönen, Gewinner der Pole Position, in der Spur folgte. Es war der Start zu einer Demonstrationstour und - wie üblich in Barcelona - zu einer Prozession.

Seit 2001 gewinnt der schnellste Mann des Qualifikationstrainings am folgenden Tag auch das Rennen. Insofern stand Räikkönen schon nach ein paar hundert Metern - statistisch - als Sieger fest. Alonso half den Italienern nach Kräften. Sein Auftritt als Überraschungsgast beim Zeittraining hatte zwar die Phalanx von Ferrari gesprengt. Doch am Sonntag wirkte er, einmal überholt, wie ein bremsender Puffer an Position drei. Nach vorne war der Asturier vor allem mit einer Leichtgewichtstaktik gekommen. Als er in der 16. Runde als erster Pilot zum Nachtanken abbog, lag Hamilton schon gut zehn Sekunden hinter dem Führenden.

Bei Tempo 230 schießt Kovalainen plötzlich geradeaus

Und so konzentrierte sich der Brite auf eine Zielkorrektur: „Robert war die ganze Zeit an meinem Heck. Ich musste schon alles geben, um vor ihm zu bleiben.“ Ferrari kam erst wieder in Sicht, als die Prozession mitten in der ersten Boxenstopp-Arie (22. Runde) jäh unterbrochen wurde. McLaren-Pilot Kovalainen hatte in der Rechtskurve namens „Campsa“ die Kontrolle über seinen Boliden verloren, als aus dem linken Vorderreifen bei Tempo 230 plötzlich alle Luft entwich. Unlenkbar schoss der Wagen mit dem Finnen an Bord schnurgeradeaus durch das Kiesbett und bohrte sich bis zur Wagenmitte in die Reifenstapel.

Vergeblich bemühten sich Streckenposten Fahrer samt Fahrzeug aus den Reifen zu ziehen, zerrten am Heckflügel des 630 Kilogramm schweren Geschosses (mit Fahrer). Erst mit schwerem Gerät gelang die Befreiung. Prompt atmeten Fans und Freunde Kovalainens auf. Bevor er ins Krankenhaus geflogen wurde, gab der Finne auf der Trage der Sanitäter mit dem nach oben gestreckten Daumen eine Art Wink: Bin o.k.

Alonso und Rosberg werden von ihren Fahrzeugen gestoppt

Das war das Signal zu einem unbekümmerten, „fliegenden“ Neustart. Als das Sicherheitsfahrzeug in der 29. Runde von der Piste sauste, bekamen alle hinter Ferrari eine neue Chance. Nur einer nicht. Nick Heidfeld, der Unglücksrabe des vierten Grand Prix, musste seinen fünften Platz abgeben. Kurz nach dem Crash hatte ihn die Kommandozentrale per Funk angewiesen, zum Nachtanken hereinzukommen: „Aber es ging zu schnell, er verpasste die Einfahrt“, sagte BMW-Sportchef Mario Theissen. Weil die Boxengasse kurz darauf (virtuell) geschlossen wurde, Heidfeld aber mit leerem Tank das Ende der Dienstfahrt auf offener Strecke drohte, entschied sich die Renngemeinschaft, das Einfahrverbot zu ignorieren. Das zehn Sekunden lange Nachsitzen ein paar Runden später warf den Mönchengladbacher dann auf Rang 16 zurück.

Aber auch die anderen Kollegen hatten nicht viel vom Glück im Unglück. Fernando Alonso stoppte ein kapitaler Motorschaden. Nico Rosberg, inzwischen mit seinem Williams auf Platz sieben vorgerückt, musste seinen Wagen ebenfalls mit einem Antriebsdefekt abstellen (42.). Und die Ferrari-Verfolger? Sie verloren auch im zweiten Versuch bis zum zweiten Boxenstopp (48.) den Anschluss.

Heidfeld mit Aufholjagd - Punkte gab es dennoch nicht

Räikkönen distanzierte Hamilton in den entscheidenden Runden um gut 0,4 Sekunden pro Umlauf. Mit diesem Wissen im Hinterkopf relativierte er später die knappen Abstände im Ziel: „Ich musste keinen Druck machen. Es gab auch keinen Grund, die Reifen besonders zu beanspruchen oder einen Motorschaden zu riskieren. Den wahren Speed sieht man nicht so gut.“ Während Hamilton begeistert von der neuen Leistungsdichte in der Formel 1 sprach, skizzierte der Sieger relativ ungerührt das Bild von einer Ferrari-Umlaufbahn: Dort kreisen McLaren-Mercedes und BMW-Sauber auf hohem Niveau nah an der Scuderia.

Nur landen können sie noch nicht. Immerhin nutzte Heidfeld das Tempo seines Boliden für eine eindrucksvolle Aufholjagd. Im Ziel fand er sich immerhin auf Rang neun wieder, seiner Ausgangsposition. Dafür gab es zwar keinen Punkt, aber einen ideellen Trostpreis: bester Deutscher. Diese Rolle hätte Timo Glock in seinem Toyota übernehmen sollen. Der Odenwälder aber verdarb sich die Aussicht mit einem allzu kühnen Angriff auf David Coulthards Red Bull. Ein gebrochener Frontflügel stoppte seinen Vortrieb: Elfter.

Grand Prix von Spanien in Barcelona (66 Runden á 4,655 km/307,104 km):
1. Kimi Räikkönen (Finnland) Ferrari 1:38:19,051 Std. (Schnitt: 187,401 km/h); 2. Felipe Massa (Brasilien) Ferrari + 3,228 Sek.; 3. Lewis Hamilton (Großbritannien) McLaren-Mercedes + 4,187; 4. Robert Kubica (Polen) BMW-Sauber + 5,694; 5. Mark Webber (Australien) Red Bull + 35,938; 6. Jenson Button (Großbritannien) Honda + 53,010; 7. Kazuki Nakajima (Japan) Williams + 58,244; 8. Jarno Trulli (Italien) Toyota + 59,435; 9. Nick Heidfeld (Mönchengladbach) BMW-Sauber + 1:03,073 Min.; 10. Giancarlo Fisichella (Italien) Force India + 1 Runde; 11. Timo Glock (Wersau) Toyota + 1 Runde; 12. David Coulthard (Großbritannien) Red Bull + 1 Runde; 13. Takuma Sato (Japan) Super Aguri + 1 Runde
Ausfälle: Sebastian Vettel (Heppenheim) Toro Rosso (1. Runde/Kollision); Adrian Sutil (Gräfelfing) Force India (1. Runde/Kollision); Nelson Piquet Jr. (Brasilien) Renault (7. Runde/Kollision); Sébastien Bourdais (Frankreich) Toro Rosso (8. Runde/Defekt); Anthony Davidson (Großbritannien) Super Aguri (9. Runde/Technischer Defekt); Heikki Kovalainen (Finnland) McLaren-Mercedes (22. Runde/Unfall); Fernando Alonso (Spanien) Renault (35. Runde/Technischer Defekt); Rubens Barrichello (Brasilien) Honda (35. Runde/Technischer Defekt); Nico Rosberg (Wiesbaden) Williams (42. Runde/Motorschaden)
Schnellste Rennrunde: Kimi Räikkönen (Ferrari) 1:21,670 Min.

Fahrer-Wertung nach 4 von 18 Rennen: 1. Kimi Räikkönen 29 Punkte 2. Lewis Hamilton 20 3. Robert Kubica 19 4. Felipe Massa 18 5. Nick Heidfeld 16 6. Heikki Kovalainen 14 7. Jarno Trulli 9 8. Mark Webber 8 9. Nico Rosberg 7 10. Fernando Alonso 6 11. Kazuki Nakajima 5 12. Jenson Button 3 13. Sébastien Bourdais 2
Team-Wertung: 1. Ferrari 47 Punkte 2. BMW-Sauber 35 3. McLaren-Mercedes 34 4. Williams 12 5. Toyota 9 6. Red Bull 8 7. Renault 6 8. Honda 3 9. Toro Rosso 2
Nächstes Rennen: GP der Türkei am 11. Mai in Istanbul



Text: chwb/FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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