Formel 1 in Silverstone

Hamilton im Regen eine Klasse für sich

Was sagen die Kritiker nun? Lewis Hamilton wird für seine Leistung nur Lob ernten

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06. Juli 2008 Lewis Hamilton im McLaren-Mercedes hat den Großen Preis von Großbritannien in Silverstone und sich im Kampf um die Fahrerweltmeisterschaft eindrucksvoll zurück gemeldet. Zweiter in einem chaotischen und packenden Rennen wurde der Mönchengladbacher Nick Heidfeld im BMW, Dritter Honda-Pilot Rubens Barrichello. Nico Rosberg (Williams) wurde Neunter, Timo Glock (Toyota) Zwölfter. Adrian Sutil (Force India) und Sebastian Vettel (Toro Rosso) schieden aus.

In der WM-Wertung liegen Hamilton und die beiden Ferrari-Piloten Kimi Räikkönen, der in Silverstone Vierter wurde, und Felipe Massa, der als 13. und letzter Fahrer im Ziel keine Punkte, mit je 48 Punkten gleichauf. Vierter ist Robert Kubica (BMW) mit 46 Punkten.

Hamilton stand unter Druck

Schon nach vier Runden war die Formel-1-Welt der Briten an einem regnerischen Nachmittag in Northamptonshire in bester Ordnung: da zog Lewis Hamilton an seinem Teamkollegen Heikki Kovalainen vorbei, der von der Pole Position in den britischen Grand Prix in Silverstone gestartet war, führte sein Heimrennen an und gab die Führung nicht mehr ab. „Das war das schwierigste und schönste Rennen meiner Karriere“, sagte Hamilton nach dem Rennen. „Die letzten Wochen waren nicht einfach.“

Mit dieser fulminanten Entwicklung war nicht unbedingt zu rechnen, denn vor dem Rennen hatten Hamiltons Leistungen eher zu Skepsis Anlass gegeben: Der Boxengassenunfall in Montreal, Strafversetzung und Durchfahrtsstrafe in Magny-Cours, ein Auftritt beim Konzert zu Nelson Mandelas 90. Geburtstag - als es im Qualifying, in dem er sich einen Ausflug neben die Strecke erlaubte, nur zum vierten Startplatz für Hamilton reichte, sagte sogar sein McLaren-Teamchef Ron Dennis: „Lewis hat sich stark unter Druck gesetzt.“ Zu stark, sollte das wohl heißen.

Massa dreht sich insgesamt sechs Mal

Stattdessen stand Heikki Kovalainen auf der Pole Position. Doch auf der nassen Traditionsstrecke zeigte Hamilton von Beginn an, warum Vergleiche seines Talents mit dem der Regenkönner Ayrton Senna und Michael Schumacher ihre Berechtigung haben: so schnell und so sicher war zunächst kein anderer Pilot unterwegs. In der ersten Kurve schon auf Rang zwei gefahren, jagte er seinen Teamkollegen vier Runden lang über den Kurs, bis er souverän am Finnen vorbeizog.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Felipe Massa, immerhin der Führende in der Weltmeisterschaft, schon zwei Mal bewiesen, dass schlüpfrige Streckenverhältnisse nicht das Metier des Brasilianers sind: in der ersten und in der dritten Runde drehte sich der Ferrari-Pilot, fortan jagte er dem Welt hinterher - solche Fehler sind unangenehm für einen Fahrer, der doch vermeintlich bewiesen hatte, mit ebenso viel Talent und Köpfchen fahren zu können wie Hamilton oder der Weltmeister im eigenen Team, Kimi Räikkönen.

Ferrari macht strategische Fehler

Der nutzte einen Dreher seines Landsmanns Kovalainen in der zehnten Runde, um den zweiten Platz einzunehmen und verfolgte anschließend den wenige Sekunden vor ihm fahrenden Hamilton. In der 20. Runde kamen sie im Doppelpack an die Box: doch während Hamilton frische Intermediate-Pneus aufziehen ließ, tankte Räikkönen lediglich.

Kaum war das Duo auf die Strecke zurückgekehrt, begann es wieder stark zu regnen - prompt war Hamilton zwölf Sekunden schneller als Räikkönen, der für die Entscheidung, seine inzwischen fast profillosen Intermediatereifen nicht zu tauschen, bestraft wurde. Ein kleiner Sprühregenschauer war vorhergesagt, ein ordentlicher englischer Landregen bremste den Ferrari. nach dem Rennen war der Ferraricrew dieser Fehler wohl zu deutlich bewusst - fast fluchtartig und wortlos verließen Rennchef Stefano Domenicali und die Ingenieure den Ferrari-Kommandostand.

Kubica verpasst die WM-Führung

Kovalainen, ebenfalls auf Regenreifen, zog in der 27. Runde wieder an Räikkönen vorbei, wurde aber seinerseits im gleichen Moment von Nick Heidfeld düpiert - der Mönchengladbacher fuhr bei nassen Bedingungen ein exzellentes Rennen und setzte sich vor die beiden Finnen. Zu diesem Zeitpunkt war Heidfeld der schnellste Fahrer auf der Strecke und Räikkönen revidierte, nachdem auch Kubica und Piquet an ihm vorbei fuhren, den strategischen Fehler mit frischen Regenreifen.

Kurz nach Hälfte des Rennens hatte sich genug Regenwasser gesammelt, um die Rennstrecke unter Wasser zu setzen. Die Piloten lernten die Gefahren des Aquaplaning binnen kennen: Kaum ein Fahrer drehte sich nicht - Hamilton, Räikkönen zwei Mal, mal wieder Massa, Button, und als die Sonne sich schon wieder durch die Wolken gekämpft hatte, schoss auch BMW-Pilot Robert Kubica von der Piste ins Kiesbett.

Gewaltiger Vorsprung im Ziel für Hamilton

Ärgerlich für den Polen, der zu diesem Zeitpunkt Dritter war und die WM-Führung wieder übernommen hätte. Makellos war niemand unterwegs, doch die wenigsten Fehler machte in Silverstone der Mann, dem zuletzt die meisten unterliefen. Zehn Runden vor Schluss überrundete Lewis Hamilton zunächst seinen Teamkollegen Kovalainen und zwei Runden später auch Weltmeister Räikkönen. Hamilton war an diesem Nachmittag in eine Klasse besser als seine Konkurrenten - im Ziel hatte er eine Minute und acht Sekunden Vorsprung auf Nick Heidfeld.

Grand Prix von Großbritannien in Silverstone (60 Runden à 5,141 km/308,355 km):
1. Lewis Hamilton (Großbritannien) McLaren-Mercedes 1:39:09,440 Std. (Schnitt: 186,585 km/h); 2. Nick Heidfeld (Mönchengladbach) BMW- Sauber + 1:08,500 Min.; 3. Rubens Barrichello (Brasilien) Honda + 1:22,200; 4. Kimi Räikkönen (Finnland) Ferrari + 1 Runde; 5. Heikki Kovalainen (Finnland) McLaren-Mercedes + 1 Runde; 6. Fernando Alonso (Spanien) Renault + 1 Runde; 7. Jarno Trulli (Italien) Toyota + 1 Runde; 8. Kazuki Nakajima (Japan) Williams + 1 Runde; 9. Nico Rosberg (Wiesbaden) Williams + 1 Runde; 10. Mark Webber (Australien) Red Bull + 1 Runde; 11. Sébastien Bourdais (Frankreich) Toro Rosso + 1 Runde; 12. Timo Glock (Wersau) Toyota + 1 Runde; 13. Felipe Massa (Brasilien) Ferrari + 2 Runden
Ausfälle: David Coulthard (Großbritannien) Red Bull (1. Runde/Dreher); Sebastian Vettel (Heppenheim) Toro Rosso (1. Runde/Dreher); Adrian Sutil (Gräfelfing) Force India (11. Runde/Dreher); Giancarlo Fisichella (Italien) Force India (27. Runde/Dreher); Nelson Piquet Jr. (Brasilien) Renault (36. Runde/Dreher); Jenson Button (Großbritannien) Honda (39. Runde/Dreher); Robert Kubica (Polen) BMW-Sauber (40. Runde/Dreher)
Schnellste Rennrunde: Kimi Räikkönen (Ferrari) 1:32,150 Min.
Pole Position: Heikki Kovalainen (McLaren-Mercedes) 1:21,049 Min.
Fahrer-Wertung nach 9 von 18 Rennen: 1. Lewis Hamilton 48 2. Felipe Massa 48 3. Kimi Räikkönen 48 4. Robert Kubica 46 5. Nick Heidfeld 36 6. Heikki Kovalainen 24 7. Jarno Trulli 20 8. Mark Webber 18 9. Fernando Alonso 13 10. Rubens Barrichello 11 11. Nico Rosberg 8 12. Kazuki Nakajima 8 13. David Coulthard 6 14. Timo Glock 5 15. Sebastian Vettel 5 16. Jenson Button 3 17. Sébastien Bourdais 2 18. Nelson Piquet Jr. 2
Team-Wertung nach 9 von 18 Rennen: 1. Ferrari 96 2. BMW-Sauber 82 3. McLaren-Mercedes 72 4. Toyota 25 5. Red Bull 24 6. Williams 16 7. Renault 15 8. Honda 14 9. Toro Rosso 7
Nächstes Rennen: GP von Deutschland am 20. Juli in Hockenheim



Text: chwb/FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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