Sebastian Vettel im Gespräch

„Ab und zu kneife ich mich“

20. Juli 2008 Formel-1-Pilot Sebastian Vettel will auch in Hockenheim an diesem Sonntag (14.00 Uhr im FAZ.NET-Liveticker) sein Können unter Beweis stellen. Im Toro Rosso überzeugte er in der Qualifikation am Samstag als bester Deutscher mit Startposition neun. Im Interview mit der Sonntagszeitung spricht der 21-Jährige über Reichtum, seinen Wechsel zu Red Bull und den Odenwald als Talentschmiede.

Sie sind 21 Jahre alt, fahren bei Toro Rosso Ihre erste Saison als Stammpilot in der Formel 1 und sind nun befördert worden. Sie werden David Coulthard 2009 bei Red Bull nachfolgen. Er sagt, Sie hätten alles, was ein zukünftiger Formel-1-Sieger braucht. Wie finden Sie dieses Lob?

Es macht ein bisschen stolz, es ist schön zu hören. Aber wenn ich jetzt ins Auto steige, fahre ich nicht zwei Zehntel schneller, weil Coulthard etwas Nettes über mich gesagt hat. Auf der Strecke hilft mir das nichts. Ein Lob bezieht sich immer auf etwas, was in der Vergangenheit war, es hilft einem nicht in der Zukunft. Also muss ich weiter an mir arbeiten.

Ist der Aufstieg von Toro Rosso zum großen Schwesterteam Red Bull ein logischer Schritt?

Ja, absolut. Ich habe Red Bull sehr viel zu verdanken, ohne Red Bull wäre ich nicht hier, ich fühle mich dem Unternehmen sehr verbunden. Es war schon immer mein Traum, einmal für sie zu fahren. Das Senior-Team bietet mir die Chance, mich weiterzuentwickeln. Das Umfeld ist entsprechend gut. Da gibt es für mich keinen Zweifel.

Seit wann ist das Unternehmen Ihr Sponsor?

Seit 1998, damals war ich elf und bin bei den Bambini gefahren, das ist die unterste Klasse im Kartsport. Ich bin als kleines Kind mit meinem Vater auf Messen auf und ab gelaufen, wir haben überall gefragt, ob uns jemand unterstützen möchte. Ich war im Rennanzug, wir sind von Tür zu Tür, und 99,9 Prozent haben abgesagt, aber wir haben es jedes Jahr wieder versucht. 1998 hing dann eine Notiz am Schreibtisch, und da hat es angefangen mit Red Bull, wir haben 5000 Mark bekommen. Mein allererstes Kartjahr 1995 hatten noch meine Eltern privat finanziert, das hat auch 5000 Mark gekostet. Zusätzlich zu Red Bull hatten wir noch zwei, drei kleinere Sponsoren, so dass es gerade mal gereicht hat. Mein Vater ist Zimmermann, meine Mutter Hausfrau, und 5000 bis 10 000 Mark für ein Hobby ihres Sohnes auszugeben, das war für sie viel Geld.

Gerhard Berger ist Teilhaber am Toro-Rosso-Team. Wie ist er als Chef?

Es ist für einen jungen Fahrer eine enorme Hilfe, wenn jemand Chef ist, der früher auch Rennfahrer war und kein schlechter, einer, der auch viel erlebt hat, zum einen im Auto, zum anderen, was das Geschäft betrifft. Er spricht und versteht dieselbe Sprache. Wenn ich ihm erzähle, was ich im Auto spüre, dann versteht er das besser als jeder andere.

Sie leben seit vergangenem Jahr in der Nähe von Zürich, aber Sie sind in Heppenheim aufgewachsen, ein paar Kilometer von Hockenheim entfernt. Welche Erinnerungen haben Sie an das dortige Motodrom?

Ich weiß noch, wie ich mit sieben, acht Jahren mit meinem Vater am Hockenheimring war. Freitags beim freien Training, noch auf der alten Strecke. Es hat geregnet wie aus Eimern, und wir sind die ganze Gerade nach hinten gelaufen, tief im Schlamm, bis zur ersten Schikane. Es fuhr fast keiner an diesem Morgen, nur ab und zu kam ein Auto, und allein das Geräusch zu hören, zu sehen, wie schnell das Auto ankam, runterschaltete, um die Kurve fuhr und dann schon wieder weg war, das war ein großes Erlebnis – das ist die erste Erinnerung an Hockenheim. Ansonsten bin ich hier 2003 mein erstes Formel-Rennen gefahren, und dann war ich bis 2006 jedes Jahr zu zwei Rennen hier. Die Strecke müsste ich also ziemlich gut kennen.

Auch Michael Schumacher hält große Stücke auf Sie. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit ihm?

Als wir Kinder waren und Kart fuhren, war Schumacher unser Held, mein Held. Wir waren damals achtzig, hundert Kinder, und er kam zu der letzten Veranstaltung und hat jedem einen Pokal gegeben, egal, ob das der 89. in der Gesamtwertung war oder der Erste. Wir sind da gestanden und haben große Augen gemacht.

Staunen Sie manchmal selbst darüber, mit welchem Tempo Sie in die Formel 1 gekommen sind?

Manchmal ist es schon ein bisschen komisch. Als Kind hatte man diesen Traum, und jetzt ist alles so echt. Wenn man im Auto sitzt, denkt man über diese Dinge nicht nach. Aber ab und zu ist es schon so, dass man sich kneift.

Wie wird man als junger Fahrer im elitären Kreis der Formel-1-Piloten aufgenommen?

Es dauert schon eine Weile, bis man respektiert wird, aber wenn man das mal geschafft hat, dann wird man behandelt wie jeder andere Fahrer.

Ging es mit Ihnen eigentlich immer nur nach oben?

Von außen sieht das so aus, aber es lief nicht immer alles lupenrein. Wir hatten im Kartsport auch Jahre, in denen überhaupt nichts ging, aber wir hatten das Glück, dass uns Red Bull als Partner auch in diesen Phasen treu geblieben ist. Ich habe viele Jungs gesehen, die zwar sehr gut waren, aber dann ein Jahr hatten oder zwei, in denen es nicht geklappt hat, und die dann aufgehört haben oder aufhören mussten. Aber es ist so, dass auch schwache Phasen dazugehören, wichtig sind für die Entwicklung. Für mich war wichtig, dass ich immer jemanden hatte, der zu mir hielt.

Sie gehören jetzt zu den Besserverdienern im Motorsport. Wie gehen Sie mit dem neuen Reichtum um?

In der Formel 1 gibt es welche, die verdienen sehr, sehr viel Geld, andere, die verdienen viel Geld, und wieder andere, die verdienen gut, aber nicht die Zahlen, die einem vorschweben, wenn man an die Formel 1 denkt. Ich bin in einem kleinen Team, und es ist nicht so, dass ich aufpassen müsste, auf welche Konten ich meine Millionen verteile oder welche Yacht ich mir als nächste kaufe. Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich habe, und das Teuerste, was ich mir je geleistet habe, ist ein Fitnessgerät, eine spezielle Maschine für die Nackenmuskulatur. Ich gebe mein Geld nicht für Blödsinn aus.

Sie haben nach wie vor keinen Manager. Warum nicht?

Zum einen werde ich von meinem Team stark unterstützt, was Flüge betrifft, Transfers, Hotels und solche Sachen. Zum anderen war ich von Red Bull, später als Testfahrer auch von BMW immer so gut beraten, dass ich keinen Bedarf hatte für einen Manager, und das hat sich bis heute nicht geändert.

Ihr Saisonstart verlief nicht gerade unfallfrei. Bei den ersten vier Rennen kamen Sie nicht ins Ziel.

Ich konnte daran nichts machen. Wenn so etwas passiert, darf man einfach nicht aufhören, an sich zu glauben. Es ist immer ganz wichtig, dass man weiß, was man kann, woran man etwas ändern kann und woran nicht. Es lag nicht in meinen Händen.

Ein Formel-1-Rennen dauert rund zwei Stunden, wie schnell verfliegt dabei die Zeit?

Die ersten fünfzehn, zwanzig Runden gehen schnell vorbei, eigentlich geht alles recht schnell vorbei. Heutzutage ist es nicht mehr so, dass man sich das Rennen noch einteilt, die meisten Rennen sind klar auf zwei Stopps ausgelegt, das ist einfach die schnellstmögliche Variante, man fährt nicht groß die Reifen ein, für die paar Runden halten die schon, man fährt jede Runde Vollgas, man versucht alles rauszuholen aus jeder einzelnen Runde.

Mit 20, hieß es, hätten Sie ausgesehen wie 15, aber seien reif gewesen wie mit 30. Waren Sie Ihrer Zeit auch in der Schule schon voraus?

Nein, ich war ein ganz normaler Schüler, nicht der beste, nicht der schlechteste. Motorsport war da für mich überhaupt kein Thema, ich habe auch nie groß preisgegeben, dass ich am Wochenende irgendwo gefahren bin, gewonnen habe oder verloren. Wir haben uns über ganz normale Sachen unterhalten, über Fußball, die Bundesliga. Wenn ich einen guten Tag hatte, war ich schon mal der Klassenclown, ich saß jedenfalls nicht nur da und habe ins Leere gestarrt. Was die Reife betrifft: Man entwickelt sich im Umfeld des Motorsports schneller als auf normalem Wege. Man hat sehr viel mit Erwachsenen zu tun, schon in jungen Jahren. Man muss schon als Kind lernen, Menschen einzuschätzen und mit ihnen umzugehen. Man lernt sehr viele Leute kennen, da reift man von alleine.

Fühlen Sie sich als Star?

Nein, ich bin derselbe wie vor eins, zwei, drei Jahren. Nicht dass ich irgendwo stehengeblieben wäre, ich versuche natürlich immer besser zu werden, mit dem Auto schneller zu fahren, aber als Mensch sehe ich keinen Grund, warum ich mich verändern sollte.

Sie haben einmal gesagt, Formel 1, das sei auch nichts großartig anderes als Kartfahren.

Nun, die Geschwindigkeit ist natürlich anders. Aber wenn man schaut, worauf es wirklich ankommt, dann stößt man immer auf das gleiche Prinzip. Kart und Formel 1 – das ist, wie wenn man beim Fußball in einer Jugendmannschaft spielt und dann irgendwann in der Nationalmannschaft ankommt. Man versucht, auf jeder Stufe das Beste aus sich herauszuholen, und dabei entwickelt man sich weiter. Das ist auch im Kart so: Man ist noch ein kleines Kind, aber man gibt alles, versucht alles, und vom Fahren her, von den Rennsituationen her ist es in allen Klassen genau gleich: Es ist überall das gleiche Gefühl, wenn man hinter einem ist und will vorbei, wenn man eine Position verteidigen muss, wenn man aufholen muss, wenn man der Gejagte ist oder der Jäger.

Es ist immer ein Kampf eins gegen eins, ein Zweikampf?

Nein, in der Formel 1 ist es auf der Strecke manchmal schwer, selbst als Fahrer den Überblick zu behalten. Von den früheren Klassen kennt man es ja mehr so: Das sind Sprintrennen, man fährt los, und wer als Erster ins Ziel kommt, hat gewonnen. Der hinter einem fährt, ist wirklich hinter einem, der vorne fährt, ist wirklich vorne. In der Formel 1, daran muss man sich erst gewöhnen, fährt man manchmal gegen jemanden, der zwanzig Sekunden vor einem fährt, und alle dazwischen sind völlig irrelevant. Man muss sich also daran gewöhnen, auch wenn man keinen vor sich hat, aus jeder Runde wie im Qualifying alles herauszuholen, weil man weiß, wenn ich jetzt die drei Runden wirklich alles gebe und schneller fahre, dann bin ich nach dem Boxenstopp vor meinem Konkurrenten.

Mit Timo Glock und Ihnen kommen gleich zwei aktuelle Formel-1-Piloten aus Südhessen. Der Odenwald und die Bergstraße als neues Kerpen?

Na, besser noch, hoffe ich. Wird allerdings schwer angesichts der Erfolge der Schumachers, aber wir geben unser Bestes. Auf jeden Fall ist es bei uns schöner.

Das Gespräch führte Michael Eder.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS

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