Formel 1

Die Maßeinheit für gute Rennfahrer heißt Schumacher

Von Anno Hecker, Montreal

Auch in Montreal in der Beobachterrolle dabei: Michael Schumacher

Auch in Montreal in der Beobachterrolle dabei: Michael Schumacher

10. Juni 2007 Michael Schumacher? Ja, der war auch da. Am Wochenende gab der siebenmalige Weltmeister Ferrari zum dritten Mal hintereinander die Ehre. Sichtbar als Mitglied des Teams und sogenannter Berater, aber nicht vernehmbar zur Lage der Szene. Konsequent wie zu seiner aktiven Zeit verfolgt der Rheinländer seine Rückzugsstrategie: in drei Jahren zum Privatmann.

Trotzdem war er rund um den Großen Preis von Kanada (19 Uhr, im FAZ.NET-Liveticker) im Gespräch. Denn wer sich in diesen Tagen an der neuen Fahrergeneration der Formel 1 erfreut, wer also die Zukunft betrachtet, der entdeckt ein Stück Vergangenheit. „Michael Schumacher“, sagt der BMW-Sportchef Mario Theissen, „hat als Zweiter nach Ayrton Senna und wohl noch weiter gehend erkannt, dass man als Fahrer mehr tun muss, als sich in ein Auto zu setzen und Gas zu geben.“

Von Kindesbeinen an in der richtigen Spur

Für die neuen Stars wie Lewis Hamilton (McLaren-Mercedes) oder Nico Rosberg (Williams-Toyota), für Robert Kubica (BMW-Sauber) und wohl auch Adrian Sutil (Spyker), fügte Theissen hinzu, diene Schumacher als Orientierung: „Er ist das Muster für das Rollenverständnis.“ Wahrscheinlich ist keine Generation besser vorbereitet worden auf die Formel 1. Hamilton wurde eine Dekade von McLaren-Mercedes geschult, Rosberg von seinem Vater, dem früheren Formel-1-Weltmeister Keke Rosberg, von Kindesbeinen an wenigstens in die richtige Spur gesetzt, Robert Kubica biss sich als Teenager fern seiner Heimat Polen als Kartfahrer in Italien durch.

„Heute beginnt die Schulung schon mit sechs, sieben Jahren im Kart“, sagt der frühere Grand-Prix-Pilot Gerhard Berger. „Die Ausbildung ist viel systematischer und professioneller als früher.“ Nur auf Adrian Sutil, der als Einsteiger beim Hinterbänkler-Team Spyker mit beachtlichen Auftritten auffällt, passt diese These nicht. Der Novize aus der Nähe Münchens (Gräfelfing) wechselte erst mit vierzehn vom Klavier- aufs Gaspedal. Als Sohn eines Geigers und einer Klavierlehrerin lernte er aber vom vierten Lebensjahr an, worauf es auch im Rennsport ankommt: nämlich erstens hoch konzentriert auch bei hohem Tempo knifflige Passagen zu meistern und zweitens präzise zu sein wie ein Metronom – wie Schumacher.

Passiver Entwicklungshelfer

Nicht jeder Experte im Fahrerlager hält den Rheinländer für den passiven Entwicklungshelfer einer besonderen Pilotenqualität. „Da spielt der Zufall eine Rolle“, sagt Williams-Pilot Alexander Wurz. „Es ist halt ein besonders starker Jahrgang.“ Einer, der sich auf dem Weg in die sogenannte Spitzenklasse einem härteren Wettbewerb hat stellen müssen: „Die Klassen, durch die man sich hocharbeiten muss, sind viel umkämpfter“, berichtet Mercedes-Sportchef Norbert Haug. „Mit wenigen Ausnahmen – hier und da mag es noch einen Paydriver (Fahrer, die für ein Cockpit zahlen) geben – kommt nur noch die Crème de la crème in der Formel 1 an.“

Wer Hamilton, Rosberg oder Sutil aber so reden hört von der Galionsfigur Schumacher, der kann sich eines Eindrucks nicht erwehren: An dem Kerpener als Maßeinheit für potentielle Champions kommt man noch nicht vorbei. Allerdings scheint zum Überholmanöver schon angesetzt zu sein. Sind Hamilton und Rosberg, wenn man ihren Gesamtauftritt im Rampenlicht der Formel 1 beurteilt, schon weiter als Schumacher zu seiner Zeit?

Mit dem Hang zum besonderen Kitzel

Gerhard Berger, inzwischen Teamchef und Anteilseigner von Toro Rosso, nickt: „Das glaube ich schon.“ Abseits der Piste tritt das gesamte Quartett, vom Ersten Hamilton im besten Boliden bis zu Sutil im langsamsten Renner, so eloquent und fordernd auf, wie es sich der einst zugeknöpfte Schumacher in den ersten Jahren nie erlaubt hätte. Hamilton verlangte schon vor seinem sechsten Grand Prix in Kanada, vor der ersten Pole Position seiner Karriere, so behandelt zu werden wie sein Teamkollege Fernando Alonso, immerhin zweimaliger Weltmeister.

Rosberg spricht so offen wie selbstverständlich von seinem Ziel, die Nummer eins bei Williams zu werden und irgendwann so konstruktiv zu wirken wie Schumacher bei Ferrari. Sutil wiederum präsentiert sich als Multitalent mit dem Hang zum besonderen Kitzel: „Es muss Kurven geben, über die man sagt: ,Die geht voll, aber es kann auch etwas passieren.‘ Dann denkt man vielleicht zweimal nach, aber wenn man es geschafft hat, dann ist es ein unglaubliches Gefühl. Da weiß man, dass man lebt!“

Kampfgeist der altgedienten Fahrensmänner

So viel Frische macht den Gesetzten in der Formel 1 Beine. Als sie am Donnerstag zu ihrer Zukunft (in der Formel 1) befragt wurden, erwachte der Kampfgeist der altgedienten Fahrensmänner. „Ich werde 2008 in der Formel 1 sein“, sagt der 31 Jahre alte Ralf Schumacher mitten in einer Schaffenskrise als Pilot des langsamen Toyota trotzig. Renault-Fahrer Giancarlo Fisichella beeilte sich, einem möglichen Missverständnis stante pede vorzubeugen: „Ich habe zwar eine Fahrer-Akademie gegründet, aber das heißt doch nicht, dass ich zurücktreten werde. Ich möchte in der Formel 1 noch viel erreichen, ich möchte noch viele Jahre fahren.“

Noch ist der 34 Jahre alte Italiener nicht Akademiker genug, um sich als Lehrer zu versuchen. Und so wird Schumacher weiter an ihm und anderen Kollegen vorbeiflitzen. Jedenfalls als geistiger Beifahrer jener Zweiundzwanzigjährigen im Feld, die sich an der Berufsauffassung des früheren Chefpiloten orientieren: Was sagte Rosberg? „Da muss man hinkommen.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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