Formel-1-Glosse

Tücken und Türken

Von Michael Eder

07. Juni 2009 Da hat der Aachener Architekt Hermann Tilke in Istanbul ein so schönes Formel-1-Otodrom hingebaut – und was machen die Türken? Interessieren sich nicht dafür! Obwohl die Formel 1 doch so eine super Sportart ist: schnell, spannend, abwechslungsreich. Allein der Start! Raketengleich flitzen die bunten Kisten davon, und blitzschnell stellt sich die Frage: Knallt es vor der ersten Kurve, oder knallt es nicht? Und dann pilotieren die Auto-Piloten ihre Boliden zwei Stunden lang im Kreis, immer in derselben Reihenfolge, und ungefähr alle drei Jahre überholt sogar ein Auto mal ein anderes – diese Dramatik muss man sich mal vorstellen!

Ansonsten wird getankt und werden Reifen gewechselt, was das Zeug hält. Es gibt nämlich mehrere Arten von Reifen in der Formel 1, manche sind hart wie Stahl, andere aus Kaugummi gefertigt, und an alle bunten Kisten müssen alle mal geschraubt werden während eines Rennens, auch das ist eine super Idee – wer sie hatte, weiß man nicht, vielleicht der Reifenindustrieverband oder die Kaugummilobby.

Typisch türkische Formel-1-Begeisterung in Istanbul
Typisch türkische Formel-1-Begeisterung in Istanbul

Während die Reifen also pausenlos gewechselt werden, bleibt der Rest am Auto gleich, Kotflügel zum Beispiel werden nicht umgeschraubt, auch nicht Lenkräder oder Gaspedale, nicht einmal die Piloten – das erleichtert dem Publikum den Überblick. Warum nur interessiert das alles die Türken nicht? Sie lassen sich nicht einmal von Doppeldiffusoren und Bremsenergierückgewinnungssystemen beeindrucken, und das sind immerhin technische Details, die in automobil ernstzunehmenden Ländern bald in jedem zweiten Bobbycar installiert sein werden.

Und in Istanbul? Da schaut es aus, als ob der Vertrag mit der Formel 1 nicht verlängert wird, weil sich einfach kein Türke dafür interessiert (siehe auch: Formel 1: Die Türken rasen - nur nicht zum Otodrom). In diesem Zusammenhang kommt man nicht umhin, die türkischen Medien zu kritisieren, obwohl man das nicht gern macht, weil man mit Kollegenschelte ja vorsichtig sein soll. Die türkischen Kollegen aber interessieren sich in diesen Formel-1-Tagen weit mehr für den Herrn Daum aus Köln, der ihren Fußballklub Fenerbahce übernehmen soll, als für den Herrn Button, der auch viel zum Wiedererkennungswert der Formel 1 beiträgt, weil er vom Start bis zum Ziel immer vorausfährt. Immer der gleiche Sieger, auch das ist super, das kann sich auch der dämlichste Fan gut merken.

Bleibt die Frage: Was ist los mit den Türken? Warum missachten sie die Formel 1? Wo man in Istanbul doch bei jeder Taxifahrt vom Flughafen in die Altstadt nach Sultanahmet Motorsport live erlebt, inklusive Überholmanöver. Aber vielleicht ist gerade das der Grund: Für wirklich spannenden Motorsport brauchen die Türken weder Otodrom noch Kaugummireifen, dafür brauchen sie nur einen kleinen Fiat oder einen alten Benz.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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