01. April 2008 Privat ist er ganz anders. Das ist ein geflügelter Satz in der Formel 1. Immer dann, wenn Piloten oder Funktionäre in der Öffentlichkeit ein merkwürdiges Bild abgeben, ergreifen befreundete Insider das Wort zur Verteidigung: Demnach ist der von Ehrgeiz zerfressene, verbissene Ron Dennis eigentlich ein Scherzbold, der Schweiger Kimi Räikkönen eine fröhliche Plaudertasche und der offenbar in jeder Lebenslage schlagfertige Max Mosley, nun ja, recht leidensfähig.
Das stimmt im doppelten Sinne. Der Brite will die Sex-Affäre aussitzen. Trotz der zu erwartenden Schläge. Weil es seine Privatangelegenheit sei. Dieser Auffassung hat sich der Weltrat des Internationalen Automobil-Verbandes (FIA) angeblich angeschlossen. Mithin der Meinung seines Herrn. Denn Mosley ist nicht nur FIA-Präsident sondern auch ein Chef, der es versteht, eine politische Linie zu diktieren: Ich mache weiter.
Ein makabres Schauspiel mit tiefgreifenden Folgen
Mit privaten Lustspielchen [...] vor oder nach einem Formel-1-Rennen? Es ist nicht der Trieb des M. M., der die Privatsphäre sprengt und Abscheu erzeugt. Es ist die schauerliche Szenerie, die der Sohn des früheren Faschistenführers in England und Mussolini-Verehrers Sir Oswald Mosley wählte.
Ein makabres Schauspiel mit tiefgreifenden Folgen für die Persönlichkeit Mosley. Mit dieser Entgleisung hat er sich als Führungs- und Respektsperson einer international bedeutenden, weltweit bekannten Interessengemeinschaft diskreditiert. Seine Verdienste in der Sicherheitspolitik bleiben. Sein Anspruch aber, auch als moralische Instanz die Richtung unter anderem der Formel 1 vorzugeben, ist verwirkt.
Mosley wird trotz des Skandals in seinem Amt bleiben
Das scheint – wenigstens für die nächsten Tage – selbst sein kongenialer Partner Bernie Ecclestone erkannt zu haben. Er riet Mosley, von einem Besuch des Rennens in Bahrein am Sonntag abzusehen. Die königliche Familie sähe das nicht gerne. Mosley, der FIA-Boss, nicht geduldet? Ecclestones Privatmann-Theorie hat den Autor schon nach einem Tag überholt.
Der Schaden ist nicht zu übersehen. Oder werden die Piloten, Rennställe und Sponsoren dem strengen Chefpädagogen Mosley noch überzeugt folgen, wenn der sie wie schon so oft zu Anstand und Sitte, jüngst sogar zu einer Kampagne gegen Rassismus aufruft? Mosleys Ruf ist dahin. Aber deshalb wird der ehrenamtliche, ob seines Reichtums unabhängige Jurist wohl kaum seinen Posten verlieren. Dazu müsste die Formel 1 erst lautstark protestieren.
Alle warten ab vor lauter Sorge vor Mosleys Rache
Doch abgesehen von ein paar ehemaligen, wenn auch honorigen Fahrern wie Sir Stirling Moss oder Judy Scheckter, hat die Szene bislang geschwiegen, von den als Helden verehrten Fahrern über die Sponsoren bis hin zu den großen Automobilkonzernen. Jene Hersteller, die so sehr auf Sauberkeit und Glanz aus sind. Hinter den Kulissen ist deren Haltung zwar deutlich zu vernehmen: Mosley muss weg! Es wird auch schon über Nachfolger diskutiert.
Aber offen wagt keiner der einflussreichen Größen, Farbe zu bekennen. Alle warten sie ab vor lauter Sorge, mit einer Meinung nachher allein zu stehen, die schmerzhafte Rache des FIA-Bosses ertragen zu müssen. Das zeigt, wie stark Mosley ist. Selbst in seinem schwächsten Moment seit 1993 hält er bislang seine größten Gegner in Schach. Deren Angst, irgendwann das Rennen auf der Piste zu verlieren, ist größer als die Furcht vor dem Gesichtsverlust. Privat ist die Opposition natürlich ganz anders: zum Beispiel mutig.
Anmerkung der Redaktion: Einzelne Absätze […] des Originalbeitrags sind aus rechtlichen Gründen, bis zu einer abschließenden Prüfung, gekürzt bzw. entfernt worden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa