Von Leonhard Kazda
24. April 2008 Volkswagen mit den bulligen Race-Touareg ist dabei, Mitsubishi mit den feuerroten Pajero, das X-Raid-Team mit seinen X3- und X5-Wüstenschiffen: Seit Sonntag sind sie unterwegs, die Sand- und Staubspezialisten wie Carlos Sainz, Stéphane Peterhansel, der die Dakar-Rallye auf zwei und auf vier Rädern insgesamt neunmal gewonnen hat, oder Luc Alphand, der einstige Ski-Weltcup-Sieger, der auch im Geländewagen unglaublich schnell und sicher unterwegs sein kann.
Alle Stars der Szene sind in Budapest zur Zentral-Europa-Rallye gestartet, die als Ersatz“ gedacht ist für die Dakar, die im Januar wegen akuter Terrorgefahr abgesagt worden war. Der Veranstalter, die französische ASO, hat in Windeseile eine Rallye geschaffen, in der Werks- und Privatteams nach der Absage des klassischen Wüstenrennens wenigstens halbwegs auf ihre Kosten kommen sollen. 265 Fahrzeuge sind auf die rund 2700 Kilometer lange Wettfahrt gegangen, die am Sonntag in Balatonfüred am Plattensee enden wird.
Der Mythos Dakar ist nun schon Geschichte
Puszta statt Sahara, schlammige Pisten statt staubiger Wüstentrails, Ungarn und Rumänien statt Marokko, Mauretanien und Senegal – die Unterschiede zwischen Original und Ersatz sind augenfällig. Der Mythos, den die Dakar seit ihrer ersten Austragung vor dreißig Jahren geschaffen hat, ist Motorsport-Geschichte. Die Dakar wird es nicht mehr geben. Übrig bleiben Erinnerungen an phantastische Bilder, aber auch an die allgegenwärtige Gefahr, der sich Teilnehmer wie Zuschauer aussetzten, an Heldengeschichten und Tragödien.
Diese Rallye rief gleichermaßen Emotionen und Empörung hervor wie kaum ein anderes Ereignis im Motorsport. Eine Nachfolgerin kann und wird es nicht geben. Auch nicht durch eine Rallye in Südamerika, wo 2009 gefahren werden soll. Dort gibt es zwar extrem trockene Wüsten, die im kommenden Jahr jenes Feeling vermitteln sollen, von dem die Dakar lebte, doch ob sich die von der ASO konzeptionierte Dakar-Serie“, deren Auftakt wir gerade in Ungarn erleben, etablieren wird, ist fraglich. Ob es eine Fortsetzung nach der Wettfahrt durch Südamerika geben wird, kann noch niemand beantworten.
Sicher war es nie - das Aus kam erst mit dem Terror
In Argentinien und im Nachbarland Chile finde man weder Stammeskonflikte noch Terrorismus, so hat der argentinische Tourismusminister Enrique Meyer bei Etienne Lavigne vom Veranstalter ASO geworben. Für Sicherheit aber stand die Dakar-Rallye nie. Dramatische Zwischenfälle waren häufig, die Zahl der Toten, die dieses Rennen forderte, liegt bei mindestens 56. Die Gefahr für Leib und Leben schuf das Bild der RallyeHeroen, gleichzeitig mangelte es nie an Kritik an dem Hightech-Zirkus.
Das Aus für die Dakar kam aber erst nach der offenen Bedrohung durch den Terror. Die Rallye war zum Fremdkörper geworden, zu dem Sport immer dann wird, wenn er in einer Atmosphäre der Unfreiheit und der Gewalt stattfindet – zwei Monster, die auch gerne Mythen fressen. Dessen sollten sich alle Sportveranstalter dieser Welt bewusst sein. Mythen sind rar, Monster dafür umso häufiger.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP
