Michael Schumacher

Wie der Mensch, so das Auto

Von Anno Hecker, São Paulo

Bald Privatier: Michael Schumacher

Bald Privatier: Michael Schumacher

21. Oktober 2006 Die Experten streiten. Ist Michael Schumacher der größte Pilot der Formel-1-Geschichte? Niki Lauda sagt ja, Jackie Stewart sagt nein. Piloten von gestern werfen sich zur Stärkung ihrer These Zahlen an den Kopf: die meisten Siege und die meisten WM-Titel gegen die meisten Crashkurse (2) und die (vielleicht) meisten Verdrängungsmanöver eines Champions auf der Piste.

Ein paar Generationen weiter spielt die Einordnung der beherrschenden Figur in den vergangenen fünfzehn Jahren keine besondere Rolle. Piloten von morgen werden vor dem Saison- und Berufsfinale des Ferrari-Stars am Sonntag in São Paulo (19 Uhr, im FAZ.NET-Liveticker) von der nackten Bilanz in Atem gehalten: Gegen 21 Kollegen des aktuellen Fahrerlagers führt Schumacher 7:1 nach WM-Titeln, 91:58 nach Siegen. Im Schnitt gewann der 37 Jahre alte Rheinländer also alle 2,7 Grands Prix ein Rennen. Weshalb für die Rennfahrer der Zukunft nur die Antwort auf eine Frage zählt: Wie hat er das gemacht?

Geflohene Herausforderer

Anfangs mit Skepsis. "Ich dachte nie, daß ich die nächste Stufe locker schaffe", sagt Schumacher: "Erst als ich in Spa (beim Debüt 1991) fuhr und merkte, du bist vorne dabei, hast aber noch Spielraum, da wurde mir klar, daß es geht. So war es eigentlich in jeder Klasse." Natürlich ist Schumacher mit Talent gesegnet. Das Glück teilte er mit anderen. Doch keiner vor ihm hat so hart gearbeitet, um das Tempo einer Runde über einen ganzen Grand Prix, über eine ganze Saison, über 15 Jahre zu halten.

Wo sind sie geblieben, die Weltmeister und hochgelobten Herausforderer der Schumacher-Ära: Jacques Villeneuve? Verfahren, ausrangiert. Heinz-Harald Frentzen? Überschätzt, zurückgetreten. Mika Häkkinen? Entnervt, ausgestiegen. Juan Pablo Montoya? Geschlagen, geflohen. Fernando Alonso wird seinen zwölf Jahre älteren Gegner im Kampf um den Fahrertitel am Sonntag wahrscheinlich schlagen. Aber der Spanier braucht so viel Energie dazu, daß er Schumacher keinesfalls in allen Kategorien überholen wird: "Ich müßte dann bis 2019 fahren. O nein, das werde ich sicherlich nicht tun."

Zum Frühstück stets das gleiche Müsli

Konstanz ist der Schlüssel für Schumachers Erfolg. Eine konsequente Lebensführung. Seit sechs Jahren schluckt Schumacher zum Frühstück das gleiche Müsli. Er mag zwar nach Tonfall und Feierlust ein wahrer Rheinländer sein. Aber mit dem kölschen Lebensgrundsatz "Et hätt noch immer jotjejange" steht der Preuße auf Kriegsfuß. Den Körper stählt er seit zwei Jahrzehnten zwar auch aus Lust an Muskelpracht und Bewegung. Die bewußte Professionalisierung mit einem Betreuerteam rund um die Uhr dient aber in erster Linie dem Tempomacher Schumacher: In den letzten Runden im Kampf mit den Fliehkräften will er nicht die Konzentration für den Speed an der Spitze verlieren.

Schumachers Einsatz hat nicht nur dem halben Fahrerlager Beine gemacht. Er hat auch das Umfeld des Teams auf Trab gehalten. Da ruft der Chefpilot beim Stoßdämpferhersteller an, um sich eindringlich nach dem Entwicklungstempo der neuesten Modelle zu erkundigen. Und wenn der siebenmalige Champion - wie vor zwei Wochen - nicht auf dem Dienstplan für Testfahrten stand, dann fragte er in Maranello schon mal höflich, aber bestimmt nach: Habt ihr mich vergessen? Mit präzisen Fragen Tempo machen. Das ist wohl die hohe Kunst der Mitarbeiter-Motivation. "Wollten Sie das nicht bis heute erledigen?" fragte Schumacher einst seinen Helmspezialisten. Dem guten Mann fuhr der Schreck in die Glieder. Schumacher klopfte ihm auf die Schulter. Zwei Stunden später lag der modifizierte Kopfschutz in der Box, rechtzeitig zum Beginn des Trainings.

Neben der Piste Zeit sparen

Schon zu Benetton-Zeiten verstand es der Deutsche, neben der Piste Zeit zu sparen. "Er kann genau sagen, ob der Wagen sich wegen des Motors oder wegen des Chassis so oder so verhält", schwärmte sein damaliger Motoreningenieur Vincent Gaillardo. "Bei ihm dauert es intensive zehn Minuten. Bei anderen ist nach eineinhalb Stunden immer noch nichts klar." Schumachers Geschwindigkeit verpflichtete. "Es ist ja nicht so, daß Michael bei uns die Autos baut", sagt Ferraris Technischer Direktor Ross Brawn über den Einfluß des Chefpiloten, "aber eines ist sicher: Niemand will ihn enttäuschen." Wer hätte das gedacht? Als die Branche noch über den rasenden Computer Schumacher lästerte, seine Emotionslosigkeit beklagte, erfüllte dieser sein Umfeld längst mit dem Gefühl, für ihn alles geben zu müssen. Das war keine einseitige Beziehung. Sonst wäre sie bei Ferrari nicht zehn Jahre lang gewachsen.

Schumacher hat nie in der Box herumgeschrieen, er hat sein Team nie in der Öffentlichkeit kritisiert: nicht während der Pannensaison 1996, nicht nach üblem Testcrash wegen Materialermüdung oder dem Beinbruch in England, wo 1999 die Hinterradbremse versagte. Im Gegenzug verzieh ihm die Scuderia peinliche Attacken wie etwa den Rammstoß von Jerez 1997 gegen Villeneuve oder das Parkmanöver von Monaco, wo der Ferrari des Altmeisters nach einem Fehler im Zeittraining die Piste blockierte, der Konkurrenz die letzte Chance nahm. Nur auf die übelsten Angriffe gegen Schumacher reagierte Ferrari - mit einer letzten Demonstration der Fahrgemeinschaft: Nichts gegen unseren Schumacher!

Da steckt Herzblut drin

Der Erfolg, das schleichende Gift in funktionierenden Mannschaften, hat dessen Gespür für Teamgeist nicht getrübt. Seit zwei Jahren trifft sich Ferraris Rennteam donnerstags vor den Grand Prix zu Schumachers Leidenschaft: Fußball, ein Spaß in Rot. "Unser Zusammenhalt ist gestärkt worden", sagt der Hobbykicker, "du erkennst die Charaktere, lernst, mit ihnen umzugehen. Das kriegt man bei der Arbeit sonst nicht so mit." Die optimale Balance des Boliden, so schwer zu finden und zu halten wie ein freihändiger Spaziergang auf dem Hochseil, war letztlich Ausdruck eines harmonierenden Teams. Wie die Menschen, so das Auto. Da steckt Herzblut drin. Nach der letzten Testfahrt von Schumacher vor gut einer Woche in Jerez de La Frontera flossen Tränen.

Johnny Herbert, Eddie Irvine und Rubens Barrichello hatten recht: Schumacher wurde wie die Nummer eins bei Benetton und Ferrari behandelt. Und wenn die Teamchefs seine Rolle nicht erkannten, dann ergab es sich wie von selbst. Herbert, Irvine, Barrichello, keiner der zehn Teamkollegen an der Seite Schumachers hatte das Können und die Kraft, so ein System aufzubauen. Schnell sein reicht nicht.

Text: F.A.Z., 21.10.2006, Nr. 245 / Seite 34
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Verpassen Sie nicht den Kündigungsstichtag 30.11. Vergleichen Sie jetzt Ihre Kfz-Versicherung und sparen Sie bis zu 500 €!

Qualifikation in Brasilien

Panne bei Schumachers Ferrari

Verpatzte Qualifikation: Schumacher landet auf Platz 10

Michael Schumacher ist im letzten Qualifying seiner Karriere durch fehlenden Benzindruck zurückgeworfen worden. Er muß beim Großen Preis von Brasilien von Position zehn starten, während Fernando Alonso von Platz vier ins Rennen geht.

Alonso im Interview

„Alles kann passieren, nichts ist sicher“

Alonso hat das Champagner-Glas schon in der Hand

Spezial Für Fernando Alonso ist trotz seines großen Vorsprungs die Entscheidung in der Formel-1-WM noch offen. „Ich glaube nicht, daß alles gelaufen ist“, warnte der spanische Spitzenreiter vor dem Finale in São Paulo sein Renault-Team vor Selbstgefälligkeit.

Formel 1

Vor schmutzigen Tricks wird gewarnt

Michael Schumacher: Aus und vorbei

Spezial Wenn einer beim letzten Rennen alles braucht (Schumacher muß gewinnen) und der andere nichts kriegen darf (Alonso muß ohne Punkt bleiben), dann rückt aus dem düsteren Hintergrund „Plan C“ in den Mittelpunkt, um doch noch Weltmeister zu werden: Die Crash-Strategie.

Formel 1 in Brasilien

Schumacher im freien Training vor Alonso

Mit Volldampf ins Finale: Michael Schumacher

Spezial Der erste Schlagabtausch beim Saisonfinale der Formel 1 in Brasilien ging an Michael Schumacher. Der Ferrari-Pilot fuhr im freien Training auf Platz sechs. Sein Konkurrent Fernando Alonso wurde im Renault nur Zehnter.

Michael Schumacher

Kein Rücktritt vom Rücktritt

Der Abschied rückt näher

Vor dem 250. und letzten Formel-1-Rennen seiner Karriere hat Michael Schumacher klar gestellt, daß es keinen Rücktritt vom Rücktritt geben werde. „Ich werde auch in keiner anderen Rennserie mehr fahren“, betonte er.

Formel 1

„Wenn es passieren soll, dann passiert es“

Schumacher will lachend die Bühne verlassen

Spezial Noch viermal zum Training antreten, einmal zum Rennen, maximal 600 Kilometer fahren als Stammpilot im Formel-1-Rennwagen. Michael Schumacher wird am Sonntag nach dem Rennen in Brasilien als Glückskind der Branche abtreten. So oder so.

Formel 1

Alles spricht für Alonso - fast alles

“Das wird das längste Rennen meines Lebens“

Spezial Michael Schumacher hat nur noch eine kleine Chance auf den Titel: Nur eine Panne kann Renault und seinen Rivalen Alonso stoppen. Doch in der Formel-1-Geschichte fühlte sich schon mancher Pilot als Weltmeister - und stand am Ende als Verlierer da.

Michael Schumacher

Momente einer beispiellosen Karriere

„Schumis” letztes Duell, sein Gegner: Fernando Alonso

Spezial Den größten Spaß in seinem Job empfindet Michael Schumacher noch immer beim Wettkampf mit den Gegnern. Rad an Rad, bei Tempo 300. FAZ.NET blickt auf die härtesten Duelle seiner nun zu Ende gehenden Karriere in der Formel 1 zurück.