Formel-1-Finale in São Paulo

Schumacher: „Ich werde viel vermissen“

Von Anno Hecker, São Paulo

23. Oktober 2006 Das war weltmeisterlich. Champion ist Michael Schumacher nicht mehr geworden zum Finale seiner Karriere. Fernando Alonso reichte ein zweiter Rang hinter dem zweiten Ferrari-Piloten Felipe Massa beim letzten Rennen der Saison am Sonntag in São Paulo zur erfolgreichen Titelverteidigung. Die Geschichte dieses Rennens aber schrieb der 37 Jahre alte Rheinländer mit einer phantastischen Aufholjagd vom letzten Rang bis auf Position vier.

Es war, als wollte Schumacher im 250. und letzten Grand Prix seiner Karriere noch einmal zeigen, warum er 91 Rennen und sieben WM-Titel gewonnen hat. Und so feierten alle Beteiligten: Massa und die Fans den ersten Sieg eines Brasilianers seit 1993, Alonso und Renault den Gewinn von WM-Titel und Konstrukteurs-WM und Schumacher das brillante Ende einer einzigartigen Karriere (Siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Formel-1-Finale in São Paulo).

Stets auf Angriff gefahren

Er hat Wort gehalten. „Ich werde alles versuchen, kämpfen“, hatte Schumacher am Samstag erklärt. Nach der Panne beim Zeittraining - eine defekte Benzinpumpe verhinderte die Chance, von der Pole-position aus ins letzte Rennen zu gehen - hatte Schumacher auf Rang zehn losfahren müssen. Ein heikles Unterfangen in São Paulo. Denn nach zweihundert Metern wartet das Senna-S auf die Boliden, ein enges Kurvengeschlängel. Schumacher scherte sich nicht darum, gab auf der Außenbahn Gas, zog knapp an der Boxenmauer vorbei in die erste Angriffsposition (Siehe auch: Wie der Mensch, so das Auto).

Ein paar Sekunden später lagen die BMW-Piloten Robert Kubica und Nick Heidfeld (später ausgeschieden) hinter ihm: Achter. Dann schoß der Ferrari-Star an seinem Bruder Ralf im Toyota (später auch ausgefallen) vorbei. Da war noch was drin mit diesem Ferrari. Auch Rubens Barrichello (Honda) konnte sich in der zweiten Runde kaum wehren: Schumacher schon Sechster. Ein Sieg schien nicht unmöglich, als Schumacher nach Ende der Safety-Car-Phase wegen eines heftigen Unfalls von Nico Rosberg im Williams (unverletzt überstanden) das Renault-Duo Giancarlo Fisichella und Fernando Alonso angriff.

Schumacher machte kurzen Prozeß

Neunte Runde: Schumacher machte kurzen Prozeß. Am Ende der Zielgeraden, bei Tempo 310, schob er sich an Fisichella vorbei, tauchte ins Senna-S hinein und erntete Beifall. Für ein paar Sekunden. Dann wurde es still. Denn der überholte Renault sauste wieder vorbei, gefolgt von allen, die Schumacher hinter sich gelassen hatte. Der linke Hinterreifen des Ferrari hing in Fetzen von der Felge. Hatte ihn ein Trümmerteil des Rosberg-Unfalls aufgeschlitzt? War Schumacher im Eifer des Gefechts ein Opfer der Randsteine geworden? Ferrari-Mann Ross Brawn nahm später erbost Fisichella in die Verantwortung.

Drei Schläge in zwei Wochen: Nach dem Motorschaden in Suzuka, nach der maladen Benzinpumpe war die Luft endgültig raus. So hatte sich der Chefpilot sein Finale nicht vorgestellt. Nach dem Reifenwechsel bildete Ferrari quasi den Rahmen um den Großen Preis von Brasilien: Massa führte souverän vor Räikkönen, Alonso und Fisichella. Am Ende des Feldes, mit 70 Sekunden Rückstand, drehte Schumacher seine Runden - zum Teil schneller als der Führende. Aber aufgeben galt nicht - selbst wenn man zwanzig Runden lang nicht mal das Ende der Schlange sieht. Denn was, wenn noch etwas passierte zum Schluß dieser wendungsreichen Saison? Alonso, inzwischen Zweiter hinter Massa, würde er nicht mehr überholen können in der Gesamtwertung. Aber vielleicht war der Konstrukteurstitel noch zu gewinnen: Schumacher fuhr jedenfalls so, als ginge es um den Sieg.

Alle klatschten Beifall

Der Reihe nach packte er sich teils auf der Piste, teils via Strategie Tiago Monteiro (Spyker), Sakon Yamamoto (Super Aguri), Christian Albers (Spyker), Vitantoni Liuzzi (Toro Rosso), Robert Doornbos (Red Bull), Nick Heidfeld, Scott Speed (Toro Rosso), Takuma Sato (Super Aguri), Pedro de la Rosa (McLaren-Mercedes), Kubica und Rubens Barrichello (Honda). Etwa vierzig Runden nach dem Reifenschaden tauchte er wieder hinter einem alten Bekannten auf: als Sechster hinter Fisichella, 34,6 Sekunden hinter der Spitze. Schumacher hatte also gut eine halbe Minute aufgeholt.

Jetzt jagte er den Römer, trieb ihn, verfuhr sich selbst dabei und schlug ihn doch: 63. Runde: Blau sauste vor Rot die Zielgerade herunter. Schumacher täuschte ein Überholmanöver an, Fisichella blieb zu lange auf dem Gas; als er bremste, blockierten die Reifen, der Renault rutschte ins Gras, und Schumacher flog vorbei - auf Kimi Räikkönen zu. Rang vier war doch auch noch zu haben. Schon schossen der Ferrari-Star und sein Nachfolger bei der Scuderia parallel über die Piste. 69. Runde, wieder im Senna-S, wieder gewann Rot ein haarscharfes Duell: Vierter war Schumacher nun, mehr ging nicht, Ihm gelang nur noch die schnellste Runde des Nachmittags in Brasilien. Alle klatschten. Es war so eine Art Fazit des letzten Kapitels: Als die Luft raus war, begann für den siebenmaligen Weltmeister das Rennen.

„Es war ein klasse Finale“

Alonso war bewegt nach diesem Arbeitstag. Über Funk ließ er das Team, das er nun verläßt, hochleben: „Danke für dieses Jahr. Es war phantastisch von allen. Mit diesem Erfolg wünsche ich euch das Beste für die Zukunft.“ Als er ausgestiegen war, bilanzierte er: „Wir brauchten ja nur einen Punkt, aber wir haben auch den Konstrukteurstitel im Auge gehabt. Es ist alles gelaufen wie geplant.“ Es habe großen Spaß gemacht, mit Schumacher zu kämpfen. „Der Titel hat mehr Wert, wenn er dabei ist. Ich bin froh, die beiden Titel geholt zu haben, als er noch dabei war.“ Dann wünschte er ihm für sein neues Leben das Beste. Auch Renault-Teamchef Flavio Briatore, Schumachers Entdecker, stimmte ein: „Es war ein sehr tolles Rennen. Wenn man sieht, was Michael gemacht hat, das war schon Wahnsinn, aber es ist für uns fantastisch gelaufen.“

Schumacher zeigte wenig Emotionen, ließ sich über seine Zukunft nichts entlocken. „Das Rennen war ziemlich chaotisch. Wir hatten ein Wahnsinnsauto und hätten vom Speed her alle überrunden können. Es war ein klasse Finale, aber es hat halt nicht sein sollen“, sagte er. „Natürlich hätte ich mein letztes Rennen gerne auf dem Podium beendet und dem Team die Konstrukteurs-WM beschert.“ Nostalgie und Wehmut ließ er nur mit einem Satz auf- blitzen: Der schönste Moment in seiner Karriere sei 2000 der erste Titel mit Ferrari gewesen.



Text: F.A.Z. vom 23. Oktober 2006
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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