Von Anno Hecker, Melbourne
13. März 2008 Am Freitag werden die Vögel im Albert Park von Melbourne wieder die Flucht ergreifen. Wenn die Formel-1-Boliden zum ersten Training der neuen Saison so markerschütternd brüllen, dass die Stadt vibriert. Der Tross ist zurück im australischen Staate Victoria. Mitten im Erholungsgebiet lässt der australische Rennpromoter Ron Walker die Boliden abfahren. Zum Ärger unverdrossener Umweltschützer, die Jahr für Jahr um die schöne Grünfläche fürchten. Oder um die gute Luft, von der ein Bolide bei Vollgas rund 22.000 Liter in einer Minute aufsaugt. Was dabei hinten herauskommt, ist nicht vollständig erforscht. Für frischen Atem wird es nicht reichen.
Trotzdem hält Walker Demonstrationen für überholt. Schließlich will der Kreisverkehr demnächst mit der grünen Welle durchkommen. Im Benzin stecken nun 5,75 Prozent Biomasse. Da kommen ein paar Kilogramm Umweltschutz zusammen – angesichts eines Durchschnittsverbrauchs von rund 65 Litern auf 100 Kilometern.
Jeder Tropfen Benzin wird gespart
Der (umstrittene) Biomassen-Zusatz ist nicht die einzige Reaktion der Formel 1 auf die Klimadebatte und mögliche sportpolitische Konsequenzen der globalen Erwärmung. Das Sprit-Verblasen im dritten Teil des Zeittrainings bis zum finalen Wettlauf um die Pole Position ist durch die jüngste Regeländerung Geschichte. Das war ja wirklich mit dem Umweltschutz nicht mehr zu vereinbaren“, stellte der Senior unter den Piloten, David Coulthard, zuletzt zufrieden fest. Die Jetset-Gemeinde lässt sich sogar ein-, zweihundert Meter schieben, wenn die Position zur Abfahrt in die Einführungsrunde eingenommen werden muss. Jeder Tropfen Benzin wird gespart – damit im Rennen der erste Tankstopp so weit wie möglich hinausgezögert werden kann.
Nein, auch der grüne Weg der Formel 1 führt wohl nicht schnurstracks zum Dreiliter-Auto. Aber, glaubt man Max Mosley, dem Präsidenten des Internationalen Automobilverbandes (FIA), dann wenigstens zu einer Entwicklungsbeschleunigung umweltschonender Technik. Ab 2011 soll zum Beispiel die Hitzeabstrahlung der glühenden Bremsscheiben eingefangen werden. Sparen werden die Piloten den Gewinn zugunsten ihres CO2-Haushalts aber nicht. Vor der nächsten Ecke gibt’s den Extraschub für ein Überholmanöver per Knopfdruck. Die Rennerei soll schließlich bleiben, was sie ist.
Ein Windkanal verbraucht ein bis zwei Megawatt
Und so stellt sich die Frage, ob sich die Formel 1 tatsächlich bewegt. Mosleys geschickte Politik dient dem Versuch, mit einem grünen Band der Sympathie jede polemische Generaldebatte über Autorennen im Ansatz zu ersticken. Und siehe da, im Januar hat die EU in einem Schreiben (Cars 22“) genau das von der Formel 1 gefordert, was Mosley seit 18 Monaten propagiert. Gleichzeitig greift der FIA-Boss so massiv wie nie zuvor in das Selbstverständnis der Konstrukteure ein. Motoren müssen schon länger als zwei Rennwochenenden halten. Von diesem Freitag an wird jeder Getriebeschaden vor Ablauf der folgenden vier Grand Prix bestraft. Jeder Renner, egal welcher Couleur, muss nun von einer Einheitselektronik gesteuert werden. Statt der üblichen zwei Windkanäle möchte Mosley in Zukunft nur noch einen erlauben. Das alles, sagt er, um der Geldverschwendung“ Herr zu werden und die Umwelt zu entlasten: Ein Windkanal verbraucht ein bis zwei Megawatt. Damit könnte man mehr als tausend Häuser beliefern.“
Am liebsten wäre Mosley gar die Einführung von Budget-Obergrenzen. Damit Jahresetats jenseits von 350 Millionen Dollar schrittweise auf 100 Millionen heruntergedrückt werden können. Angeblich will der Brite damit Konzernchefs die Rechtfertigung für das teure Abenteuer oder gar den Einstieg in die Formel 1 erleichtern. Dabei stöhnen die Teams über die hohen Kosten bei der Suche nach dem besten Brems-Energie-Recycling (KERS). Naheliegender ist eine andere Motivation. Privatteams können sich die Formel 1 kaum noch leisten. Selbst der Honda-Ableger Super Aguri hat die Kurve zum Saisonstart erst im allerletzten Moment bekommen. Eine reine Werksmeisterschaft aber gefährdete die Machterhaltung von Mosley und des Generalmanagers Bernie Ecclestone.
1602 Lampen leuchten in Singapur
Bei der neuen Ausrichtung des Monopoly-Spiels kommen sich die beiden allerdings ins Gehege. Der überzeugende Sicherheitsapostel Mosley muss die Landflucht der Formel 1 zur Kenntnis nehmen. In diesem Jahr lässt das Feld wieder das beschauliche Imola und nun auch das öde Indianapolis links liegen und startet stattdessen auf eigens angelegten Stadtkursen in Valencia und Singapur. Andere werden folgen. Von der Wiese in Magny-Cours zieht die Sause wohl nach Paris, Abu Dhabis halbe Stadtpiste ist im Bau, Südkoreanern und Indern redet Ecclestone gut zu, dort fahren zu lassen, wo das Leben pulsiert. Dahinter steckt die neue Lust des 78-jährigen Formel-1-Kassierers, nun aus den Kapitalen Kapital zu ziehen. 30 Millionen Dollar zahlen Valencia und Singapur angeblich für den Auftritt der Formel 1. Solche Summen können die Betreiber des Nürburgrings oder der Piste von Hockenheim bei weitem nicht zahlen, ohne endgültig auf der Strecke zu bleiben. Wie zu hören ist, sollen dem Management des badischen Motodroms noch ein paar Millionen Euro fehlen, um den Großen Preis von Deutschland im Sommer über die Runden bringen zu können.
Melbourne, gar Australien, droht Ecclestone demnächst den Rücken zu kehren: Es sei denn, die Regierung hilft, ein Nachtrennen zu finanzieren. Das lässt sich im Kernmarkt Europa, wo man noch schläft, wenn in Down Under“ gewonnen oder verloren wird, gewinnbringender vermarkten. Die Strategie leuchtet ein. Singapur macht den Anfang mit einer besonderen Illumination zum ersten Grand Prix nach Sonnenuntergang. 1602 Lampen leuchten dann viermal heller als das Flutlicht im Fußballstadion. Damit jeder sehen kann, wohin er steuert. Ein großer Umweltpreis winkt da nicht. Der zusätzliche Energieverbrauch wird auf 3,18 Millionen Watt geschätzt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP