Deutsche Kandidaten

Wo ist der nächste Schumacher?

Von Anno Hecker, Monza

Schumacher geht, gibt es einen deutschen Nachfolger?

Schumacher geht, gibt es einen deutschen Nachfolger?

11. September 2006 Das schwere Erbe der deutschen Formel-1-Piloten. Anno Hecker analysiert die Chancen der vier potentiellen Nachfolger.

Ralf Schumacher: Der Jüngere wird älter

Ein Schumacher bleibt der Formel 1 erhalten: der Zweite. Aber eben kein Zweiter. Bruder Ralf ging zur Entwicklung eines eigenen Charismas lieber auf Distanz, so offen, wie er über die Jahre auf Konfrontation machte. "Ein schneller Fahrer weniger", so lautete der lapidare Kommentar des Toyota-Piloten zum vorweggenommenen Abschied des siebenmaligen Weltmeisters: "Ich werde von der Entscheidung nach dem Rennen wohl über die Pressedamen erfahren."

Hans Mahr, der neue Manager des sechsmaligen Grand-Prix-Siegers, hat allerdings längst eine Strategie festgelegt: "Nach Michael geht es darum, der beste Deutsche zu sein." Das wird knapp in diesem Jahr. Der jüngere Schumacher, mit 31 Jahren und 159 Grands Prix in fast zehn Jahren Formel 1 einer der älteren Piloten, liegt in der Fahrerwertung zur Zeit mit einem Punkt hinter Nick Heidfeld auf Rang zehn. Schumacher nur Durchschnitt? Die Position wird seinem Talent kaum gerecht. Ob bei Jordan, bei Williams-BMW und nun bei Toyota, niemand zweifelt an der Begabung. Manche allerdings an der Opferbereitschaft. "Der Unterschied zwischen Michael und Ralf", sagte vor ein paar Jahren Williams-Teamchef Frank Williams, "ist leicht zu erkennen. Michael denkt schon vor dem Rasieren an die Formel 1." Schumacher II wehrte sich immer wieder gegen diesen Vorwurf. Den Beweis des Gegenteils ist er allerdings bislang nicht angetreten.

Sebastian Vettel: Der nächste Siegertyp?

Kommt da der nächste Schumacher? Am Freitag ist Sebastian Vettel schon mal schneller gewesen als Ferraris Chefpilot. Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Wochen. Allerdings hinkt der Vergleich. Vettel, 19 Jahre und bislang zweimal von BMW-Sauber als Testpilot am Freitag vor einem Grand Prix eingesetzt, hatte es im wahrsten Sinne des Wortes viel leichter: Weniger Benzin an Bord und neue Reifen auf den Felgen des dritten Einsatzautos relativieren die Bestzeit quasi außer Konkurrenz. Aber fahren muß man sie erst einmal.

Und so glauben Experten, die Fahrzeugbeherrschung Vettels, sein lupenreiner Karriereweg vom Kart über die Formel-BMW in die Formel 3 (Euroserie) zeuge vom nächsten deutschen Siegertyp. Vielleicht. Schumachers überdimensionale Fußstapfen hat der Youngster jedenfalls vorerst nicht vor Augen. Vettel ist auf den Testfahrerjob bei BMW erpicht. Dem 18 Jahre älteren Landsmann begegnet er eher erfurchtsvoll. "Uns Junge steckt Michael in den Sack."

Nick Heidfeld: Der Chancenlose

"Für Nick wird sich nichts ändern", behauptet Werner Heinz. Der Manager des BMW-Piloten rechnet zwar fest mit dem Rücktritt von Michael Schumacher, aber nicht mit einem größeren Stück vom (Sponsoren-) Kuchen für seinen Fahrer. Im Gegenteil: "Ich habe es als Manager von Henry Maske und Sven Hannawald erlebt. Das Interesse der Medien läßt insgesamt nach, die Schlagzeilen werden weniger, das trifft indirekt alle deutschen Piloten." Heidfeld wird's kaum stören. Erstens ist er mit 29 Jahren längst ein gemachter Mann. Und zweitens drängte er sich bislang selten ins Bild: Nach 112 Grands Prix mit zwei zweiten Plätzen (Großer Preis von Europa und Monaco 2005) als besten Resultaten gilt er nicht gerade als erster Erbe Schumachers.

Allerdings bekam Heidfeld nie die Chance, seine Qualitäten in einem Siegerauto zu beweisen. Als bei McLaren eine Lücke zu füllen war, weil Weltmeister Mika Häkkinen nicht mehr fahren wollte, wurde Heidfelds Teamkollege bei Sauber, Kimi Räikkönen, verpflichtet. Zurück blieb ein schwer enttäuschter Mönchengladbacher, von Mercedes über Jahre protegiert und dann doch übersehen. Wenn Heidfeld an diesem Sonntag mit besonderem Interesse die Entscheidung des Wochenendes verfolgt, dann weniger, weil er sich einen Fortschritt durch den Rücktritt verspricht. Es geht eher ums Gefühl: "Falls Michael zurücktritt, wird es mir nahegehen. Wir verstehen uns sehr gut."

Nico Rosberg: Nur Geduld

Ralf Schumacher: Viel Talent, wenig Erfolg

Ralf Schumacher: Viel Talent, wenig Erfolg

Daß Keke Rosberg nach der Trainingsblockade von Michael Schumacher in Monaco wie ein Rohrspatz auf den siebenmaligen Weltmeister schimpfte, wirkte wie berechnet. Als wolle der Weltmeister von 1982 dem Superstar der vergangenen 15 Jahre die Formel 1 madig machen: Dieser Gedanke lag nahe. Denn Rosberg senior lenkt - zumindest hinter den Kulissen - die Geschicke von Rosberg junior in der bedeutendsten Motorsportserie der Welt. Als erfolgreicher Selbstvermarkter in mehr als einem Vierteljahrhundert weiß Vater Rosberg nur zu gut, daß sich nach Schumachers Abschied mehr Spielraum für eine Entfaltung seines Sprößlings bietet.

Nico Rosberg, 21 Jahre und 14 Grands Prix alt, hat gleich zum Auftakt in Bahrein mit einer "schnellsten Runde" sein Talent offenbart. Allerdings kam der eloquente Deutsche mit europäischer Vita über Rang sieben (zuletzt auf dem Nürburgring) nicht hinaus. Weshalb die Branche nach den ersten Lobeshymnen ungeduldig auf weitere Sprünge wartet. Rosberg aber tut sich bislang schwer, seinen Teamkollegen Mark Webber auszubremsen: "Wenn Nico, wie man behauptet, Schumachers nachfolgt", sagte Webber, "dann kann ich später sagen, daß ich ziemlich gut gegen ihn ausgesehen habe."

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.09.2006, Nr. 36 / Seite 18
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS

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