Lewis Hamilton

Das Monster schlägt sinnlos zu

Von Anno Hecker, Spa-Francorchamps

Was also hat sich Hamilton zu Schulden kommen lassen?

Was also hat sich Hamilton zu Schulden kommen lassen?

08. September 2008 „Er ist ein Monster!“ Das hat Anthony Hamilton am Sonntag im Fahrerlager von Spa-Francorchamps gesagt. Leise, aber mit Stolz in der Stimme. Der Große Preis von Belgien war eine Stunde alt, als der Vater des McLaren-Piloten Lewis Hamilton seinen Landsleuten den spektakulären Coup in der vorletzten Runde erläuterte: „Er gibt nie auf, nie, bis er im Ziel ist.“

Zu diesem Zeitpunkt wusste Hamilton senior noch nichts von den nachträglichen Extrarunden dieses Rennens. Eine leidige Verlängerung, weil die Verkehrsbeobachter im Auftrag des Internationalen Automobil-Verbandes (FIA) beim ersten Überholversuch von Hamilton vorbei an dem führenden Kimi Räikkönen im Ferrari einen Regelverstoß entdeckten. Jedenfalls entschied das Verkehrsgericht auf „unerlaubte Vorteilsnahme“ und addierte 25 Sekunden auf die Zeit des Briten. Schon war der Sieger nur noch Dritter. Ausgerechnet hinter Felipe Massa (Ferrari), seinem schärfsten Rivalen im Kampf um den Fahrertitel, und Nick Heidfeld im BMW-Sauber.

Warum acht Punkte nehmen, wenn es zehn sein können

Hamilton hinter Räikkönen: er wäre wohl besser hintendran geblieben

Hamilton hinter Räikkönen: er wäre wohl besser hintendran geblieben

Die „Monster“-Würdigung hat Vater Hamilton trotzdem nicht zurückgenommen. Denn selbst wenn der Grand Prix nun noch um eine weitere Runde vor dem Berufungsgericht der FIA verlängert wird, so bleibt doch ein markanter Eindruck haften: Dieser Hamilton ist wie kaum ein zweiter Pilot auf Siegchancen sensibilisiert. Nach 41 Runden in den Ardennen, als „er schon fast aufgegeben hatte“ (Vater Hamilton), als Hamilton – zwei Sekunden hinter Räikkönen – zufrieden sein durfte, erwachte mit den ersten Regentropfen der Maximalist. Warum nur acht Punkte nehmen, wenn es zehn sein können auf dem Weg zum ersehnten WM-Titel?

„Ich will immer gewinnen.“ So hatte Hamilton vor ein paar Tagen die Erläuterung seines Reifeprozesses eingeleitet und dann berichtet, dass er inzwischen mit kühlem Kopf auch andere Wege zum Triumph berücksichtige: die sichere Variante, die sich einer leisten kann, falls der schärfste Rivale hinterherfährt. In Spa ist Massa nicht mal im Rückspiegel des McLaren-Mercedes aufgetaucht. Aber das Ferrari-Rot von Räikkönens Boliden kurz vor ihm kombinierte Hamilton mit den Erfahrungen der Saison: War er nicht schneller auf nasser Piste in Monaco? Deklassierte er nicht die kreiselnde Konkurrenz aus Maranello im Regen von Silverstone?

Was also hat sich Hamilton zu Schulden kommen lassen?

Vor diesem Hintergrund fällt die Entschlüsselung der umstrittenen, folgenschweren Szene zum Ende der 42. Runde leichter. Hamilton hatte hinter dem vorsichtiger fahrenden Räikkönen in Windeseile die zwei Sekunden Rückstand aufgeholt, als er sich bei dem aggressiven Manöver vor der Bus-Stop-Schikane verschätzte und neben dem sich breitmachenden Räikkönen die Abbiegung verpasste.

Auf seine Abkürzung reagierte der Brite nach der Rückkehr auf die Piste wie üblich mit einem Lupfen des Gaspedals. Schließlich darf, so heißt es sinngemäß im Reglement, das Verlassen der Piste keinen Vorteil bringen. McLaren untermauerte seine Sicht mit den Datenaufzeichnungen: „Lewis war bei der Zieldurchfahrt sechs Kilometer (pro Stunde) langsamer.“ Ohne Drosselung des Tempos hätte Hamilton seinen Vorsprung von einer Wagenlänge auch kaum wieder verloren. Etwa 220 Meter vor der nächsten Kurve lag Räikkönen wieder direkt vor dem Angreifer. Wie vor der Schikane. Was also hat sich Hamilton zu Schulden kommen lassen?

Seine Risikobereitschaft ist schwer bestraft worden

Die Erklärung der Streckenkommissare geht über zwei Zeilen nicht hinaus. Allenfalls im Berufungsverfahren, sollte das von der FIA bestellte Gremium den Antrag von McLaren-Mercedes annehmen, wird die Begründung des Urteils en detail präsentiert. Bis dahin muss man die Fernsehbilder interpretieren. Denn die Beteiligten schweigen. McLaren beließ es beim formalen Widerspruch, Ferrari verzichtete auf eine Kommentierung des Urteils und Räikkönen auf jede weiterführende Einschätzung der Attacken: „(. . .) Dann passierte, was alle sehen konnten.“ Dass der Weltmeister nach der heiklen Szene rund um die Schikane vielleicht den Kampfgeist des „Monsters“ unterschätzte?

Der Champagner muss zurück in die Flasche

Der Champagner muss zurück in die Flasche

Auf dem Weg zur ersten Kurve („La Source„) wählte Räikkönen die Ideallinie, holte nach links aus, um gut positioniert viel Schwung mit auf die Vollgastour für die folgenden 1,8 Kilometer zu nehmen. Fahrer, die einen Gegner im Nacken wähnen, verhalten sich anders. Doch Räikkönen ließ die „Kampflinie“ frei, anstatt den McLaren-Piloten auf die Außenbahn zu zwingen. Und so raste Hamilton, als Räikkönen den Bogen machte, innen vorbei und lenkte um einen Wimpernschlag eher in die Haarnadelkurve ein.

Statt zwei hätte er acht Punkte Vorsprung

Das hohe Risiko schien kalkuliert. Denn an dieser Stelle und auf der folgenden Jagd ließ sich der Vorteil des McLaren-Mercedes auf nasser Piste nicht übersehen. Die britisch-deutsche Renngemeinschaft fährt mit „mehr Abtrieb“, erlaubt sich über die Flügelstellung einen höheren Anpressdruck, weil der Motor genügend Kraft hat, den erhöhten Luftwiderstand auszugleichen. Hamilton schien deshalb etwas weniger Mühe zu haben, seinen Boliden auf der Piste zu halten. Räikkönen kämpfte dagegen bei der Verfolgung in fast jeder Kurve mit dem ausbrechenden Ferrari, bis zum Abflug in die Leitplanken: Hamilton zum Vergnügen der Zuschauer auch.

Seine atemraubende Risikobereitschaft aber ist schwer bestraft worden. Denn, das ist die Ironie der Geschichte, als guter Zweiter wäre er genauso vorangekommen wie mit einem Sieg ohne Degradierung: statt mit zwei, würde er die Fahrerwertung mit acht Punkten vor Massa anführen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa, REUTERS

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