Im Gespräch: Lewis Hamilton

„Für gute Beziehungen haben wir keine Zeit“

“Wenn sie mich nicht mögen, dann liegt das vielleicht daran, dass sie mich nicht kennen“

"Wenn sie mich nicht mögen, dann liegt das vielleicht daran, dass sie mich nicht kennen"

17. Oktober 2008 Es ist seine zweite große Chance im zweiten Jahr seiner Formel-1-Karriere: Vor dem Großen Preis von China in Schanghai am Sonntag (Start um 9.00 Uhr MESZ / Live bei RTL, Premiere und im FAZ.NET-Liveticker), dem vorletzten Rennen der Saison, führt McLaren-Pilot Lewis Hamilton die Fahrerwertung mit fünf Punkten vor Felipe Massa im Ferrari und mit zwölf vor Robert Kubica im BMW-Sauber an. In den ersten beiden Trainings fuhr Hamilton am Freitag jeweils Bestzeit.

Der 23 Jahre alte Engländer hat es wieder selbst in der Hand, Weltmeister zu werden. Doch seine Fehler im Eifer des Gefechtes zuletzt in Japan (siehe: Formel 1 in Japan: Alonso siegt beim Drama am Fujiyama) und die Erinnerung an 2007, als er in den letzten beiden Rennen zusammen mit dem Team 17 Punkte verspielte und WM-Zweiter wurde, schüren die Hoffnung seiner Gegner. Im FAZ.NET-Gespräch spricht der 23 Jahre alte Engländer über seine Chancen und seine Unbeliebtheit im Fahrerlager. (siehe auch: Lewis Hamilton: Mitunter wie ein Geisterfahrer)

“Ich habe viel gelernt“
„Ich habe viel gelernt”

Wie erklären Sie sich, dass einige Fahrer behaupten, sie würden Sie nicht mögen?

Es war in meiner ganzen Karriere ähnlich. Ich kam irgendwo hin und war gut. Wenn zu Michael Schumacher ein junger Fahrer gekommen wäre und ihn geschlagen hätte, gleich beim ersten Mal, dann wäre er auch nicht glücklich gewesen. Ich bin kein Mitglied der Fahrervereinigung oder nehme an anderen Dingen teil. Sie können mich nicht richtig einschätzen. Wenn sie mich nicht mögen, dann liegt das vielleicht daran, dass sie mich nicht kennen.

Kümmert Sie das nicht?

Nein. Ich habe gute Freunde hier. Natürlich will ich nicht gehasst werden. Ich bin so nett zu den Leuten, wie ich kann. Für gute Beziehungen haben wir keine Zeit. Wenn ich hier wäre, um Freundschaften zu schließen, dann wären solche Aussagen allerdings hart.

Fernando Alonso, im Streit von McLaren-Mercedes geschieden, hat am Donnerstag abermals gesagt, er werde sich freuen, falls Massa Weltmeister wird, und er werde dem Brasilianer nach Möglichkeit helfen.

Das überrascht mich nicht. Es macht auch keinen Unterschied für mich. Ich habe keine schlechte Beziehung zu Fernando. Wenn wir uns sehen, lacht er mich an. Fernando ist ein phänomenaler Fahrer, das habe ich nie bestritten. Ich habe gesehen, was er kann, ich habe viel von ihm gelernt. Aber ich arbeitete (2007) so hart wie möglich, um ihn zu schlagen. Ich weiß in meinem Herzen, dass das Team so gut wie möglich versucht hat, eine gute Atmosphäre zu schaffen. Sie haben auch ihm die besten Chancen gegeben.

Glauben Sie, dass es einen subtilen Rassismus gegen Sie gibt im Fahrerlager?

Nein, absolut nicht. Für Damon Hill, für Ayrton Senna, für alle Champions war der Einstieg doch eine harte Zeit. Das hat nichts mit Rassismus zu tun.

Warum haben Sie beim Start in Fuji auf Kimi Räikkönens Überholmanöver reagiert und nicht abgewartet? Ihr Gegner im Kampf um die WM, Massa, war doch hinter Ihnen.

Ich hatte einen schlechten Start und sah doch die Chance, Kimi noch zu überholen. Da war mein erster Gedanke: geh vorbei. Mein Herz sagte mir das. Ich bin Rennfahrer. Vielleicht habe ich in dieser Situation nicht genügend nachgedacht. Ich war verärgert in dem Moment. Manchmal macht man Fehler.

Sind Sie nachher von Ihrem Team aufgefordert worden, die Sache ruhiger anzugehen?

Nein, die kennen mich. Die wollen mich nicht ändern. Dass ich so bin, ist schließlich auch ein Grund dafür, dass ich die Fahrerwertung anführe. Sie haben mir nur gesagt, dass ich versuchen solle, es in der Zukunft zu vermeiden.

In Ihrer Kartkarriere sind Sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit in die Lücke gestoßen. Fällt es Ihnen nun schwer, in einem entscheidenden Moment der Weltmeisterschaft Zurückhaltung zu üben?

Ja, das ist sehr hart. Man kann schnell sagen, nimm es leicht, nimm dir Zeit, bla, bla, bla. Man kann sich schon vorstellen, dass man nach der ersten Kurve noch 60, 70 Runden hat, den Führenden zu überholen. Aber wenn man im Auto sitzt, dann geht es vor allem darum, das Rennen zu gewinnen.

Wenn Sie im Supermarkt eine Schlange sehen, können Sie sich anstellen?

Wenn es zehn sind, dann wohl nicht. Aber ich bin geduldig. Das ist der Schlüssel in diesem Job.

Muss man in dieser Phase vielleicht einen Sieg opfern, um Weltmeister werden zu können?

Ja, ja, sicher.

Träumen Sie von den letzten beiden Rennen 2007, als Sie 17 Punkte verloren und deshalb nicht Weltmeister wurden?

Nein, ich lache jetzt darüber. Ich habe viel gelernt. Wir hatten 17 Punkte, ich brauchte noch drei, und dann haben wir einen Fehler gemacht in China. Das Team rief mich zu spät zur Box, und ich bin (auf abgefahrenen Reifen) zu aggressiv hineingefahren. Daraus haben wir gelernt.

Was halten Sie von Ihrem schärfsten Rivalen Felipe Massa?

Ein großartiger Typ, lustig, talentiert. Er ist sehr schnell, das hat man besonders in diesem Jahr gesehen.

Im letzten Jahr wirkten Sie konstanter, warum?

Ich weiß es nicht, das werde ich nach der Saison analysieren. Ich bedauere aber nicht, dass so was passiert. Man wird stärker in solchen Phasen.

Sie sind nicht zufrieden mit Ihrer bisherigen Saison?

Ich denke schon, dass ich insgesamt einen guten Job gemacht habe. Aber ich habe – mit Blick auf meine sehr hohen Ansprüche – zu viele Fehler gemacht. Ich bin da hart gegen mich selbst. Andererseits führe ich die WM an. Was nicht leicht ist und sicher kein Glück war. Alles ist hart erarbeitet. Darauf bin ich stolz.

Tut Ihnen manches, was Sie gesagt oder getan haben, leid?

Einige Dinge sind nicht so herübergekommen, wie ich das wollte. Es ist schon verrückt: Einige mögen dich, andere hassen dich. Das ist schade, denn wir sind doch Menschen, wir sind hier, um unseren Job zu machen, und nicht, um uns bis aufs Messer zu bekämpfen. Ich bin ein lustiger Mensch, ein leidenschaftlicher Rennfahrer.

Wer wird Weltmeister?

Das werde ich nicht beantworten. Das ist nicht meine Art. Ich werde den besten Job machen, werde versuchen, Fehler zu vermeiden. Wir haben beste Chancen.

Hamilton über sein  umstrittenes Manöver von Fuji (Hamilton links, Raikkönen rechts): “Vielleicht habe ich in dieser Situation nicht genügend nachgedacht.“
Hamilton über sein umstrittenes Manöver von Fuji (Hamilton links, Raikkönen rechts): „Vielleicht habe ich in dieser Situation nicht genügend nachgedacht.”

Die Fragen stellte Anno Hecker.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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