Formel 1 in Silverstone

Der nette Junge von nebenan schlägt zurück

Von Hermann Renner, Silverstone

Dieses Jahr mit Glamourfaktor: Lewis Hamilton mit Freundin Nicole Scherzinger bei der Feier des 90. Geburtstags von Nelson Mandela im Hyde Park. In Silverstone will der Brite wieder sportliche Schlagzeilen schreiben

Dieses Jahr mit Glamourfaktor: Lewis Hamilton mit Freundin Nicole Scherzinger bei der Feier des 90. Geburtstags von Nelson Mandela im Hyde Park. In Silverstone will der Brite wieder sportliche Schlagzeilen schreiben

04. Juli 2008 Es sind goldene Zeiten für Englands Motorsport: Ihr Michael Schumacher heißt Lewis Hamilton, und er ist für das Formel-1-Mekka Silverstone fast so etwas wie eine Bestandsgarantie. Schon vor drei Wochen meldete der Veranstalter ein ausverkauftes Haus für den Renntag. 90.000 Zuschauer werden zu dem alten Flugplatz der Royal Airforce pilgern, und es wäre noch Platz für mehr, doch seit dem Verkehrschaos von 2000 hat sich Silverstone eine freiwillige Selbstbeschränkung auferlegt.

Insgesamt rechnen die Betreiber der Rennstrecke mit 250.000 Besuchern an drei Tagen. Das ist aus ihrer Sicht ein Sieg gegen die Kritiker der Rennstrecke. Der prominenteste ist Bernie Ecclestone. Er lässt keine Gelegenheit aus, den Ort, an dem am 13. Mai 1950 das erste Formel-1-Rennen stattfand, zu kritisieren. „Wer wissen will, wie Motorsport vor 40 Jahren war, bekommt in Silverstone Anschauungsunterricht.“

Ecclestone mag Silverstone nicht - die Briten zahlen weniger als die Grand Prix in Fernost

Ecclestone mag die Strecke nicht, die auf halbem Weg zwischen der Industriestadt Northampton und dem elitären Oxford liegt. Sie ist ihm zu provinziell, zu altmodisch, zu britisch. Doch wahrscheinlich liegt der wahre Grund für seine Abneigung auf einer anderen Ebene. Silverstone zahlt als eines der Traditionsrennen weniger Antrittsgeld als die von der Regierung subventionierten Grand Prix in Schanghai, Istanbul oder Singapur.

Die Fans lieben Silverstone. Der 5,141 Kilometer lange Kurs bietet ultraschnelle Kurven, viel Pathos und eine Stimmung wie bei einem Länderspiel. Seit letztem Jahr tragen die Union Jacks auf den Tribünen den Namen von Lewis Hamilton. Der WM-Zweite des Vorjahres stärkt das Wir-Gefühl, er steht in der Beliebtheitsskala bereits auf einer Stufe mit den englischen PS-Göttern Stirling Moss, Jim Clark, John Surtees, Graham Hill, Jackie Stewart, James Hunt und Nigel Mansell.

Der nette Junge von nebenan schlägt zurück

Gerade jetzt, wo so viel auf den McLaren-Mercedes-Piloten einströmt, steht das Publikum noch entschlossener hinter seiner Identifikationsfigur. Pannen, Fehler, Strafen, zehn Punkte Rückstand in der Fahrerwertung und eine Presseschelte: Lewis Hamilton bekommt langsam eine Ahnung davon, was es heißt, ein Superstar zu sein. In Magny-Cours schlug der nette Junge von nebenan zum ersten Mal zurück. „Ihr wollt mich niedermachen“, herrschte er die englischen Medienvertreter an. „Das könnt ihr gar nicht. Mich bringt nichts aus dem Gleichgewicht.“

David Coulthard kann sich die Aufregung um seinen Landsmann in aller Ruhe anschauen. Er kennt das Gefühl, wenn eine ganze Nation einen Sieg von einem erwartet, und er weiß, wie schnell das Pendel umschlagen kann, wenn die Hoffnungen enttäuscht werden. Sein letzter Sieg liegt mehr als fünf Jahre zurück. Seit 2005 spielt der Schotte bei Red Bull den Entwicklungshelfer.

David Coulthard hört auf - und bleibt der Formel 1 erhalten

Jetzt, wo das Team aufgebaut ist, wo jeder der 590 Mitarbeiter an seinem Platz sitzt, ist Coulthards Mission erfüllt. Trotz seines dritten Platzes beim Großen Preis von Kanada fährt der dreizehnmalige Grand-Prix-Sieger seine letzte Saison bei Red Bull. Am Donnerstag bestätigte er seinen Rücktritt zum Saisonende. Der Plan, ihn 2009 durch Sebastian Vettel zu ersetzen, liegt längst in der Schublade.

Coulthard hat sich damit abgefunden, dass die Zeit für jüngere Fahrer angebrochen ist. Er traf für sich selbst eine Entscheidung, bevor sie andere für ihn treffen können. „Ich habe keine Angst vor einem Leben ohne Rennfahren. Ich suche mir bestimmt keine Ersatzbefriedigung in anderen Rennserien wie viele meiner Kollegen.“ Der mit 37 Jahren älteste Fahrer im Feld wird der Formel 1 und Red Bull erhalten bleiben. Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz soll ihm eine Position im Management zugedacht haben.

Jenson Button am Scheideweg

Hamilton steht noch am Anfang seiner Karriere, Coulthard am Ende und Jenson Button am Scheideweg. Der dritte Engländer im Feld, einst als kommender Weltmeister gepriesen, steckt seit zwei Jahren in der Krise. Er hat auf Honda gesetzt, Verträge mit Williams gebrochen, dafür 35 Millionen Dollar Strafe bezahlt, und jetzt läuft er Gefahr, dass seine Treue nicht belohnt wird. Nur drei WM-Punkte stehen auf dem Konto. Teamkollege Rubens Barrichello hat schon fünf. Der Brasilianer gilt als der bessere Testpilot.

Die Verträge von Button und Barrichello laufen aus, und Honda flirtet mit Fernando Alonso. Barrichello will nach 16 Jahren unbedingt eine 17. Saison dranhängen. Weil der Rekordteilnehmer beim neuen Teamchef Ross Brawn seit der gemeinsamen Zeit bei Ferrari einen Stein im Brett hat, könnte es eng werden für Button. Der 28 Jahre alte Brite hat wenig andere Möglichkeiten. Deshalb wird er nicht müde, sich eine Zukunft mit Honda schönzureden.

2009 sieht Honda als große Chance

„Ich bestreite meine neunte Formel-1-Saison und sollte eigentlich längst regelmäßig um Siege fahren. Aber jetzt weiß ich zum ersten Mal, dass es sich lohnt zu warten“, sagt er. „2009 ist ein besonderes Jahr, weil sich alle Regeln ändern. Alle starten bei null. Ich glaube, dass Honda besser gerüstet ist als die meisten anderen Teams. Das ist meine Chance.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, Associated Press

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