Von Michael Wittershagen, Istanbul
08. Juni 2009 Die Leichtigkeit des Seins trägt in der Formel 1 derzeit zwei Namen: Jenson Button und Brawn GP-001. Sie sind die Fehlerlosen. Eine Kombination aus Pilot und Rennwagen, an der die Konkurrenz mehr und mehr verzweifelt. Ihr habt mir ein Monsterauto gebaut. Jungs, ihr seid schon jetzt Legenden“, sagte Button zu seinen Ingenieuren und Mechanikern nach dem Großen Preis der Türkei. Aus sechs von sieben Rennen ist der 29 Jahre alte Engländer in dieser Saison als Sieger hervorgegangen. Etwas, das vor ihm nur Jim Clark und Michael Schumacher gelungen ist. Der Gewinn der Weltmeisterschaft wird Button kaum noch zu nehmen sein – und das zehrt an den Nerven seiner Gegner. Selbst bei dem ansonsten immer so smart und selbstsicher auftretenden Sebastian Vettel. Wir wollten gewinnen, aber wir waren nicht schnell genug“, sagte der Red-Bull-Pilot, ehe er sich in den Flieger setzte und in seine Wahlheimat Schweiz flog.
Der Einundzwanzigjährige war wütend, und daraus machte er kein Geheimnis. Erstmals ging er sogar auf Konfrontationskurs zu seinem Team, indem er öffentlich kritisierte, dass es auch nach seinem Ausritt von der Piste und dem Rückfall hinter Button bei der Strategie von drei Boxenstopps verharrte. Trotz Platz zwei für Mark Webber und Rang drei für Vettel war am Ende dieses Wochenendes kaum einem zum Feiern zumute im Team des österreichischen Milliardärs Dietrich Mateschitz.
Das Lächeln im Gesicht
Nicht einmal hundert Meter weiter, im Fahrerlager, war das Bild ein vollkommen anderes: Jubelnde Menschen, vor Freude kreischend, vom Glück beseelt lagen einander in den Armen und wollten einen eher unauffälligen Mann mit Brille überhaupt nicht mehr loslassen. Wieder einmal ist es Teamchef Ross Brawn gelungen, einen Boliden zu konstruieren, der Maßstäbe setzt. Schnell ist er und zuverlässig noch dazu. In jeder einzelnen Runde, die ich in diesem Auto fahre, habe ich ein Lächeln auf meinem Gesicht“, sagt Button, der inzwischen mit 26 Punkten vor seinem Teamkameraden Rubens Barrichello und mit 32 Zählern vor Vettel im WM-Klassement führt. Es ist unglaublich, wie gut es funktioniert.“ In den bisherigen sieben Rennen ist der Brawn nur ein einziges Mal ausgefallen, und es passt ganz gut in das Bild, dass es auf dem Otodrom“ unweit von Istanbul Barrichello getroffen hat und nicht Button. In der Hektik der Startphase beschädigte der Brasilianer das Getriebe und musste später aufgeben.
Beinahe scheint es, als würde Jenson Button gerade für all die harten Phasen in seiner Karriere belohnt. Schon 2000, als er bei Williams in der Formel 1 debütierte und sofort WM-Achter wurde, sahen viele in ihm den Retter des englischen Motorsports. Unglückliche Teamwechsel und eine falsche Einstellung zum Beruf aber ließen ihn nach und nach im Mittelmaß der Formel 1 verschwinden. Erst in den vergangenen Jahren hat der einstige Lebemann aus sich einen der fittesten Piloten im Feld gemacht, zudem bemühte er sich um ein besseres Verständnis für die Technik, um die Ingenieure mit detaillierterem Wissen im Ringen um die beste Abstimmung des Autos zu versorgen. Inzwischen schwelgt selbst sein so oft zurückhaltender Teamchef in Begeisterung: Ich möchte keine Vergleiche zu Michael Schumacher anstellen, aber Jenson ist ziemlich außergewöhnlich“, sagt der 54 Jahre alte Brawn. Er geht richtig an die Dinge heran. Außerdem ist mit ihm sehr angenehm zusammenzuarbeiten – und schnell ist er auch noch.“ Sein Rat an den Vorzeigefahrer ist ganz einfach: Mach so weiter.“ Button hat einen besonderen Fahrstil. Rund und weich sieht es aus, wenn er mit dem Auto über die Strecke rast, er schont dabei die Reifen und gibt trotzdem das Tempo vor.
Hat Vettel die nötige Abgeklärtheit?
Sehr viel richtig haben in den vergangenen Monaten sicher auch die Verantwortlichen von Red Bull mit Sebastian Vettel im Zentrum gemacht. Aber ihr steiler Aufstieg hat Erwartungen geweckt, und deshalb können inzwischen selbst Podiumsplätze ernüchternd sein. Verständnis für diese Situation kommt ausgerechnet vom größten Rivalen Ross Brawn. Ich kenne ihre Position“, sagt er. Wenn du aufholen musst, musst du ein bisschen mehr riskieren. Dann schleichen sich Fehler ein.“ Aber genau die dürfen sich Vettel und sein Team nicht erlauben, wollen sie noch ernsthafte Chancen auf den Titel haben.
Dass sich Vettel auf den Punkt konzentrieren kann, hat er etwa in Schanghai bewiesen. Nur ein Mal in jeder Runde des Qualifikationstrainings ging er auf die Piste und sicherte sich trotzdem die Pole Position. Auch im anschließenden Rennen mit starken Regenfällen blieb er locker und gewann. Aber es fehlt ihm an jener Konstanz, die Button und Brawn auszeichnet. In Melbourne und Monaco kam Vettel aufgrund von selbst verschuldeten Unfällen nicht einmal ins Ziel, nun kostete ihn in der Türkei ein weiterer Fahrfehler einen möglichen Sieg. Und so stellt sich vor allem eine Frage: Hat dieser junge Mann schon die nötige Abgeklärtheit für den Titelkampf? Jenson Button hat seine Antwort darauf längst gegeben. Ich möchte dieses Jahr gern jedes einzelne Rennen gewinnen“, sagt er. Aber ich habe 19 andere Jungs auf der Strecke, die mich daran hindern wollen.“ Nur haben sie kaum eine Chance. Leicht hat es Button trotzdem nicht, einen Gejagten holen schnell ganz eigene Probleme ein: Das klingt dumm, aber wenn man an der Spitze ist, steht so viel auf dem Spiel. Es ist mit Sicherheit mit mehr Stress verbunden, als wenn man sich weiter hinten befindet.“ Aber es bleibt dabei: Die Fehler machen derzeit nur die anderen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS