Von Michael Wittershagen, Budapest
26. Juli 2009 Fast alles schien seinen gewohnten Gang zu gehen am Morgen danach. Schon seit Stunden dröhnten die Motoren der Nachwuchsklassen auf der Strecke, saßen die Fans in der prallen Sonne auf den Tribünen und warteten auf das große Spektakel Formel 1. Längst liefen die Vorbereitungen, schoben Mechaniker die Reifen hin und her, klügelten die Teamchefs die Strategie aus. Nur einer fehlte inmitten dieser kollektiven Aufregung: Felipe Massa.
Vor dem Motorhome von Ferrari hatten sich Kamerateams aus aller Welt aufgebaut und warteten auf Neuigkeiten. Doch das Bulletin blieb unverändert: Bruch des Stirnknochens, ein tiefer Schnitt über dem linken Auge und eine Gehirnerschütterung. Während des Qualifikationstrainings zum Großen Preis von Ungarn am Samstag war der 28 Jahre alte Brasilianer verunglückt, wurde noch am Abend im Budapester Militärkrankenhaus operiert und danach in ein künstliches Koma versetzt.
Wie bei solch schweren Kopfverletzungen üblich, sprachen die Ärzte zunächst von einer lebensbedrohlichen Situation. Ferrari wies diese Berichte als absoluten Blödsinn zurück, und am Sonntag gab auch Dino Altmann, der persönliche Arzt von Massa, Entwarnung: Alle Anzeichen, die wir haben, sind positiv. Eine Aussage, die einer kleinen Sensation gleicht. Denn offenbar ist Massa dem Tod nur um Zentimeter entgangen.
Senna und Ratzenberger waren die letzten Todesfälle
Mit rund 220 Kilometern in der Stunde raste er in seinem Ferrari auf Kurve vier des Hungarorings zu, als ihm eine rund 800 Gramm schwere Metallfeder an den Helm schlug. Für einen kurzen Moment war der Brasilianer benommen, drückte gleichzeitig das Brems- und Gaspedal und prallte schließlich mit etwa 170 Kilometern in der Stunde frontal in einen Reifenstapel. Bei der Bergung durch Rennarzt Gary Hartstein war Massa bewusstlos. Etwa vier Sekunden vor dem Unfall war Rubens Barrichello im Brawn an dieser Stelle vorbeigefahren und hatte die Feder verloren.
Die Bilder von seinen Verletzungen, das geschwollene Auge und die blutende Wunde, machten der Formel-1-Gemeinde unweigerlich bewusst, welchem Risiko die Fahrer permanent auf der Strecke ausgesetzt sind. Wir werden selbstzufrieden, wenn wir nicht mit einem ernsthaften Unfall konfrontiert werden, sagt McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh und erinnert an das schreckliche Wochenende von Imola im Mai 1994, als Ayrton Senna und Roland Ratzenberger ihre Leben ließen.
Es waren die letzten beiden Todesfälle in der Formel 1. Ein massiver Weckruf, sagt Whitmarsh, der alle zu enormen Verbesserungen der Sicherheit bewegt hat. Die Materialien, aus denen die Autos gefertigt werden, sind wesentlich stabiler geworden und widerstehen scheinbar unglaublichen Kräften. Durch das sogenannte Monocoque, die Sicherheitszelle, sind die Körper der Piloten inzwischen so gut geschützt, dass sie auch die schlimmsten Unfälle nahezu unverletzt überstehen.
Barrichello: Es muss etwas unternommen werden
Was bleibt, ist vor allem ein Risiko: der Kopf. Er bleibt trotz Helmen aus Kohlefaser und Titan das schwächste Glied in der Sicherheitskette. Genau das ist der Schwachpunkt eines Formelautos, sagt Toyota-Pilot Timo Glock. Und doch ist das offene Cockpit laut Definition notwendig, damit ein Rennwagen überhaupt als Formel-Auto bezeichnet werden darf. Welche Gefahr dies zur Folge haben kann, wurde schon am Sonntag vor eine Woche in Brands Hatch deutlich.
Bei einem Rennen in der Formel 2 wurde der 18 Jahre alte Engländer Henry Surtees von einem umherfliegenden Reifen am Helm getroffen und erlag wenig später in einem Londoner Krankenhaus seinen schweren Kopfverletzungen. Der Unfall von Massa hat nun eine neue Sicherheitsdebatte hervorgerufen. Das ist schon die zweite Botschaft, die wir erhalten. Dass diese Dinge passieren, ist kein Zufall, sagt Barrichello. Es muss etwas unternommen werden.
Schon dieser Unfall hätte schlimm ausgehen können
Bis kurz vor Mitternacht war am Samstagabend Bernie Ecclestone, der Vermarkter der Formel, im Krankenhaus bei Massa. Der Achtundsiebzigjährige kündigte danach eine umfassende Untersuchung des Unfalls an und sagte: Ich dachte, dass wir das Ende solcher Dinge bereits erlebt haben. Es ist sehr beunruhigend. Schon im Frühjahr 2007 gab es erstmals Forderungen, die Cockpits durch Sicherheitskäfige oder Panzerglaskuppeln zu schützen. Auslöser war die Kollision zwischen David Coulthard und Alexander Wurz in Melbourne gewesen. Damals berührten sich beide Wagen, Coulthard hob mit seinem Red Bull ab und flog nur wenige Zentimeter über den Kopf des Österreichers hinweg. Schon dieser Unfall hätte schlimm ausgehen können, sagt Barrichello.
Wie lange Felipe Massa benötigt, um sich von seinen Verletzungen zu erholen, steht noch nicht fest. Am Sonntagmorgen wurde er aus dem künstlichen Koma geholt und konnte seine im fünften Monat schwangere Ehefrau Rafaella und seine Eltern sehen, die noch in der Nacht von Brasilien nach Budapest geflogen waren.
Jedes Mal auf der Strecke riskieren sie ihr Leben
Eine Computertomographie hatte zuvor ergeben, dass er keine weiteren Verletzungen davongetragen hat. Um die Mittagszeit wurde Massa wieder in den künstlichen Tiefschlaf versetzt und soll darin wohl bis zu diesem Montag bleiben. Sein Zustand soll stabil sein, an Autorennen aber ist derzeit nicht zu denken.
Gerüchten zufolge soll der Ferrari-Berater Michael Schumacher nun Massa bei den Rennen vertreten. Manager Willi Weber dementierte dies jedoch umgehend: Ein Comeback ist völlig ausgeschlossen. Möglicherweise wird beim nächsten Rennen am 23. August in Valencia einer der Testfahrer, der Spanier Marc Gene oder der Italiener Luca Badoer, eingesetzt. In Budapest fehlte Massa in der Startaufstellung, und das erinnerte alle noch einmal unweigerlich daran, was McLaren-Teamchef Whitmarsh so formuliert: Diese Rennfahrer sind unglaublich mutig, das sollten wir nicht vergessen. Jedes Mal, wenn sie auf die Strecke gehen, riskieren sie ihr Leben. Die Show geht weiter.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, reuters