Von Wohlstand ausgeschlossen

Tibeter spüren von Chinas Wirtschaftswunder nichts

Von Christoph Hein

Die Bahnlinie zwischen Lhasa und Peking wurde im Sommer 2006 fertiggestellt

Die Bahnlinie zwischen Lhasa und Peking wurde im Sommer 2006 fertiggestellt

16. März 2008 Junge Tibeter rütteln mit bloßen Händen an den Stahlgittern vor dem Eingang einer Filiale der Bank of China in Lhasa. Diesen Fernsehbildern vom Aufruhr in Tibets Hauptstadt kommt symbolische Bedeutung zu: Denn die Tibeter sind vom wachsenden Wohlstand Chinas ausgeschlossen geblieben. So findet der Widerstand gegen China auch Nahrung im Elend des Himalaja-Volkes.

Die Beendigung der „Feudalherrschaft“, die China offiziell als einen der Gründe seiner Invasion nannte, brachte den Tibetern keinen wirtschaftlichen Aufschwung. Bis heute ist Tibet die ärmste Provinz der Volksrepublik. Das Wohlstandsgefälle zwischen den eingewanderten Han-Chinesen und den Tibetern wächst sogar. Und auch im Exilland Indien leben viele Flüchtlinge in ärmlichen Kolonien, wie etwa am Rande Delhis.

Das jüngste Sinnbild für Pekings Willen, Tibet zu entwickeln, ist die gut eintausend Kilometer lange Bahnlinie zwischen Lhasa und Peking. Sie wurde im Sommer 2006 fertiggestellt. Für die China Railway Construction Corp, die die Tibet-Bahn, aber auch die Strecke für den Transrapid in Schanghai gebaut hat, haben sich die anspruchsvollen Aufträge und die dabei gewonnene Reputation und Erfahrung bezahlt gemacht: Erst vor wenigen Tagen hat sie Aufträge über 2,6 Milliarden Dollar für den Bau von zwei Bahnlinien in Libyen gewonnen. Auch dort hat es China auf den Abbau von Rohstoffen abgesehen. So dienten die neuen Strecken in erster Linie dem Transport von Eisenerz, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua.

Gut ausgebildete Han-Chinesen kommen nach Tibet

In China gilt die Strecke auf den Himalaja als Beispiel für Wille und Kraft Chinas, Tibet in das Reich der Mitte einzugliedern. Eine Ingenieurleistung ist die Bahnstrecke ohne Zweifel. China-Kritiker indes verweisen auf sie als Mittel zur Ausbeutung der Bergregion: „Die Bahn wird den breiten Abbau von Tibets Mineralien und Rohstoffen ermöglichen. Die Ausbeutung dieser Bodenschätze und das Stärken der Kommandowirtschaft Chinas waren die wichtigsten Motive für ihren Bau“, heißt es in der Studie „Wie Chinas Wirtschaftspolitik und die Eisenbahn Tibet verändern“, die die Internationale Kampagne für Tibet in Washington vorgelegt hat. Tibet verfügt neben großen Salzvorräten über Vorkommen von Gold, Kupfer und Uran.

Sorge über die Pläne Chinas in Tibet herrscht auch in den umliegenden Ländern. Indien fürchtet, dass der Bau von Staudämmen große Folgen auf die Wasserversorgung des Subkontinents habe.

Die Tibeter selbst bleiben von der Entwicklung, die Peking in Lhasa vorantreibt, weitgehend ausgeschlossen. „Die tibetischen Gebiete Westchinas verzeichnen mit die höchste Armutsrate Chinas, das größte Gefälle zwischen Stadt und Land und mit Abstand die schlechtesten Kennzahlen für Bildung“, heißt es in einer Studie des Ökonomen Andrew Martin Fisher. Er weist darauf hin, dass die durch Anreize der Regierung nach Tibet strömenden Han-Chinesen im Schnitt über eine wesentlich höhere Bildung und vor allem die Sprache der Verwaltung verfügten, so dass die Tibeter selber vom Aufstieg in ihrem eigenen Land weitgehend ausgeschlossen blieben.

An den Rand gedrängt

„Der Mangel an Arbeitsplätzen drängt die Tibeter an den Rand des Wirtschaftslebens. Sie haben in den vergangenen Jahren stark unter der Einwanderungspolitik der chinesischen Regierung gelitten – sie bringt immer mehr Chinesen nach Tibet, um sich dort anzusiedeln und zu arbeiten“, heißt es im Bericht zur „Menschlichen Entwicklung und Lage der Umwelt“ der tibetischen Exilregierung im indischen Dharamsala. In Tibet, so der jüngste Zensus Chinas, leben inzwischen zehn Millionen Menschen. Die Hälfte von ihnen, so schätzen die Exilanten, seien schon Chinesen. „Eine Basis festangestellter Chinesen mit sicheren Arbeitsplätzen wird gebraucht, um die Loyalität der entfernten Provinz sicherzustellen. Das bedeutet, dass der Staat Stellen in eigenen Konzernen und Regierungsämtern schaffen musste. Über die Jahre investierte China auch in die Infrastruktur Tibets, so dass zudem eine große Anzahl staatlich finanzierter Bauarbeiterstellen geschaffen wurde“, erklären die Exiltibeter die Ansiedlungspolitik.

Der Grund für das Zurückbleiben der Tibeter liegt vor allem im Mangel an Bildung. Bis heute sind fast die Hälfte aller Tibeter Analphabeten, 60 Prozent aller Frauen. Die Vereinten Nationen bescheinigen Tibet die schlechteste Bildungssituation aller 31 chinesischen Provinzen. Die chinesischen Sprache und Schrift, die in der Schule gelehrt wird, ist nicht die ihre. „Die Tibeter selber arbeiten vor allem auf dem Land und als Tierzüchter, die Chinesen überwiegend in der Verwaltung und im Dienstleistungssektor.“

„Ein Themenpark für Chinesen“

In der Hauptstadt Lhasa blüht freilich der Handel mit Antiquitäten und Kunsthandwerk, aber auch mit Fellen und Körperteilen von Tieren, die unter Artenschutz stehen. Genährt wird er vom wachsenden Tourismus. Neben der steigenden Zahl ausländischer Gäste hat die Eisenbahn auch einen Zuwachs chinesischer Urlauber in Tibet gebracht. „Lhasa ist eine Art Themenpark für Chinesen“, kritisiert die Exilregierung unter dem Dalai Lama. Unter Chinesen gilt es heute als chic, die alte Kultur Tibets neu zu interpretieren, etwa in der Mode.

Die Entwicklung Tibets ist Teil des im Jahr 2000 unter Chinas damaligem Präsidenten Jiang Zemin begonnenen Plans, den Westen zu entwickeln. Die Regierung leistet seither enormen Aufwand, die Infrastruktur auszubauen und diesen größten Teil des Landes an die prosperierende Ostküste anzuschließen. „Chinas Fünfjahrespläne bringen große Summen für den Bau von harter Infrastruktur auf. Sie dient etwa dem Tourismus. Sehr wenig hingegen wird ausgegeben für die weiche Infrastruktur, wie Ausbildung oder das Schaffen von Arbeitsplätzen für Tibeter“, kritisiert der Entwicklungsbericht aus dem Haus des Dalai Lama.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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