27. März 2008 Als der chinesische Kommunisten-Führer Mao Tse-tung im Oktober des Jahres 1950 seinen Truppen befahl, in Tibet einzumarschieren, rechtfertigte er das unter anderem mit historischen Hinweisen und Bezügen: Tibet sei immer integraler Bestandteil Chinas gewesen. Die heutige Pekinger Führung bleibt dabei und will in Tibet gewiss nach ihrem Verständnis den Anfängen wehren; denn ethnische wie religiöse Minderheiten hat das Riesenreich mehr als genug, zum Beispiel die muslimischen Uiguren, ein Turkvolk, in der Provinz Xinjiang zwischen Kaschgar und Urumqi lebend, das ebenfalls seit vielen Jahren unruhig ist.
Das Reich der Mitte und Tibet verbindet eine bewegte Geschichte, bei welcher der lamaistische Gottesstaat meistens der machtpolitisch unterlegene Partner war und durch seine spirituelle Bedeutung für den Buddhismus hervorstach. China beruft sich im Wesentlichen auf die Periode der mongolischen Dynastie der Yuan (1277-1367), auf die Herrschaft der Ming-Dynastie (1368-1644) und die Mandschu-Herrschaft der Qing (1644-1911), unter der das lange Zeit einseitige Verhältnis der Tibeter zur Zentralmacht freilich viel komplexer zu werden begann.
Im Sog von Diplomatie und Militär
Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts geriet Tibet in den Sog jener diplomatischen und militärischen Strömungen in Zentralasien, die als Great Game bekanntgeworden sind. Die Briten von Indien aus und der russische Zar aus dem Innern des von ihm eroberten Mittelasiens nahmen am Rande auch Tibet in ihren Fokus, während Afghanistan das eigentliche Schlachtfeld wurde. Dass zu jener Zeit die ersten europäischen Forschungsreisenden das Land am Dach der Welt durchstreiften, hing damit ebenso zusammen wie die Tatsache, dass sich die großen Mächte Russland und Großbritannien prominent daran beteiligten und die Ergebnisse ihrer Forscher für ihre künftigen Aspirationen auswerteten.
Die Briten wollten Lhasa ohne die Erlaubnis des tibetischen Gouverneurs seit 1904 für ihren Handel öffnen, doch die Tibeter leisteten Widerstand. Der Dalai Lama, der dreizehnte, flüchtete in die Mongolei, wo man das Oberhaupt der Tibeter noch heute verehrt, anschließend nach China. 1910 konnte er nach Lhasa zurückkehren, doch weil die Chinesen Tibet enger an sich binden wollten, schickten sie Truppen, was den Dalai Lama abermals für kurze Zeit ins Exil zwang - dieses Mal nach Indien.
Die revolutionären Veränderungen in China führten schon 1911 dazu, dass er zurückkehren konnte und im selben Jahr die Unabhängigkeit Tibets proklamierte. Diese endete endgültig mit dem Ausruf der Volksrepublik China im Jahre 1949 und dem Einmarsch rotchinesischer Soldaten im Folgejahr. Der vierzehnte Dalai Lama blieb noch einige Zeit, ging dann jedoch 1959 endgültig nach Indien ins Exil, wo er in Dharamsala seine Zelte aufschlug. Seither beschäftigt Tibet immer wieder einmal die Weltöffentlichkeit. Eine nicht ganz kleine Gruppe von Tibetern lebt bis heute auch in der Schweiz, wo ihr Anliegen Interesse findet.
Ein Volk mit eigener Sprache und Schrift
Das hat auch damit zu tun, dass Land und Leute im Westen faszinieren, vor allem die Religion der Tibeter. Spätestens seit dem 8. Jahrhundert nach Christus ist der Lamaismus oder Tantrismus in Tibet durch Urkunden sicher belegt. Er ist die vielleicht am meisten ritualisierte Form des Buddhismus überhaupt, zudem die hierarchischste - im Unterschied etwa zu dem eher nüchternen Hinajana, dem Kleinen Fahrzeug, in dem man die Grundform des Buddhismus sehen kann, aber auch verglichen mit dem Mahajana oder dem Großen Fahrzeug, dem die Mehrzahl der Buddhisten heute angehört. Die tibetische Form des Buddhismus heißt auch Vajrajana oder Diamantenes Fahrzeug.
Früher waren die Beziehungen zwischen einzelnen Klöstern der Tibeter zu buddhistischen Klöstern außerhalb des Landes eng, durch die chinesische Besetzung und Einschnürung Tibets sind viele dieser Kontakte abgeschnitten worden. Vor allem die Klöster sind traditionell Hüter des spirituellen Erbes des tibetischen Buddhismus.
Tibeter, ein Volk mit eigener Sprache und eigener Schrift, die wenigstens tausend Jahre alt zu sein scheint, leben auch in der Nachbarschaft Tibets, unter anderem in den Provinzen Gansu und Sichuan, doch auch in Nepal. Als der jetzige Dalai Lama (übersetzt etwa: Ozean des Wissens) vor etlichen Jahren aus dem indischen Exil das Ghandan-Kloster in Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei, besuchte, wurde er dort begeistert empfangen.
Im Alter von vier Jahren entdeckt
Der vierzehnte Dalai Lama, dessen Name Tensin Gyatsho lautet, war mit vier Jahren als Inkarnation (Wiederverkörperung) des Vorgängers Thubten Gyatsho von Mönchen und Priestern identifiziert worden. Im Dalai Lama, dessen Sitz der Potala-Palast in Lhasa ist, verehren die Tibeter die 14. Wiedergeburt des Boddhisatva Avalokiteshvara, des Gottes der Gnade und Barmherzigkeit Tschenresi. Der Titel des Dalai Lama geht auf das Jahr 1642 zurück, als ein mongolischer Fürst ihn der fünften Wiedergeburt Avalokiteshvaras aus Respekt verlieh. Als zweithöchste Autorität der Tibeter gilt der Pantschen Lama, der traditionell in der Stadt Shiga-tse residiert.
Unter der Führung ihrer Gottkönige haben die von den Mönchen geleiteten Tibeter ihre Frömmigkeit weitgehend bewahrt. Doch die im Zentrum des Buddhismus stehende Lehre von der absoluten Gewaltlosigkeit (ahimsa), die auch der Dalai Lama immer aufs Neue predigt, hat unter seinen Anhängern in Tibet, zumal unter der Jugend, angesichts der fortgesetzten kulturellen Überwältigung offenkundig nicht mehr absolute Gültigkeit (es gab freilich auch in früheren Zeiten durchaus gewalttätige Zusammenstöße).
Der Dalai Lama ist im Alter von vier Jahren im Jahre 1939 als Wiedergeburt identifiziert worden, er ist jetzt im 73. Lebensjahr. Vor allem die Frage seiner Nachfolge wird zwischen Tibetern und Chinesen noch zu einer auch politisch hochsensiblen Angelegenheit werden, ganz unabhängig davon, wie die gegenwärtige Krise ausgehen wird.
Text: F.A.Z.
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