Von Marie Katharina Wagner, Rikon
Links des Flusses schmiegen sich Häuser mit hölzernen Fensterläden an den Hang. Rechts des Flusses steht eine kleine Fabrik. Nur die Imbissbude am Bahnhof von Rikon im Kanton Zürich will nicht recht in die Schweizer Idylle passen. Hier gibt es täglich frische tibetische Momo, mit Rindfleisch gefüllte Teigtaschen, dazu Free-Tibet-Wein, den die Lhasa Boys Vereinigung Schweiz vertreibt. Lächelnd grüßt der Dalai Lama von der Wand. In Rikon steht das erste auf seinen Wunsch errichtete buddhistische Kloster außerhalb Asiens.
Das Dorf ist der wichtigste spirituelle Ort für die Exil-Tibeter in der Schweiz. Etwa 3500 Tibeter leben in dem Alpenstaat, dreimal so viele wie in allen anderen europäischen Ländern zusammen. Im Klösterlichen Tibet-Institut in Rikon wird für die Glaubensbrüder und -schwestern in Tibet gebetet. Auch hier in den Schweizer Bergen tritt der Generationenkonflikt zutage, der den Konflikt in Tibet prägt: Die Jungen wollen um jeden Preis etwas bewegen, die Alten predigen den Gewaltverzicht.
Zum Geburtstag kommt der Dalai Lama
Zum Kloster geht es hinter der Fabrik eine steile Straße hinauf. Ohne die Fabrik unten im Tal wäre das Kloster nie dort hinaufgekommen. Nach der Flucht des Dalai Lamas ins indische Exil 1959 verließen 90.000 weitere Tibeter ihre Heimat. Als erstes europäisches Land nahm die Schweiz 1961 tausend tibetische Flüchtlinge auf. Die Metallwarenfabrikanten Henri und Jacques Kuhn aus Rikon gaben in den folgenden Jahren Dutzenden Tibetern Arbeit und Unterkunft. Als sie merkten, dass die Exilanten nicht heimisch wurden in den Schweizer Bergen, bauten sie ihnen ein Kloster. Der Dalai Lama schickte 1967 einen Abt und vier Mönche nach Rikon.
In diesem Jahr feiert das Kloster sein vierzigjähriges Bestehen. Zum Fest im Oktober wird der Dalai Lama erwartet. Heute leben neun Mönche und ein Abt im Tibet-Institut. Sie bieten Meditationskurse und Buddhismus-Seminare an. Seit 2001 läuft das vom Dalai Lama angeregte Programm Science Meets Dharma, eine naturwissenschaftliche Ausbildung der Mönche, die eine Brücke zwischen Klosterleben und der modernen Welt schlagen soll.
Vor dem weißen Gebäude wehen die Schweizer, die tibetische und die buddhistische Flagge. In den Bäumen hängen verblichene Gebetsfähnchen; durch den Wald blitzt die goldene Verzierung der Stupa, einer buddhistischen Kultstätte, die 1985 vom Dalai Lama geweiht wurde und an der die Tibeter ihre Opfergaben hinterlassen. Eine Sammlung geopferter Teddybären zeugt von der westlichen Prägung der Buddhisten von Rikon. Vor der Gebetszeremonie ist die Stimmung unter den Tibetern heiter. Viele sprechen Schweizerdeutsch miteinander. Die älteren Frauen sind in Trachten gekommen, die Mode der wenigen jungen Frauen deutet auf ein Großstadtleben. Neuigkeiten aus Tibet hat niemand. Zu groß sei die Angst, am Telefon offen zu sprechen.
Melodiöser Dialog mit den Mönchen
Einer der Alten, die gegen die Gewalt der protestierenden Tibeter anreden, ist Karma Parming, Präsident der Tibetergemeinschaft in der Schweiz und Liechtenstein. Parming spricht zum Ende der zweistündigen Gebetszeremonie im engen Kultraum des Instituts. Überall sitzen Tibeter, kein Fuß passt mehr auf den Boden. Einzelne westliche Gesichter sind unter den Betenden. Parming appelliert auf Tibetisch und Deutsch an die Gemeinde, den von Seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama, begonnenen Weg der Gewaltlosigkeit nicht zu verlassen.
Seine Rede unterbricht die meditative Gebetshaltung der Tibeter, die während der Zeremonie in anhaltendem Singsang einen melodiösen Dialog mit den Mönchen führen. Auf dem Thron im Kultraum, der immer für den Dalai Lama reserviert ist, steht an diesem Wochenende nur sein Foto. Trotzdem schenkt einer der rotgewandeten Mönche dem Oberhaupt der Tibeter eine Tasse Tee ein und stellt sie vor das Bild. Erst danach wird auch allen anderen eingeschenkt.
Später, nachdem vor dem Kloster die tibetische Hymne gesungen worden ist, spricht Parming seine Sorgen deutlicher aus. Wenn der Dalai Lama in den nächsten Jahren keinen Erfolg vorweisen kann, weiß niemand, wie die Jugendlichen darauf reagieren werden. Erfolg, das sei ein Dialog mit den Chinesen. Die indische Organisation Tibetan Youth Congress, die angibt, sie habe 30.000 Mitglieder auf der ganzen Welt, führt Parming als Beispiel für eine radikale, gewaltbereite und unberechenbare Jugendbewegung an, die bereit sei, dem Dalai Lama seine Führungsrolle abzusprechen. Auch in der Schweiz gebe es Hitzköpfe. Kürzlich mischten sich Steinewerfer unter friedliche Demonstranten vor dem chinesischen Konsulat in Zürich. Sie müssten dringend beruhigt werden, zum Beispiel durch Zeremonien wie das gemeinsame Beten für den Weltfrieden an diesem Tag, sagt Parming.
Ihr seid in Europa, ihr seid unsere Hoffnung!
Als hätte sie mitgehört, sagt die Frau, die an diesem Tag die jungen Tibeter vertritt, kurz vor Beginn der Gebete: Diese zwei Stunden der Zeremonie sind für mich wichtig, um einmal wieder zur Ruhe zu kommen. Doch die Unruhe von Tendon Dahortsang ist nicht von der Art, wie die älteren Exiltibeter sie fürchten. Die 27 Jahre alte Schweizerin tibetischen Ursprungs hat Protestaktionen koordiniert. Sie ist Präsidentin des Vereins Tibeter Jugend in Europa, einer Vereinigung mit rund 400 Mitgliedern.
An der Störaktion während der Entzündung des olympischen Feuers in Griechenland waren Leute ihres Vereins beteiligt. In Genf haben sie vor der Zentrale des Internationalen Olympischen Komitees protestiert. Eigentlich ist Frau Dahortsang Rechtsreferendarin. Über ihrem traditionellen blauen Gewand trägt sie einen engen Wollmantel, dazu hohe Stiefel. Ein Anstecker zeigt die tibetische Flagge. Den trage ich eigentlich immer, sagt sie.
Sie war zwei Monate alt, als sie mit ihrer Mutter über Nepal in die Schweiz kam. Ihr Vater konnte erst 13 Jahre später aus Tibet ausreisen. Nur einmal war Tendon Dahortsang bisher in Tibet, sie war damals 21 Jahre alt. Während eines Besuchs im Potala-Palast, der ehemaligen Residenz des Dalai Lamas in der tibetischen Hauptstadt Lhasa, habe ein Mönch sie am Arm gefasst und angefleht: Tut etwas für uns, ihr seid in Europa, ihr könnt studieren, ihr seid unsere Hoffnung! Seither weiß sie, dass sie für die tibetische Sache kämpfen will.
Logische Reaktion auf fünfzig Jahre Unterdrückung
Tendon Dahortsang verurteilt die Gewalt der Protestierenden in Tibet nicht. Sie will erst gar nicht von Gewaltakten sprechen, sondern von einer logischen Reaktion auf fünfzig Jahre Unterdrückung. Es werde noch mehr passieren, eine Lawine sei losgetreten, und endlich hielten durch die mediale Vernetzung alle Provinzen zusammen. Ihr Verein wolle aber keine Gewalt anwenden, sondern gewaltvolle Bilder erzeugen, wie die Fotos blutrot angemalter Aktivisten in Olympia.
Wenn die Rede auf den Dalai Lama kommt, fordert Frau Dahortsang bedingungslose Loyalität. Seine Heiligkeit ist für uns der größte Widerstandskämpfer, sagt sie. Es gebe Weisheiten, die sie und ihre Mitstreiter beachteten, etwa Töte keine Tiere oder Rege dich nicht unnötig auf. Sie hätten aber eher ein philosophisches Interesse an den buddhistischen Texten, sie gingen an sie heran wie an Texte von Kant oder Schopenhauer.
In der Loyalität zum Dalai Lama sind sich die Jungen und die Alten in Rikon einig. Auch der Sondergesandte des Dalai Lamas in Europa, Kelsang Gyaltsen, ist gekommen. Er hatte als junger Mensch dasselbe Amt inne wie jetzt Tendon Dahortsang, war Präsident des Vereins der Tibeter Jugend in Europa. Gyaltsen sieht noch keine Gefahr in der Aktionsbereitschaft der jungen Tibeter, ob in Europa oder Asien. Die Gewaltbereiten seien in der Minderheit. Die Mehrheit, dazu zählt er auch Tendon Dahortsang und ihren Verein, sei friedlich, zugleich aber kreativer, engagierter und entschlossener als zu seiner Zeit.
In Zürich sprühten junge Schweizer und Tibeter gemeinsam mit Graffiti-Künstlern den Spruch Stand up for Tibet an eine Wand. Ganz legal, wie die Juristin Dahortsang beteuert. Das ist ihre Form der Solidaritätsbekundung mit den Brüdern und Schwestern in Tibet.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: F.A.Z. - Marcus Kaufhold