Bach im Interview

„Olympia-Boykott wäre der falsche Weg“

Die tibetische Kugelstoßerin Tsultrim Gope bei einer Demonstration im histori...

Die tibetische Kugelstoßerin Tsultrim Gope bei einer Demonstration im historischen Olympia in dieser Woche

15. März 2008 IOC-Vizepräsident Thomas Bach im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über die Gewalt der chinesischen Machthaber gegen Tibeter, die Erfahrungen mit Boykotten und die Rolle des IOC.

In Lhasa eskaliert die Gewalt gegen Mönche und Zivilisten, das Eingreifen der chinesischen Machthaber wird schon mit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 verglichen. Wie steht das Internationale Olympische Komitee nur wenige Monate vor den Olympischen Sommerspielen in Peking zu dieser Situation?

Wir verfolgen die Entwicklungen und Vorfälle mit großer Aufmerksamkeit und Sorge. Wir rufen beide Seiten zum Gewaltverzicht auf und hoffen auf eine Lösung durch friedlichen Dialog.

Das Wort Boykott macht bereits die Runde. Was antworten Sie auf Forderungen, den Spielen in Peking aus Protest gegen die gewaltsame Unterdrückung der Tibeter fernzubleiben?

Das wäre der falsche Weg und völlig kontraproduktiv. Die Politik hat diese Lektion bereits in der Vergangenheit gelernt: Jeder Versuch von Boykotten gegen Olympischen Spiele war stets von Misserfolg gekrönt. Ich glaube, diese Botschaft ist angekommen. Die Rolle des Sports ist es, Brücken zu bauen, und nicht, Mauern zu errichten.

Bach: “Das IOC hat keine Divisionen“

Bach: "Das IOC hat keine Divisionen"

Ist das denn im Moment überhaupt möglich?

Der Sport muss auch dieser Funktion nachkommen. Diese Haltung trifft sich sogar mit einer aktuellen Stellungnahme der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Diese hat sich heute gegen einen Olympia-Boykott ausgesprochen. Sie tut das, weil die Politik und auch die Nichtregierungsorganisationen die Möglichkeiten erkennen, die Olympische Spiele bieten: nämlich die öffentliche Aufmerksamkeit auf ein Land zu ziehen. Sie wissen, dass eine solche Konstellation viel mehr zum Fortschritt beitragen kann als der Versuch einer Isolation.

Könnte das IOC nicht mehr tun, als unverdrossen den einmal beschlossenen Weg weiterzugehen?

Wir tun mehr: Wir fordern zum Dialog auf. Aber das IOC hat kein politisches Mandat. Ich will einmal ein Zitat aufgreifen, das sonst auf den Vatikan angewandt wird: Das IOC hat keine Divisionen. Man kann nicht erwarten, dass es die Probleme löst, die Generationen von Staatsmännern nicht in der Lage waren zu lösen. Unabhängig davon hat Präsident Jacques Rogge in seinen Gesprächen mit der Staats- und Parteiführung immer wieder die Fragen der Menschenrechte angesprochen.

Sollte man in Zukunft nicht bei der Vergabe Olympischer Spiele an ein Land mehr darauf achten, welches innere Konfliktpotential ihre reibungslose Austragung bedroht?

Mit der Vergabe der Spiele ist ja gerade die Hoffnung verbunden, dass eine Gesellschaft sich öffnet. In vielen Bereichen ist das in Bezug auf China ja auch passiert, wenn auch insgesamt nicht zureichend. Aber gerade in der momentanen Situation können Sie doch die erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit erkennen. Das erkennt auch die chinesische Regierung. Diese besondere Aufmerksamkeit sollte es eigentlich erleichtern, in dem Konflikt zu einer friedlichen Lösung zu kommen.

Verlässt damit das Internationale Olympische Komitee nicht allzu sehr sein Kerngeschäft, nämlich die optimale Ausrichtung eines großen Sportfestes?

Gerade in solchen Situationen sind die olympischen Werte und auch die Symbole von besonderer Bedeutung. Zum Beispiel das Leben der Athleten aus aller Welt unter einem Dach. Der Gedanke des friedlichen Wettstreits wird vor diesem Hintergrund besonders wichtig. Die Athleten und die Olympischen Spiele können gerade in dieser Situation ein ganz besonderes Zeichen setzen.

Die Fragen stellte Evi Simeoni.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP