Von Jochen Buchsteiner, Katmandu
13. April 2008 Jampa Thupten blickt durch das Fliegengitter im Betraum nach draußen. In der Mitte des menschenleeren Innenhofs sieht der Mönch die einsame Gebetsmühle. Im Hintergrund stehen ein paar Kindermönche auf der Mauer und schlecken Eis. Nichts deutet darauf hin, dass das abgeschiedene Kloster Whochen Thokjay Choyaling am Rande Katmandus mit dem Rest der Welt verbunden ist. Doch plötzlich bricht es aus dem Mönch heraus, und er spricht über die chinakritischen Demonstrationen im fernen Paris. Er hat sie im Fernsehen verfolgt. Wenn wir den Fackelzug ganz stoppen könnten, sagt der Mönch grimmig, würden wir vielleicht unser Ziel erreichen.
Kampfgeist und Resignation wechseln sich ab, wenn Jampa Thupten über die Lage in Tibet nachdenkt. Noch nie hat der Mönch seine Heimat auf der anderen Seite des Himalaja gesehen. Sein Vater verließ Tibet in den frühen sechziger Jahren und führte später im nordnepalischen Mustang eine Guerrillatruppe. Dort kam Jampa Thupten auf die Welt, und obwohl ihm die nepalische Staatsbürgerschaft angeboten wurde, lehnt er sie bis heute ab. Nach 36 Jahren in Nepal nennt er sich immer noch einen Flüchtling und träumt von einer Rückkehr nach Tibet.
Schon zwei Dutzend Mal eingesperrt
An der Wand des Betraums hängt ein Bild des Dalai Lama, daneben der Schriftzug: Gib niemals auf! Um zu beweisen, dass er sich den Wahlspruch zu Herzen genommen hat, schiebt der Mönch seine Kutte hoch und zeigt seine Wunden am Bein. Sie seien ihm von den nepalischen Sicherheitskräften zugefügt worden, als sie im März Demonstrationen der Exiltibeter aufgelöst haben. Zwei Dutzend Mal sei er in Katmandu schon eingesperrt worden. Ich kenne mittlerweile jeden auf der Polizeistation.
Jampa Thupten ist kein gewöhnlicher Aktivist. Er führt die Nepalisch-Tibetische Freiwilligenjugend für ein Freies Tibet. Seit Jahren organisiert die Gruppe gewaltfreie Proteste im Namen der etwa 20.000 tibetischen Flüchtlinge in Nepal, aber nie zuvor seien die Sicherheitskräfte so brutal gegen sie vorgegangen wie in den vergangenen Wochen, sagt der Mönch.
Das Echo auf die Prügelorgien hallte über Katmandu hinaus. In einem gemeinsamen Brief an Nepals Ministerpräsidenten Koirala verurteilten die Menschenrechtsorganisationen Amnesty International und Human Rights Watch die unnötige und exzessive Gewalt gegen die Demonstranten. Nach ihren Informationen wurden in Nepal mehr als 1500 Demonstranten festgenommen.
Nepal ist in einer Sandwich-Situation
Jampa Thupten hat wenig Hoffnung, dass derartige Briefe die Regierung zum Umdenken bringen könnten. Nepal sei wie eine Kartoffel zwischen zwei Felsblöcken, sagt er. Er meint die übermächtigen Nachbarn Indien und China. Damit spricht er aus, was selbst die Politiker des Landes nicht verschweigen: dass es zu Nepals Staatsräson gehört, keine der beiden Regionalmächte gegen sich aufzubringen.
Prakash Mansingh spricht von einer sehr sensiblen Angelegenheit. Als Vizepräsident der regierenden Kongresspartei ist er mitverantwortlich für das brutale Vorgehen der Staatsgewalt. Auch er benutzt ein Bild vom Eingeklemmtsein. Nepal, sagt er, befinde sich in einer Sandwich-Situation. Der Politikwissenschaftler Dev Raj Dahal weiß von offenen Drohungen aus Peking zu berichten: China hat unserer Regierung deutlich gemacht: Wenn ihr das nicht in den Griff bekommt, dann kommen wir selber und lösen das Problem. Einige hundert Geheimdienstmitarbeiter aus China sollen schon heute in Katmandu unterwegs sein.
Ich kämpfe bis zum Tod
Von einer neuen Regierung in Katmandu haben die Exiltibeter kaum Besseres zu erwarten. Der Vorsitzende der oppositionellen Royalisten, Kamal Thapa, ist zwar schnell dabei, das harsche Vorgehen gegen die Exiltibeter als schwere Menschenrechtsverletzung zu verurteilen, aber in seine Zeit als Innenminister fiel die Schließung des Dalai-Lama-Büros in Katmandu. Auch unter den Maoisten, die nach den Wahlen vom Donnerstag auf eine führende Rolle in Nepal hoffen, wird es den Exiltibetern nicht besser ergehen. Wir werden keine politische Aktivität dulden, die gegen irgendeinen fremden Staat gerichtet ist, sagt der Chefideologe der Maoisten, Baburam Bhattarai.
Unlängst schoben die nepalischen Behörden einen gerade geflohenen Tibeter nach China ab, weil er während der Aufstände einen chinesischen Polizisten erschossen haben soll. Seither schleusen die Exiltibeter in Katmandu neue Flüchtlinge sofort nach Indien weiter, in der Regel zum Sitz des Dalai Lama in Dharamsala. Das Geschäft mit den Flüchtlingen laufe in Nepal inzwischen diskret und klandestin, sagt Rabi Khadka, der das Thema für den Privatsender Kantipur bearbeitet. Viel war in den nepalischen Medien nicht über die Exiltibeter zu hören und zu lesen. Der lange Arm der Chinesen habe weit über die staatlichen Medien hinausgereicht, sagt Khadka.
In der kommenden Woche wollen Jampa Thupten und seine 300 Freiwilligen die Proteste wiederaufnehmen. Dass ihm die Behörden in einem Schreiben mit Abschiebung gedroht haben, würde er abermals auf einer Demonstration aufgegriffen, schreckt ihn nicht ab. In diesem Fall gehe ich eben zurück nach Tibet, sagt Jampa Thupten. Ich kämpfe bis zum Tod.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP