21. März 2007 Die Kultusministerkonferenz (KMK) und Lehrerverbände haben den Bericht des UN-Sonderberichterstatters Vernor Muñoz Villalobos über das deutsche Bildungssystem scharf kritisiert. Darin bemängelt Muñoz im Anschluss an die internationalen Pisa-Vergleichsuntersuchungen die fehlende Chancengleichheit in Deutschland sowie die Ausgrenzung Behinderter in Sonderschulen.
Er fordert die Bundesregierung auf, durch gezielte Forschung zu untersuchen, ob die Dreigliedrigkeit des deutschen Schulsystems nicht die Ursache für fehlende Chancengleichheit sei. Das Schulsystem müsse so reformiert werden, dass es einerseits die hohe Bildungsbeteiligung behalte, andererseits die Ungleichheit überwinde, fordert Muñoz. Er hatte vom 13. bis zum 21. Februar 2006 Schulen in Berlin, Brandenburg und Bayern besucht und war vom Deutschen Institut für Menschenrechte unterrichtet worden.
Einzelförderung geht vor
Der Präsident der KMK, Berlins Bildungssenator Zöllner (SPD), warnte vor einer neuerlichen Diskussion über die Schulformen, die zweitrangig seien. Es komme vielmehr darauf an, jedes einzelne Kind zu fördern. Übereinstimmung herrscht zwischen KMK und Muñoz darüber, dass die Abhängigkeit von Bildungserfolg und sozialer Herkunft aufzuheben sei. Zöllner wies den Vorwurf zurück, behinderte Kinder würden ausgegrenzt. Er verwies auf integrative Modelle mit gemeinsamem Unterricht für behinderte und nicht behinderte Kinder.
Für abwegig hält er auch den Vorschlag, das sogenannte Homeschooling zuzulassen. Damit entstünden die Parallelgesellschaften, die Muñoz zu verhindern suche. Schüler sollten weiterhin die Werte einer offenen, demokratischen und pluralen Gesellschaft in der Schule erfahren. Außerdem habe der Sonderberichterstatter das gesamte duale System der betrieblichen und schulischen Ausbildung außer acht gelassen. In allgemeinbildenden und beruflichen Ausbildungsgängen erwürben jedoch 90 Prozent der Jugendlichen einen Abschluss der Sekundarstufe II.
Nicht nachvollziehbare Kritik?
Auch der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Kraus, kritisierte, dass Muñoz nur die Sekundarstufe I in den Blick genommen habe, damit aber in Vergessenheit gerate, dass Deutschland eine überdurchschnittlich hohe Bildungsbeteiligung und eine zwölf Jahre lange Schulpflicht besitze. Immerhin gelinge es, 85 Prozent der Hauptschulabsolventen in Lohn und Brot zu bringen; die Jugendarbeitslosigkeit sei vergleichsweise gering.
43 Prozent der Schüler erreichten das Abitur inzwischen nicht über das Gymnasium, sondern über das berufliche Schulwesen, sagte der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes Meidinger. Der UN-Bericht sei in vielen Punkten nicht nachvollziehbar.
Konservative Mythen und Rechtfertigungsrhetorik
Der baden-württembergische Kultusminister Rau (CDU) sagte, die Empfehlungen zeigten, dass Muñoz seinen Besuch mit einer festgefügten Meinung angetreten und nur nach Bestätigung gesucht habe. In einem Punkt allerdings habe er recht: Die Überwindung des engen Zusammenhangs zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg sei eine der Legitimationsfragen an das gesamte Bildungssystem.
Um diesen Zusammenhang aufzubrechen, müsse mehr in frühkindliche Bildung und Förderung investiert werden. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft forderte die Kultusminister auf, ihre groteske Kritik am Bericht des Sonderbeauftragten aufzugeben und seine Forderung aufzugreifen. Die Wiederholung konservativer Mythen und Rechtfertigungsrhetorik rufe zu Recht international Kopfschütteln hervor.
Text: oll. / F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, picture-alliance/ dpa/dpaweb, ZB
Hessen-SPD: Walter verweigert sich "Moskauer ![]()
Iranisches Nuklearprogramm: Spekulationen
Die Stimme der Uiguren: Rebiya Kadeer - Die Himmelsstürmerin