HIV-Infektionen

Die Aids-Mythen der Vereinten Nationen

Von James Chin

18. März 2008 Während meiner gesamten Laufbahn im öffentlichen Gesundheitswesen - sie begann in den frühen sechziger Jahren - genoss ich als Vertreter der konventionellen Wissenschaft und der in ihr vorherrschenden Meinungen Ansehen. Seit Mitte der neunziger Jahre jedoch schwimme ich gegen den Strom der Aids-Organisationen. In diesem Zeitraum wurde mir immer klarer, dass die von den Vereinten Nationen entwickelten und von den meisten Glaubensorganisationen unterstützten Aids-Programme (UNAids) eher sozial, politisch und moralisch korrekt sind, als epidemiologisch sinnvoll.

Mein eigenes Verständnis der Epidemiologie des HI-Virus unterscheidet sich deutlich von den Glaubenssätzen vieler Aids-„Experten“ und vom vorherrschenden Paradigma in den Vereinten Nationen. Nach Einschätzung von UNAids wird eine epidemische Übertragung des Virus bei Heterosexuellen unvermeidlich in allen Bevölkerungen ausbrechen, in denen noch keine HIV-Epidemie vorgekommen ist, wenn sich die effektiven Vorbeugeprogramme nicht an die allgemeine Bevölkerung und dabei vor allem an die Jugend richten.

Mein eigenes Paradigma besagt, dass es zu einer epidemischen Übertragung von HIV nur dann kommt, wenn bestimmte menschliche Verhaltensweisen vorliegen. Dazu gehören ungeschützter Geschlechtsverkehr mit mehreren Partnern und/oder der routinemäßige Austausch von Nadeln und Spritzen bei Rauschgiftkonsumenten. So wie ich die Dynamik verstehe, kann bei einer Bevölkerung, die diese riskanten Verhaltensweisen nicht aufweist, keine HIV-Epidemie auftreten.

Die politisch korrekte Erklärung des Thabo Mbeki

In dem Teil Afrikas, der südlich der Sahara liegt, wird die überwiegende Mehrheit der HIV-Infektionen der heterosexuellen Übertragung zugeschrieben. Nach einer verbreiteten Auffassung haben die afrikanischen Aids-Erkrankungen ihre Ursache in Mangelernährung, parasitären Infektionen und schlechten hygienischen Verhältnissen. Mit sexuellem Risikoverhalten haben sie nach dieser Ansicht nichts zu tun.

Diese Hypothese bietet eine einfache und politisch korrekte Erklärung dafür, warum es in dieser Weltregion hauptsächlich zu heterosexuellen Übertragungen von Aids kommt, eine Ansicht, die in Afrika viele politische Führer teilen, allen voran der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki.

Wie kommt es aber, dass die heterosexuelle Übertragung von Aids in vielen Ländern südlich der Sahara wild wuchert, in den meisten anderen Regionen hingegen nicht? Die Weltgesundheitsorganisation und UNAids haben eine direkte Antwort auf diese Frage stets vermieden. Sie sind lieber um den heißen Brei herumgeschlichen, indem sie behaupteten, die Hauptfaktoren für die hohe HIV-Prävalenz seien Armut, Diskriminierung und fehlender Zugang zu Gesundheitsversorgung. Diese Fragen sind zweifelsohne sehr wichtig.

Es gibt allerdings keine epidemiologischen Daten, die die Behauptung stützen, Armut, Diskriminierung oder fehlender Zugang zu Gesundheitsversorgung seien die Haupttriebkräfte bei HIV-Epidemien. Die direkte und epidemiologisch begründete Antwort ist weder sozial noch politisch korrekt. Sie gilt als anstößig, weil sie den Menschen südlich der Sahara das riskanteste Sexualverhalten zuweist.

Kaum jemand schützt sich

Epidemische heterosexuelle HIV-Übertragung in dieser Region kann der Tatsache zugeschrieben werden, dass dort ein großer Teil der Erwachsenen (20 bis 40 Prozent) viele Sexualpartner in kleinen, aber sich überlappenden Sexualnetzwerken hat. Zudem haben epidemiologische Studien gezeigt, dass Krankheiten, die durch Geschlechtsverkehr übertragen werden, südlich der Sahara wenigstens zehn-, wenn nicht hundertmal häufiger vorkommen als in anderen Weltregionen.

Schließlich wird in denjenigen Gruppen südlich der Sahara, die die höchsten HIV-Infektionsraten aufweisen, von Schutzmaßnahmen wie Beschneidung und Kondomen, durch die die übertragene Menge an HI-Viren während des Geschlechtsverkehrs begrenzt wird, am wenigsten Gebrauch gemacht.

Ignoriert und kleingeredet

Das allgemeine Muster des Sexualpartnertauschs ist in den meisten Ländern überwiegend seriell und nicht gleichzeitig. Ein serielles Muster des Sexualpartnertauschs hat bisher nicht ausgereicht, um eine epidemische HIV-Übertragung auszulösen. In den meisten Ländern der Welt ist die Infektionsrate niedrig, und man kann davon ausgehen, dass das auch so bleiben wird.

Das liegt aber nicht an wirksamen Vorbeugeprogrammen. Es liegt vielmehr daran, dass die überwältigende Mehrheit der Weltbevölkerung nicht das Risikoverhalten aufweist, mit dem es zu einer signifikanten epidemischen HIV-Übertragung kommen würde. Diese epidemiologisch begründete Schlussfolgerung wurde bislang aber von UNAids und Aids-Aktivisten ignoriert oder kleingeredet. Die politisch und sozial annehmbarere Botschaft von UNAids lautet: HIV-Risikoverhalten ist in allen Gesellschaften anzutreffen, und darum kann es überall zu Epidemien kommen.

Was den Menschen weisgemacht wird

UNAids und Aids-Aktivisten ist es gelungen, den Menschen weiszumachen, dass der HI-Virus sich in der allgemeinen Bevölkerung ausbreiten könne. Dadurch soll wenigstens zum Teil verhindert werden, dass Personen, die Risikoverhalten zeigen, stigmatisiert werden. Es liegt im Interesse von UNAids, dass sich Öffentlichkeit und Politiker davor fürchten, HIV-Infektionen könnten sich über die Brennpunkte hoher HIV-Prävalenz hinaus in die allgemeine Bevölkerung ausbreiten.

Eine solche Ausbreitung hat aber noch nie stattgefunden. Bei weit mehr als hundert weltweit dokumentierten Epidemien, die Drogenabhängige und/oder Homosexuelle betreffen, hat es noch keine signifikante Verbreitung in die allgemeine Bevölkerung gegeben. Es wurden lediglich die Sexualpartner infizierter Drogenabhängiger oder bisexueller Männer angesteckt.

Milliarden verschwendet

Nach nunmehr fast drei Jahrzehnten, seit die Aids-Pandemie erkannt wurde, sollte der Mythos der „nächsten Welle“ endlich zu Grabe getragen werden. UNAids und andere Aids-Programme in Ländern außerhalb Afrikas südlich der Sahara sollten aufhören, jährlich Milliarden von Dollar für Programme, die sich an die allgemeine Bevölkerung und vor allem die Jugend richten, zu verschwenden. Denn außerhalb dieser Weltregion ist das Risiko für die allgemeine Bevölkerung und die Jugend gering, sich mit HIV zu infizieren.

Zuletzt wurde vermehrt die große Kluft beklagt, die zwischen den weltweit aufgebrachten Mitteln für die Bekämpfung von Aids und denen für andere dringende Bedürfnisse in rohstoffarmen Ländern besteht, wie etwa dem Bedarf an sauberem Wasser. Dabei ist es nicht unbedingt die angemessene Lösung, die Mittel aus den Aids-Programmen umzuleiten. Die beste Lösung wäre es, wenn das weltweite Budget aufgestockt würde, um rohstoffarmen Ländern mit öffentlichen Gesundheitsprogrammen zu helfen.

Aids verlangt eine globale Antwort

Die Aids-Pandemie wurde weltweit auf beispiellose Weise zur gesundheitspolitischen Priorität gemacht - mit der entsprechenden finanziellen Unterstützung. Das ist zum größten Teil auch gut so. Die epidemiologische Inkompetenz von UNAids sollte nicht dazu führen, dass die globale Antwort auf diese beispiellose Pandemie kompromittiert wird. Seit die Aids-Pandemie in den frühen achtziger Jahren erkannt wurde, ist die jährliche Zahl der Aids-Toten unablässig gestiegen. Gegenwärtig sind 30 Millionen Menschen mit HIV infiziert. Jedes Jahr kommen weitere zwei Millionen dazu, und zwei bis drei Millionen Menschen sterben jährlich an Aids - das verlangt eine massive globale Antwort.

Wenn man das globale Aids-Budget ansieht, dann muss man Folgendes feststellen: Für keine Krankheit vor Aids hat es jemals eine internationale Behörde gegeben, die für eine routinemäßige Behandlung einer Krankheit gesorgt hätte, denn das galt stets als Fass ohne Boden. Dennoch versprachen die Staatschefs der G-8-Staaten im Juli 2005, ein „Paket zur HIV-Vorbeugung, -Behandlung und -Versorgung zu entwickeln und einzuführen mit dem Ziel, bis zum Jahr 2010 jedem Bedürftigen so weit wie möglich Zugang zur Behandlung zu verschaffen“.

Schande über uns!

Um dieses Versprechen zu halten, müsste das globale Aids-Budget deutlich angehoben werden, denn bis zum Jahr 2008 haben weniger als ein Viertel der infizierten Personen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen eine HIV-Behandlung erhalten. Hoffentlich wird diese globale Verpflichtung, die routinemäßige Behandlung von HIV-Infizierten zu unterstützen, nur die erste in einer Reihe weiterer Verpflichtungen sein, mit denen Behandlungen für andere schwere Krankheiten bereitgestellt werden.

Ich glaube, dass es in den nächsten zehn Jahren noch erhebliche Defizite dabei geben wird, diese moralischen Verpflichtungen einzuhalten. Dennoch bin ich zuversichtlich, dass es für die meisten schweren Krankheiten einmal umfassende internationale Verpflichtungen bei der Unterstützung von Vorbeugungs- und Behandlungsprogrammen in rohstoffarmen Ländern geben wird. Zu meinen Lebzeiten wird das nicht geschehen, und deswegen: Schande über uns! Die Generation meiner Enkel kann und wird es erreichen - wenn nicht, dann auch Schande über sie!

Der Autor ist Epidemiologe und lehrt an der Universität von Kalifornien in Berkeley.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, picture-alliance/ dpa

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