Internationale Migration

Die große Wanderung

Von Hans-Christian Rößler

15. Juli 2006 Elftausend Afrikaner sind in diesem Jahr nach lebensgefährlicher Fahrt auf den Kanaren an Land gegangen. Ihre Zahl ist niedrig im Vergleich zu den 191 Millionen Menschen, die nach Schätzungen der Vereinten Nationen auf der Suche nach einem besseren Leben ihr Heimatland verlassen haben.

Ihre Zahl wächst stetig, ist aber von einer „neuen Völkerwanderung“ weit entfernt. Für UN-Generalsekretär Annan verkörpern sie keine neuen Gefahren, sondern ein „ideales Mittel“, um die Entwicklung der Herkunfts- wie der Aufnahmeländer voranzutreiben.

„Wir wissen viel zu wenig“

Einige Namen sind weltbekannt. Knapp ein Viertel der Spieler der französischen Nationalmannschaft wurde nicht in Frankreich geboren. Die Gesichter dieser „Fußball-Migranten“ kennen Millionen, über Migranten ist dagegen wenig bekannt. „Wir wissen viel zu wenig“, klagt Hania Zlotnik, die Direktorin des UN-Bevölkerungsprogramms in New York. Zahlen, mit denen sich seriös die internationalen Wanderungsbewegungen und ihre Folgen untersuchen lassen, seien Mangelware.

Von „Chaos“ spricht der UN-Sondergesandte für Migration, Peter Sutherland. In Kofi Annans Auftrag bereist der Brite derzeit die Welt, um für September eine UN-Konferenz vorzubereiten. „Es ist oft völlig unklar, wer zuständig ist, das Justiz-, das Innen- oder das Außenministerium. Wie soll man da effektiv international zusammenarbeiten?“

Nicht nur Süd-Nord

Die meisten Menschen, die ihre Heimat verlassen, um ein besseres Leben zu suchen, zieht es in die reichen Industrieländer. Aber es sind längst nicht so viele, wie bisher angenommen. Nach Einschätzung von UN-Fachleuten traf das im vergangenen Jahr nur auf ein Drittel des weltweiten „Migranten-Bestands“ zu. Während 62 Millionen von Süden nach Norden wanderten, waren es etwa 60 Millionen, die ihren Wohnsitz von einem Entwicklungsland in ein anderes verlegten.

Die internationalen Migrantenströme können sich auch umkehren: Viele Jahrzehnte lang verließen zum Beispiel Italiener und Spanier ihre Heimat, weil es nicht genug Arbeit gab. Heute zieht es Tausende Menschen aus Osteuropa und der Dritten Welt dorthin. Aber auch Osteuropa und Rußland ist für viele Migranten interessant geworden: Zwischen 2000 und 2004 hat Moskau allein die Zahl der Arbeitsgenehmigungen auf 400.000 verdoppelt.

Wachsender Bedarf

Ohne Ausländer fehlen den Industrieländern schon bald Arbeitskräfte. Noch gibt es dort mehr einheimische Bewerber als freie Stellen. Schon in zehn Jahren werden aber für 100 Menschen, die in den Ruhestand gehen, nur 87 Nachwuchskräfte bereitstehen.

Da mehr Menschen sterben als auf die Welt kommen, werden die Industrieländer insgesamt mehr als 73 Millionen Menschen „verlieren“ und damit zugleich knapp ein Viertel ihrer bisherigen Arbeitskräfte. In den Entwicklungsländern werden dagegen noch über viele Jahre hinaus mehr Menschen geboren als der Arbeitsmarkt verkraften kann.

Konkurrenz?

„Nach allem, was man bisher weiß, hat Migration keine oder nur geringe Auswirkungen auf die Höhe von Löhnen und Arbeitslosigkeit“, faßt der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Douglas Nelson den aktuellen Wissensstand zusammen. Auch andere Forscher kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Konkurrenz sei höchstens zwischen Migranten und schlecht ausgebildeten Einheimischen zu beobachten - am stärksten haben andere Ausländer unter ihnen zu leiden, die schon länger im Land sind.

Für UN-Untergeneralsekretär Ocampo sind Migranten daher weniger Konkurrenz als Ergänzung (siehe Interview der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: Internationale Migration: „Europa braucht Migranten“). Immer mehr Einwohner in den Industrieländern studieren oder qualifizieren sich für anspruchsvollere Berufe. Deshalb fehlen oft diejenigen, die einfachere und oft „schmutzigere“ Aufgaben übernehmen. Nicht alle diese Stellen lassen sich in Niedriglohn-Länder verlagern.

Gleichzeitig wächst der Bedarf an Menschen, die auf Kinder aufpassen und die wachsende Zahl an Alten betreuen, damit ihre Angehörigen berufstätig bleiben können. In vielen Ländern tun das Ausländer. Gleichzeitig werden mehr Migranten als Unternehmer aktiv und schaffen Arbeitsplätze.

Nicht nur die Ärmsten

Migranten sind nicht, wie oft angenommen, vor allem die Ärmsten der Armen. Ein großer Teil stammt aus Familien, die über ein mittleres Einkommen verfügen. Das ist nötig, um die Kosten und Risiken einer Ausreise schultern zu können. Ärmere kommen oft später nach. Sie können dann im Ausland auf die Hilfe der zuvor dorthin gezogenen Landsleute bauen.

Zugleich entscheiden sich auch immer mehr besser ausgebildete Menschen aus Entwicklungsländern für ein Leben im Ausland. Zwischen 1990 und 2000 wuchs allein die Zahl der Migranten, die aus Entwicklungsländern in OECD-Länder wanderten und eine Fachleuten zufolge „sehr gute Ausbildung“ genossen hatten, von 12 auf 20 Millionen. Um sie ist ein Konkurrenzkampf entbrannt. Deutschland versuchte zum Beispiel mit wenig Erfolg mit einer „Green Card“-Regelung, Computerfachleute ins Land zu holen. Noch gehen aber rund zwei Drittel dieser Hochqualifizierten in die Vereinigten Staaten.

Gewinn und Verlust

Die Hochqualifizierten fehlen jedoch in ihren Heimatländern. Verlieren die Entwicklungsländer durch den Wegzug von Softwarespezialisten, Medizinern und Fußballern mehr, als sie durch deren Geldüberweisungen nach Hause gewinnen? Das ist unter Fachleuten umstritten. Einige weisen darauf hin, daß der „Brain drain“ (Abwanderung der Gehirne) nicht so schlimm sei, da das größere Problem „Brain in drain“ sei - daß es also für viele gut Ausgebildete gar keine Arbeit gibt und sie in der Abwasserrinne (weitere Bedeutung des englischen Wortes „drain“) landen.

In Großbritannien sind mittlerweile etwa 16.000 Krankenschwestern aus Afrika zu finden. In Sambia arbeiten nur noch 50 der etwa 600 seit der Unabhängigkeit des Landes dort ausgebildeten Ärzte. In Manchester sollen mehr Mediziner aus Malawi praktizieren als im afrikanischen Land. Es leuchtet ein, daß diese Fachkräfte in ihren Heimatländern fehlen - schon wegen der grassierenden Aids-Pandemie.

Doch ist es schwer gegenzusteuern: In einem Abkommen mit Südafrika hatte sich zum Beispiel Großbritannien verpflichtet, keine Ärzte und Pfleger mehr abzuwerben. Daraufhin wichen diese in die Vereinigten Staaten und Kanada aus. Dorthin wandern auch immer mehr Briten aus, die zu Hause dann durch Fachpersonal aus der Dritten Welt, aber auch aus Osteuropa und Deutschland ersetzt werden.

Mehr als 300 Milliarden

Die Summen, die Ärzte wie Hilfsarbeiter in ihre Heimatländer überweisen, übertreffen dort oft längst schon Entwicklungshilfe und Investitionen aus dem Ausland. Nach Informationen der Weltbank schickten Migranten allein im vergangenen Jahr 173 Milliarden Dollar nach Hause in die Entwicklungsländer. Da aber ein großer Teil dieser Gelder nicht über Banken, sondern in bar oder auf anderen Wegen dorthin gelangen, nimmt man bei der Weltbank an, daß es sich in Wirklichkeit um bis zu 250 Milliarden Dollar handeln könnte.

Die Überweisungen in andere Industrieländer dazugenommen, kommt die Weltbank auf insgesamt 350 Milliarden Dollar. In Marokko machen zum Beispiel die Zahlungen von im Ausland lebenden Familienangehörigen 66 Prozent aller finanziellen Zuflüsse aus. Selbst eine vollständige Liberalisierung des Welthandels würde nach Einschätzung der Weltbank den armen Ländern nicht zu höheren Einnahmen verhelfen.

Die Überweisungen werden zudem jedes Jahr mehr. Je häufiger sie über Banken oder vergleichbare Institutionen ins Land gelangen, können sie sich dort auch positiv auf die Zahlungsbilanz auswirken und die Kreditwürdigkeit der Länder stärken. Vorsichtig schätzt man bei der Weltbank, daß eine Zunahme von Auslandsüberweisungen um zehn Prozent die Zahl der armen Menschen um 3,5 Prozent verringern kann.

Untersuchungen in den Philippinen zeigten, daß Kinder aus Familien, die von Zahlungen aus dem Ausland profitieren, weniger arbeiten und häufiger in die Schule gehen als Gleichaltrige, während sich viele Eltern selbständig machen. Einen Automatismus gibt es aber nicht. Viele Jahre waren solche Auswirkungen etwa in Moldau zu beobachten, das sehr stark von Auslandsüberweisungen abhängig ist - bis sie auf einmal nicht mehr dazu beitrugen, die Armut zu verringern.

Mehr Geld überweisen Angehörige im Ausland jedoch immer dann, wenn ihre Heimat in Schwierigkeiten gerät. Das war während der jüngsten Unruhen in Nepal genauso zu beobachten wie während des Bürgerkriegs in Somalia. Fachleute sprechen von einem Rettungsring, der oft zuverlässiger ist als andere Nothilfe. Entwicklungshilfe wie dringend nötige Investitionen könnten diese Überweisungen aber nie ersetzen, denn sie seien das Geld von Privatleuten, das hauptsächlich die Konsumbedürfnisse ihrer Angehörigen befriedige.

Viele Rückkehrer

Anders als früher lassen sich heute viele Migranten nicht für immer im Ausland nieder. Viele pendeln zwischen neuer und alter Heimat, ziehen in andere Länder weiter oder kehren wieder ganz in ihr Ursprungsland zurück. „Es gibt viel mehr Rückkehrer, als man bisher angenommen hat“, sagt Hania Zlotnik. Manchmal ist ein regelrechter Bevölkerungsaustausch zu beobachten. So verließen in den vergangenen 40 Jahren knapp 38 Prozent aller Migranten die Niederlande wieder.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: F.A.Z.

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche