Von Horst Bacia
23. Juni 2008 Von Donald Rumsfeld, dem Verteidigungsminister ohne Fortune, stammt ein fast schon philosophisch klingender Satz über die Dimensionen des Nichtwissens. Ein Jahr vor Beginn des Irak-Krieges versuchte er zu erklären, warum selbst auf die besten nachrichtendienstlichen Erkenntnisse kein Verlass sei: Denn neben dem gesicherten Wissen und einer Vielzahl von Fällen, in denen man wisse, dass die vorhandenen Informationen höchst unzureichend seien, gebe es eben auch Dinge, von denen wir nicht einmal wissen, dass wir über sie nichts wissen.
Rumsfeld sprach von den Massenvernichtungswaffen des irakischen Diktators Saddam Hussein. Seine Formel von den unknown unknowns lässt sich aber auf andere Fälle übertragen. Der am 6. September 2007 bei einem israelischen Luftangriff zerstörte Atomreaktor in Al Kibar in der Wüste Syriens bietet ein neues Beispiel, wie selbst die amerikanischen Nachrichtendienste mit ihren einzigartigen technischen Überwachungsmöglichkeiten oft überraschend lange im Dunkeln tappen.
Kein ungenutztes Gebäude
Dass es sich tatsächlich um einen Reaktor gehandelt hat - und allem Anschein nach um eine geheime Anlage zur Herstellung von Plutonium für Atomwaffen -, ist in hohem Maße wahrscheinlich. Die israelische Regierung hat zwar bis heute über die Militäraktion kein Wort verlauten lassen. Und das Regime in Damaskus ist lange bemüht gewesen, den Luftangriff auf syrisches Territorium als letztlich bedeutungslos herunterzuspielen.
Seit die amerikanischen Nachrichtendienste am 24. April mit Unterrichtungen für Mitglieder des Kongresses und ausgewählte Journalisten den über diesem Geheimnis liegenden Schleier (ein wenig) gelüftet haben, ist aber klar, dass die Syrer nicht die Wahrheit sagen: Das von israelischen Kampfflugzeugen in den Morgenstunden des 6. September zerstörte Ziel war jedenfalls kein ungenutztes Gebäude, wie Staatspräsident Assad in einem Gespräch mit dem Sender BBC behauptete.
Dem Erdboden gleichgemacht
Immerhin hat Damaskus nach langem Zögern eine Inspektion durch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) zugelassen. Am Sonntag reisten der Stellvertretende IAEA-Generaldirektor Olli Heinonen und zwei weitere Fachleute nach Syrien, um den Fall zu untersuchen. Das Regime bestreitet bislang, ein geheimes Nuklearprogramm zu haben. Als Unterzeichner des Nichtverbreitungsvertrages ist Syrien verpflichtet, der Wiener Behörde die Planung oder den Bau von Nuklearanlagen zu melden. Betrieben wird seit längerem ein kleiner Forschungsreaktor, der regelmäßig von der IAEA inspiziert wird.
Ob die IAEA-Inspekteure fündig werden, hängt davon ab, wie frei sie sich während ihrer auf drei Tage begrenzten Mission bewegen können. Denn die syrischen Behörden haben anscheinend nichts unversucht gelassen, in Al Kibar alle Beweise für ein geheimes Nuklearprogramm beiseitezuschaffen. Das Ziel des israelischen Angriffs wurde im Oktober vergangenen Jahres von David Albright, dem Direktor des Institute for Science and International Security in Washington, zum ersten Mal identifiziert.
Er veröffentlichte kommerzielle Satellitenaufnahmen der amerikanischen Firma Digital Globe, die eine Anlage am östlichen Ufer des Euphrat, etwa 90 Kilometer westlich der Grenze zu Irak, vor und nach der Zerstörung zeigten. Auf Fotos vom 10. August ist ein würfelförmiges Gebäude von 47 mal 47 Metern mit Rohrleitungen zu einer Pumpstation am Euphrat zu erkennen. Satellitenbilder vom 24. Oktober beweisen, dass alles, was nach dem Angriff übrigblieb, dem Erdboden gleichgemacht worden ist.
Massive kontrollierte Explosion
Nach Darstellung amerikanischer Geheimdienste wurde die Anlage am 10. Oktober durch eine massive kontrollierte Explosion zerstört. Bei dieser Explosion seien Bruchstücke von Stahlbeton zu erkennen gewesen, die auf Bauelemente eines Reaktors hinwiesen. Andere Teile der Ausrüstung seien vorher abtransportiert worden. Anschließend habe man die entstandene Grube aufgefüllt und verbleibende Trümmer mit Erde überdeckt. Ende Oktober sei auf dieser Fläche ein neues Gebäude aus Leichtmetall errichtet worden. Allein diese Bemühungen bestärken den Verdacht, dass es in Syrien ein geheimes und somit illegales Nuklearprogramm gab oder gibt.
Auch den Amerikanern ist nach eigenem Bekunden lange entgangen, was sich in Al Kibar wirklich tat. Hinweise, dass etwas passiert, habe es schon 2000 und 2001 gegeben, als sich Informationen über eine Zusammenarbeit zwischen Atomwaffenfachleuten aus Nordkorea und ranghohen Vertretern des Regimes in Damaskus verdichteten.
Erst die Fotos der Agenten lieferten Beweise
Doch lange habe sich nichts festnageln lassen, sagte ein ranghoher Vertreter der Geheimdienste am 24. April in Washington. Erst im Frühjahr 2007, als es gelungen sei, Dutzende von Fotos zu erwerben (vermutlich von einem befreundeten Nachrichtendienst), die über einen längeren Zeitraum die Bauarbeiten auf der Anlage dokumentierten, habe sich nachweisen lassen, dass in Al Kibar ein Reaktor entstand, der dem nordkoreanischen Plutonium-Reaktor Yongbyon auffällig ähnlich war.
Auf der Grundlage einer Vielzahl von Informationen sind wir davon überzeugt, dass Nordkorea bei den geheimen nuklearen Aktivitäten Syriens sowohl vor als auch nach der Zerstörung des Reaktors Hilfe geleistet hat. Bei seiner Zerstörung soll der Atommeiler in Al Kibar, so die amerikanischen Geheimdienste, kurz vor der Inbetriebnahme gestanden haben. Der Reaktor wäre fähig gewesen, Plutonium für Nuklearwaffen herzustellen. Er war nicht ausgelegt, um elektrischen Strom zu produzieren, und für Forschungszwecke schlecht geeignet. Dass die geheimen Aktivitäten so lange unentdeckt blieben, ist vermutlich dem würfelförmigen Bau zu verdanken, den die Syrer wie eine Tarnkappe über die Reaktor-Baustelle stülpten.
Mit dem Bau der Anlage wurde angeblich schon 2001 begonnen. Aber selbst als es 2005 Hinweise auf nordkoreanisch-syrische Aktivitäten in jener Provinz im Osten Syriens gab, war den Amerikanern das Gebäude offenbar nicht besonderes aufgefallen. Der Rückgriff auf ältere Satellitenaufnahmen habe gezeigt, dass der Bau 2005 und 2006 schon genauso aussah wie unmittelbar vor der Zerstörung, heißt es. Und aus der Zeit vor seiner Errichtung gibt es anscheinend überhaupt keine Satellitenbilder. Erst die Fotos des oder der Agenten lieferten offenbar die nötigen Beweise.
Suche nach Graphitspuren
David Albright, der früher als UN-Waffensinspekteur im Irak tätig war, hat auf andere Tarnmaßnahmen aufmerksam gemacht: Als Standort wählte man einen abgelegenen Teil Syriens; der Reaktor wurde in einer Senke gebaut und zum Teil in die Erde versenkt; Erdwälle schirmten ihn gegen unerwünschte Blicke ab. Der Verzicht auf Zäune und andere Sicherungseinrichtungen oder Unterkünfte für Personal gehöre ebenfalls zu den Bemühungen, möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erregen. Wiederum anhand kommerzieller Satellitenaufnahmen hat Albright zeigen können, dass es in unmittelbarer Nähe des Reaktors nicht nur einen Flugplatz, sondern auch Stellungen für Luftabwehrgeschütze gibt.
Kernbrennstoff - der gasgekühlte, graphit-moderierte Reaktor nordkoreanischen Typs braucht kein angereichertes Uran - ist in Al Kibar zum Zeitpunkt der Zerstörung angeblich noch nicht vorhanden gewesen. Das wird den IAEA-Inspekteuren den Nachweis einer geheimen nuklearen Aktivität erschweren. Die Suche nach Graphitspuren oder klar identifizierbaren Bauteilen einer Reaktorkonstruktion wird durch die nachträgliche Einebnung des Geländes und den Bau eines neuen Gebäudes erschwert.
Deshalb fordern die Vereinigten Staaten, dass Syrien den IAEA-Inspekteuren auch den Zugang zu zwei oder drei anderen Orten ermöglichen muss, an denen sich möglicherweise ergänzende Anlagen eines geheimen Nuklearwaffenprogramms befunden haben oder befinden. Das hat Damaskus bisher nicht zugestanden. Und Heinonen will sich bei seiner ersten Mission auf Al Kibar konzentrieren. Doch es ist klar, dass es weitere Inspektionen geben muss, wenn der Fall aufklärt werden soll.
Al Kibar als Ersatzlager
IAEA-Direktor El Baradei hat kritisiert, dass Israel die Anlage durch eine Militäraktion zerstörte und die Vereinigten Staaten der Wiener Behörde geheime Informationen erst sieben Monate später, nach den Briefings im April, zur Verfügung stellte. Doch nun können sich die Inspekteure auf eine Vielzahl unterschiedlicher Erkenntnisse stützen. Die Zeitschrift der Spiegel berichtet unter Berufung auf Geheimdienstinformationen, in die geheime Nuklearwaffen-Kooperation zwischen Nordkorea und Syrien sei sogar Iran einbezogen gewesen.
Das Mullah-Regime habe Al Kibar als Ersatzlager für Material zum Bau einer Atomwaffe nutzen wollen. Die Vereinigten Staaten sind mit ihren Geheimdienstinformationen auch an die Öffentlichkeit gegangen, um das Regime in Pjöngjang, wie es in den Sechser-Gesprächen vereinbart wurde, zu einer vollständigen Offenlegung seiner Aktivitäten bei der Anreicherung von Uran, der Herstellung von Plutonium und der Weiterverbreitung von Nukleartechnologie zu veranlassen. Doch auf viele Fragen gibt es noch keine Antwort.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP