FAZ.NET-Spezial: Burma nach dem Zyklon „Nargis“

Militärjunta blockiert Einreise von Rettungskräften

Ein überschwemmtes Dorf in der Nähe des Flughafens der burmesischen Hauptstadt

Ein überschwemmtes Dorf in der Nähe des Flughafens der burmesischen Hauptstadt

07. Mai 2008 Die Militärregierung in Burma hat die Bevölkerung trotz Alarmhinweisen aus Indien nicht vor dem Wirbelsturm „Nargis“ gewarnt und behindert die internationale Hilfe. Ein Team aus fünf Fachleuten warte vier Tage nach dem Sturm noch auf die Einreisegenehmigung, sagte die Sprecherin des UN-Büros für die Koordination humanitärer Einsätze, Elisabeth Byrs, am Dienstag in Genf. Der amerikanische Präsident George W. Bush forderte Burma auf, internationale Hilfe zuzulassen. Indische Wetterexperten hatten 48 Stunden vor dem Eintreffen des tödlichen Zyklons Warnungen herausgegeben. Den jüngsten staatlichen Angaben zufolge kamen mindestens 22.000 Menschen ums Leben.

Hilfsteams der Vereinten Nationen haben nach UN-Angaben auch vier Tage nach der Katastrophe noch keine Einreisegenehmigungen erhalten. Derzeit warteten fünf Fachleute in der thailändischen Hauptstadt Bangkok auf Visa, sagte Byrs. Auch das UN-Kinderhilfswerk Unicef sowie die Hilfsorganisationen Internationales Rotes Kreuz und Roter Halbmond teilten mit, auf Einreisegenehmigungen für ihre Mitarbeiter zu warten. Die Militärjunta hatte zuvor angekündigt, sie werde internationale Hilfe in den betroffenen Gebieten nur nach Absprachen zulassen.

48 Stunden vorher gab es eine Warnung

Die Vereinigten Staaten wollten Burma über die bereits zugesagte Soforthilfe hinaus unterstützen, sagte Bush in Washington. Dafür müsse die Militärregierung aber amerikanische Hilfskräfte ins Land lassen. „Unsere Nachricht an die Militärführer lautet also: Lasst die Vereinigten Staaten euch zu Hilfe kommen“, sagte der Präsident weiter.

Derweil wurden Einzelheiten zu den Vorab-Warnhinweisen bekannt. „48 Stunden bevor Nargis zuschlug gaben wir seinen Landepunkt, seine Stärke und alle damit zusammenhängenden Informationen an die birmanischen Behörden“, sagte der Sprecher der indischen Wetterbehörde, Yadav. Die UN und die amerikanische Präsidentengattin Laura Bush hatten nach dem Bekanntwerden der Katastrophe kritisiert, die Militärjunta habe nichts unternommen, um die Menschen vor dem gefährlichen Sturm zu warnen.

22.000 Tote, 41.000 Vermisste, eine Million Obdachlose

Durch den Wirbelsturm kamen jüngsten staatlichen Angaben zufolge 22.000 Menschen ums Leben. Wie das staatliche Fernsehen am Dienstag berichtete, wurden weitere 41.000 Menschen vermisst, eine Million Menschen wurden obdachlos. Der Sturm war am Freitagabend am Delta des Irawadi-Flusses auf das südostasiatische Land getroffen und hatte auf seinem Weg nach Osten eine Schneise der Verwüstung hinterlassen.

Nach dem Durchzug des Zyklons ist die Reisproduktion in Burma gefährdet. Der Wirbelsturm habe das Hauptanbaugebiet für Reis schwer getroffen, deshalb stünden nun die Versorgung der Bevölkerung und auch die von Burma zugesagten Exporte in Frage, sagte der Sprecher des Welternährungsprogramms, Paul Risley.

Akute Gefahr durch verschmutztes Trinkwasser

Die burmesische Oppositionspartei der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, die Nationale Liga für Demokratie, kritisierte das weitgehende Festhalten der Militärjunta an der geplanten Volksabstimmung als „absolut inakzeptabel“. Das Staatsfernsehen hatte berichtet, das Referendum solle in den meisten Teilen des Landes wie geplant abgehalten werden. Lediglich in 47 Gemeinden werde die Abstimmung verschoben, hieß es in dem Sender MRTV weiter.

Hunderttausenden burmesischen Familien drohe nun akute Gefahr durch verschmutztes Trinkwasser, Krankheiten und Nahrungsmangel, erklärte die deutsche Unicef-Sektion in Köln. Es drohe „eine zweite Katastrophe“, wenn die notleidende Bevölkerung nicht rasch mit dem Nötigsten versorgt werde. Am Montag hatten auch vier der in der „Aktion Deutschland Hilft“ (ADH) zusammengeschlossenen zehn Organisationen um Spenden für Hilfsprojekte in Burma gebeten.

UN-Treffen mit Hilfsorganisationen am Mittwoch

Um die Hilfen aus der ganzen Welt zu koordinieren, werden sich die Vereinten Nationen und ihre in Birma vertretenen Unterorganisationen am Mittwoch in Rangun mit Helfern anderer Nicht-Regierungsorganisationen treffen. Dabei sollen nach Angaben der Hilfsorganisation ADRA die Einsatzgebiete und Aufträge in dem verwüsteten Land systematisch verteilt werden.

ADRA gehört der „Aktion Deutschland Hilft“ an, in der zehn große Hilfsorganisationen vertreten sind. Verschiedene Organisationen sind bereits seit Jahren in dem südostasiatischen Land im Einsatz. Die entscheidende Sitzung soll am Vormittag (Ortszeit) stattfinden, viereinhalb Stunden vor der Mitteleuropäischen Sommerzeit.



Text: AFP
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, F.A.Z., REUTERS

Schlechtes Krisenmanagement in Burma

Schlägt die Wut in Aufruhr um?

Wie lange lassen sich die Burmesen das gefallen? Erst warnt das Militärregime die Bevölkerung nur ungenügend vor dem nahenden Wirbelsturm „Nargis“. Jetzt behindern die Generäle auch noch die Hilfsaktionen und lassen ausländische Helfer nicht einreisen. Beobachter schließen einen Aufstand nicht mehr aus.

Burma

Verwüstung, Tod und drohender Hunger

Durch den Wirbelsturm „Nargis“ sind in Burma mehr als 22.000 Menschen ums Leben gekommen. Die burmanischen Behörden korrigierten die Zahl der Opfer heute auf mehr als das Doppelte nach oben. 41.000 Menschen gelten als vermisst. Nach der tödlichen Sturmkatastrophe kam die Militärjunta wegen versäumter Warnungen in die Kritik. Die Verwüstungen durch „Nargis“ könnten nach Angaben einer Hilfsorganisation schlimmer sein als nach dem Tsunami im Indischen Ozean an Weihnachten 2004.

Immer schlimmere Zahlen nach Wirbelsturm „Nargis“

22.000 tot, 41.000 vermisst, eine Million obdachlos

In Burma steigen die Opferzahlen von Stunde zu Stunde. Nach offiziellen Angaben sind durch den verheerenden Wirbelsturm „Nargis“ mehr als 22.000 Menschen ums Leben gekommen. 41.000 Menschen werden vermisst. Kritiker werfen der Militärjunta vor, die Bevölkerung nicht rechtzeitig informiert zu haben.

Burma

Wirbelsturm in Burma zählt zu den tödlichsten seit 20 Jahren

Der Taifun „Nargis“, der am Wochenende über Burma hinwegfegte, zählt zu den tödlichsten Stürmen auf der Welt seit rund 20 Jahren. In diesem Zeitraum gab es acht Stürme katastrophalen Ausmaßes.

Ein Deutscher in Rangun

Es fehlt am Nötigsten

Ordnung schaffen mit Axt und Machete: In Rangun müssen die Menschen mit bescheidenen Mitteln aufräumen. Bulldozer und Sägen sind kaum zu sehen. Stromausfall und Wassermangel lähmen die Bemühungen zusätzlich. Carsten Schmidt ist einer der wenigen Deutschen vor Ort. Im Gespräch schildert er seine Eindrücke.

Wirbelsturm „Nargis“

Vereinte Nationen koordinieren Hilfe für Burma

Die Vereinten Nationen bereiten erste Hilfsmaßnahmen für Burma vor. Das Auswärtige Amt in Berlin stellt deutschen Organisationen 500.000 Euro für humanitäre Hilfe zur Verfügung.

Wirbelsturm in Burma

„Nicht nur eine Naturkatastrophe“

Nach dem Wirbelsturm droht der burmesischen Militärjunta auch politisch Ungemach. Sie muss ihre Fähigkeit zur Bewältigung der Unwetterfolgen beweisen. Angeblich haben die Generäle alles im Griff. Von Jochen Buchsteiner