UN-Simulation

Verhandeln, rechnen, plädieren

Von Stephanie Zehnle

15. April 2008 Die Delegationen Kenias und Tongas werden nächsten Sonntag in New York erwartet. In der Generalversammlung der Vereinten Nationen werden sie für die Interessen ihrer Länder streiten und darüber diskutieren, wie Krieg, Korruption und Ausbeutung bekämpft werden können. Die 22 Diplomaten reisen allerdings nicht aus Afrika an, sondern aus Frankfurt. Sie sind angehende Politikwissenschaftler der Goethe-Universität und nehmen zusammen mit 4000 anderen Studenten aus aller Welt am „National Model United Nations“-Planspiel teil. Eine Woche lang sollen sie dabei agieren wie echte Mitglieder der Weltorganisation. „Sie werden das Gefühl haben, ein Teil der UN zu sein“, sagt Politikprofessorin Tanja Brühl, die Leiterin des Projekts.

Seit Oktober bereiten sich die Studenten auf das Planspiel vor. Sie haben Reden kenianischer Botschafter studiert und afrikanische Zeitungen gelesen. Sogar einen diplomatischen Benimm-Test mussten die Teilnehmer absolvieren, wie Brühl berichtet. In früheren UN-Simulationswettbewerben haben ihre Studenten schon Iran und südamerikanische Länder vertreten. Für Kenia hatte sich die Gruppe schon beworben, bevor es in dem Land jüngst zu schweren Ausschreitungen kam. Weil es diesmal sehr viele Interessenten für das Planspiel gab, wurde noch eine Vertretung für Tonga zusammengestellt.

Perspektiven wechseln

Milan Mappalassery, der in New York für Kenia spricht, freut sich vor allem auf den Austausch mit Studenten aus anderen Ländern. „Aber so eine Erfahrung macht sich natürlich auch gut im Lebenslauf“, fügt er hinzu. Als Wirtschaftsfachmann der Delegation wird ihm die Aufgabe zufallen, internationale Investoren nach Kenia locken. „Man lernt im Planspiel die Perspektiven zu wechseln, europäisch können ja schon alle denken“, sagt Brühl. Die Preise, die für die Redebeiträge vergeben würden, seien eher zweitrangig.

Das „National Model United Nations“ ist nicht der einzige Versuch, komplexes Weltgeschehen in Szenarien durchschaubar zu machen. In einem anderen UN-Planspiel werden Studenten europäischer Universitäten in Genf zwei Paragraphen einer Nuklearwaffenkonvention ausarbeiten. Auf diese Verhandlungen bereitet Richard Finckh an der Technischen Universität Darmstadt derzeit Studenten mehrerer Fachbereiche vor. Schließlich ist auch das Thema interdisziplinär: „Hier geht es um die Technikfolgenabschätzung“, erklärt der Ingenieur. Dabei müssten Natur- und Geisteswissenschaftler zusammenwirken.

Innerhalb der Hochschulen wird die wirkliche Welt auch in kleinerem Maßstab simuliert. An der TU Darmstadt zum Beispiel ist ein Unternehmensplanspiel Pflicht für angehende Wirtschaftsingenieure. Vier Tage lang geben die Teilnehmer betriebswirtschaftliche Entscheidungen in ein Computerprogramm ein, wobei ein Tag zwei Unternehmensquartalen entspricht. Schließlich wird der erfolgreichste Betrieb ermittelt, und die Gewinner werden belohnt. „So ein Planspiel ist viel komplexer als Lehrbuchaufgaben“, sagt der Leiter Carsten Röth. Der Wettbewerb zwischen den Gruppen, die ein Unternehmen gemeinsam leiten, sporne die Studenten zusätzlich an. Mit der Gründung einer Firma befasst sich die Simulation, die Horst Geschka ebenfalls an der TU für Studenten aller Fachbereiche anbietet. „Wir nehmen eine technische Entwicklung aus einer Darmstädter Dissertation, etwa ein Solarhaus, und versuchen, das Produkt mit einem fiktiven Unternehmen zu vermarkten“, erklärt der Wirtschaftsprofessor.

Anwälte oder Ankläger in einem fiktiven Prozess

Noch früher als die Universitäten haben die Fachhochschulen das Unternehmensplanspiel entdeckt. „Jetzt ziehen die Universitäten jedoch nach“, sagt Willy Kriz vom Vorstand der Gesellschaft für Planspiele in Deutschland, Österreich und der Schweiz. An der Fachhochschule Wiesbaden soll eine Simulation Technikern und Meistern, die berufsbegleitend studieren, die Verbindung von Praxis und Theorie erleichtern. „Sie müssen zunächst ein Gerät technisch verbessern, die Kosten analysieren und dann eine Broschüre erstellen“, erklärt Dozent Clemens Fröhlich.

Außer politischen und wirtschaftlichen Szenarien gibt es auch juristische Fallsimulationen. Sie stammen, wie die meisten Planspiele, aus Amerika. In diesen „Moot Courts“ übernehmen Studenten die Rolle von Anwälten oder Anklägern in einem fiktiven Prozess. Auch Frankfurter Nachwuchsjuristen haben kürzlich an einem solchen Szenario teilgenommen. Vorgegeben war ein Fall aus dem Völkerrecht: Zwei Staaten ziehen vor den internationalen Gerichtshof, weil auf beiden Seiten Unabhängigkeitskämpfer verhaftet wurden. Die Studenten mussten als Rechtsvertreter der Staaten Plädoyers halten und wurden dafür bewertet. „Recht lebt vom Konflikt, das konnten wir dort erleben“, sagt Teilnehmer Tobias Michels. Im deutschen Jurastudium werde das subjektive Argumentieren hingegen vernachlässigt.

Jurastudenten aus Mainz hatten vor einiger Zeit in Wien einen Auftritt als Anwälte: In einem zivilrechtlichen Planspiel ging es um glykolverseuchten Wein. Claudia Behlendorf, die mit dabei war, findet solche Schau-Prozesse sehr hilfreich. „Mein Auftreten hat sich dadurch stark verbessert.“ In den Erfolg hat sie allerdings auch viel Mühe investiert: „Das Plädoyer habe ich sogar unter der Dusche geübt.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

 
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