17. März 2008 Nach der Erstürmung eines von Serben besetzten Gerichtsgebäudes im Norden der geteilten Stadt Mitrovica im Kosovo sind am Montag mehrere Polizisten der UN-Polizei und Soldaten der Kosovo-Schutztruppe Kfor verletzt worden. Die UN-Polizei zog sich daraufhin aus dem Norden der Stadt zurück, während französische Kfor-Einheiten versuchten, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Dabei gab es bei den Soldaten sowie bei den gewaltsam gegen deren Präsenz protestierenden Serben weitere Verletzte.
Ein Kfor-Sprecher teilte mit, die Soldaten seien beschossen und mit Handgranaten angegriffen worden. Serbiens Staatspräsident Tadic sprach hingegen von einer überzogenen Reaktion von Polizei und Kfor, deren Folge eine Eskalation der Gewalt in dem gesamten Gebiet sein könne. Tadic rief jedoch auch die Kosovo-Serben dazu auf, die ausländischen Sicherheitstruppen nicht zu provozieren.
Das Gerichtsgebäude war am Freitag besetzt worden, nachdem einige hundert Serben davor postierte Einheiten der UN-Polizei überrannt hatten. Der Chef der übergangsweise amtierenden UN-Verwaltung im Kosovo (Unmik), der deutsche Diplomat Rücker, hatte daraufhin gesagt, die Gewalttäter hätten eine rote Linie überschritten. Er kündigte an, die UN-Polizei werde das Gerichtsgebäude wieder unter Kontrolle bringen, da das Mandat der Unmik für das gesamte Kosovo gelte.
Gefangene aus UN-Konvoi befreit
Zur Rückeroberung kam es am Montagmorgen gegen sechs Uhr, als nach Berichten aus Mitrovica mehrere hundert ukrainische und polnische UN-Polizisten in das Gebäude eindrangen und 53 Serben verhafteten, während französische Einheiten der Kfor das Gelände abriegelten. Einige der Verhafteten kamen jedoch nach Agenturangaben wieder frei, als die Serben einen UN-Konvoi angriffen. Jugendliche bewarfen die Truppen mit Steinen und Feuerwerkskörpern; ein Nato-Fahrzeug und mehrere Wagen der UN gingen in Flammen auf.
Die Vorfälle ereigneten sich auf den Tag genau vier Jahre nach dem Ausbruch der sogenannten Märzunruhen, die ebenfalls in Mitrovica begonnen und sich von dort über das gesamte Gebiet des Kosovos ausgebreitet hatten. Bei den gegen Serben, die Unmik sowie andere Minderheiten gerichteten Unruhen von 2004 kamen 21 Menschen ums Leben. Nach Angaben der kosovarischen Polizei wurden außerdem mehr als 800 Häuser sowie 35 Kirchen und Klöster ganz oder teilweise zerstört; etwa 4000 Serben verließen die damals formal noch Serbien zugehörige Provinz.
Vor einem Monat, am 17. Februar, hatte das kosovarische Parlament nach Absprache mit den Vereinigten Staaten und der EU die Unabhängigkeit des Kosovos proklamiert. Washington und eine Mehrheit der EU-Staaten haben diesen Akt anerkannt, doch im serbisch dominierten Norden des neuen Staates hat sich seither die Auseinandersetzung darüber verschärft, wer in diesen an Serbien grenzenden Landstrichen die Hoheitsgewalt ausübt.
UN vor einer Bewährungsprobe
Die kosovarische Regierung von Ministerpräsident Thaci hat in dem Gebiet de facto keinen, die Unmik nur begrenzten Einfluss. Allerdings wird die Unmik von Belgrad immerhin formal anerkannt, da das Kosovo laut serbischer Lesart weiterhin eine völkerrechtlich zu Serbien gehörende Provinz ist, die nur übergangsweise zu einem UN-Protektorat erklärt wurde. Eine Zusammenarbeit mit der neuen Internationalen Verwaltungsbehörde des EU-Sondergesandten Feith lehnt die derzeitige Regierung in Belgrad hingegen ab.
Unmik und Kfor müssen daher im Norden des Kosovos einen schwierigen Balanceakt vollführen. Es wird befürchtet, dass ein hartes Eingreifen zu einem gewaltsamen Konflikt ausarten könnte. Die Hinnahme serbischer Provokationen wiederum könnte die Teilung des Kosovos zementieren.
Vor einer besonderen Bewährungsprobe wird die Staatengemeinschaft am 11. Mai stehen, wenn in Serbien vorgezogene Parlamentswahlen sowie Kommunalwahlen stattfinden, die Belgrad auch in dem serbisch kontrollierten Gebieten des Kosovos abhalten lassen will. Serbiens Kosovo-Minister Samardzic hielt sich am Montag in einer serbischen Enklave im Kosovo auf, wo er die Aktionen der Serben in Mitrovica als Folge der illegalen Unabhängigkeitserklärung des Kosovos billigte.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS