Von Daniel Deckers
25. Juni 2007 Angebot und Nachfrage nach Rauschgiften haben nach Einschätzung der Vereinten Nationen im vergangenen Jahr nicht mehr zugenommen. Wir scheinen einen Punkt erreicht zu haben, an dem sich die Rauschgiftlage stabilisiert hat und unter Kontrolle ist, schreibt der Direktor des Büros der Vereinten Nationen für Suchtstoff- und Verbrechensbekämpfung (UNODC), Costa, im Vorwort des jüngsten Weltdrogenberichts seiner Behörde.
Der Koka-Anbau in den Andenstaaten gehe zurück, in den Vereinigten Staaten, dem größten Rauschgiftmarkt, sinke die Nachfrage nach Kokain sowie nach Amphetamin und Amphetaminderivaten, die Warnung vor den Gefahren, die von Cannabis ausgingen, finde Gehör, die Produktion von Heroin und Opiaten sei auf Afghanistan begrenzt, und immer mehr Heroin und Kokain werde sichergestellt, ehe es auf den Markt komme - so die positiven Entwicklungen, mit denen Costa seine Einschätzung belegt.
Rückgang des Mohnanbaus im Goldenen Dreieck
Freilich gebe es auch negative Entwicklungen, darunter den Anstieg der Nachfrage nach Kokain in Europa, die Ausbreitung von übertragbaren Krankheiten wie HIV und Hepatitis infolge des Rauschgiftgebrauchs oder die Zunahme des Rauschgiftschmuggels durch Afrika. Insgesamt aber spreche alles dafür, dass die Staatengemeinschaft ihre Verpflichtung mittlerweile ernst nehme, Angebot und Nachfrage nach Rauschgift durch bessere Zusammenarbeit nicht nur einzudämmen, sondern sogar zu verringern.
Der Heroinmarkt der Welt wird nach Angaben des UNODC mittlerweile zu mehr als neunzig Prozent von den südlichen Provinzen Afghanistans aus versorgt. Doch obwohl die Anbaufläche dort im vergangenen Jahr erheblich vergrößert und eine Rekordernte eingebracht worden sei, werde derzeit auf der Welt weniger Schlafmohn angebaut als im Jahr 2000. Die Zunahme der Anbaufläche in Afghanistan werde durch den Rückgang des Mohnanbaus im Goldenen Dreieck der Grenzgebiete von Myanmar (Burma), Laos, Vietnam und Thailand ausgeglichen, berichtet das UNODC. Südostasien sei nach einem Rückgang der Anbaufläche um mehr als 85 Prozent seit 1997 mittlerweile nahezu opiumfrei.
Menge des sichergestellten Kokains stark gestiegen
Licht und Schatten gibt es auch auf der Nachfrageseite. In den Nachbarländern Afghanistans und entlang der Schmuggelrouten, etwa in Russland, verzeichnet das UN-Büro einen Anstieg des Heroingebrauchs, oft in Verbindung mit dem Anstieg von HIV-Infektionen. In Nordamerika und Westeuropa, den klassischen Heroinmärkten, ist die Nachfrage nach diesem Rauschgift zurückgegangen. Indes hat sich in Europa die Nachfrage nach Kokain verstärkt. In einigen Ländern hat sich der Kokaingebrauch in den vergangenen Jahren verdoppelt bis verdreifacht.
Freilich lägen nur aus Spanien Angaben vor, wonach Kokain in der Bevölkerung weiter verbreitet sei als in den Vereinigten Staaten. Der nordamerikanische Markt wiederum erscheint gesättigt oder gar rückläufig. Ein Indiz für die Verlagerung der Nachfrage ist der Anstieg der Kokain-Sicherstellungen in Europa und Afrika: In West- und Mitteleuropa stieg die Menge des sichergestellten Kokains zwischen 2000 und 2005 um das Vierfache, entlang neuer Schmuggelrouten, die vorwiegend durch Westafrika führen, um das Sechsfache. Angesichts dieser Entwicklung rief UNODC-Direktor Costa die Staatengemeinschaft auf, auf die Bedrohung Afrikas durch Rauschgiftkriminalität, Geldwäsche und Korruption zu reagieren und der Ausbreitung des Rauschgiftgebrauchs in Afrika entgegenzutreten.
Cannabis wird überall angebaut und gebraucht
Anlass für Optimismus bietet dem UNODC indes die Entwicklung der Koka-Anbaufläche in Südamerika. Seit dem Jahr 2000 habe sich die Anbaufläche in Kolumbien infolge der intensiven Vernichtung von Kokafeldern im Zuge des Plan Colombia um mehr als 50 Prozent verringert. In Peru und Bolivien habe die Anbaufläche zuletzt wieder zugenommen, so das UNODC, sei aber ebenfalls deutlich kleiner als vor zehn Jahren. Nicht gesunken wie die Anbaufläche ist indes die Menge des aus den Kokapflanzen gewonnenen Kokains. Die Rauschgiftkriminellen hätten die Verringerung der Anbaufläche durch besseres Pflanzmaterial und durch Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln nahezu ausgleichen können, schreibt das UN-Büro.
Cannabis wird nach Angaben des Weltdrogenberichts mittlerweile in nahezu jedem Land der Welt angebaut und gebraucht. Schwerpunkte der Herstellung von Haschisch (Cannabisharz) bilden aber weiterhin Marokko sowie Afghanistan und Pakistan. Einen Rückgang des Cannabisgebrauchs hat das UN-Büro wiederum in Nordamerika beobachtet, aber auch in Ozeanien. In den europäischen Ländern hielten sich positive und negative Tendenzen die Waage. Eine Stabilisierung von Angebot und Nachfrage sieht das UNODC auch auf dem Markt für synthetische Rauschgifte.
Nicht nur Symptome bekämpfen
Der besorgniserregende Anstieg, der in den neunziger Jahren bei dem Gebrauch von Amphetamin und Amphataminderivaten festzustellen gewesen sei, habe sich nicht fortgesetzt. Eine Ursache für diese Entwicklung sieht das UN-Büro in der besseren Kontrolle der Chemikalien, die zur Herstellung synthetischer Rauschgifte nötig sind. Nach wie vor indes stammt ein Großteil des Amphetamins wie auch des Amphetaminderivats Ecstasy aus Europa. Die Produktion konzentriere sich weiter in den Niederlanden, Belgien, Polen und den baltischen Staaten.
Alles in allem sei das Rauschgiftproblem eingedämmt, urteilt UNODC-Direktor Costa. Doch reiche es nicht aus, nur auf Angebot, Sicherstellungen oder Preisentwicklung zu schauen. Das seien nur Symptome. Um das Rauschgiftproblem auf lange Sicht zu verringern, müsse es an seiner Wurzel angegangen werden: an der Nachfrage. Gefragt seien dabei weniger die Staaten und ihre Sicherheitskräfte als die jeweiligen Gesellschaften: Als Eltern, Lehrer oder Bürger müssten alle dazu beitragen, dass die Menschen ihr Leben führten, anstatt dass es von Rauschgiften geführt werde.
Text: F.A.Z., 26.06.2007, Nr. 145 / Seite 9
Bildmaterial: AP, F.A.Z.