Rede in New York

Papst rechtfertigt UN-Interventionen: „Keine Verletzung der Souveränität“

Von Heinz-Joachim Fischer, New York

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19. April 2008 Papst Benedikt XVI. hat am Freitag in einer Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen die universale und absolute Geltung der Menschenrechte sowie, daraus abgeleitet, das Recht der Vereinten Nationen zu humanitären Interventionen verteidigt. Zuvor hatte sich der Papst am Donnerstag in Washington überraschend mit fünf Personen getroffen, die von katholischen Würdenträgern in der Diözese Boston missbraucht worden waren.

In der Rede des Papstes vor den Vereinten Nationen heißt es, die Menschenrechte seien „gültig für alle Zeiten und für alle Völker“ und müssten gegen ideologische Relativierung und Schwächung aus politischen Gründen geschützt werden.

„Der Staat muss die eigene Bevölkerung schützen“

Das Gemeinwohl der internationalen Völkerfamilie im friedlichen Zusammenleben der Nationen und die Würde und Freiheit des einzelnen in der Gesellschaft und in der Familie seien unverletzliche Prinzipien. Benedikt forderte, dass die Völker Afrikas in die allgemeine Entwicklung der Menschheit einbezogen würden.

Der Schutz der Umwelt und der verschiedenen Formen des Lebens dürfe sich nicht in einem bloß rationalen Gebrauch der Technik und Wissenschaft erschöpfen, sondern müsse „das authentische Bild der Schöpfung wahren“.

„Jeder Staat“, sagte der Papst, „hat zuerst die Pflicht, die eigene Bevölkerung vor schweren und dauernden Verletzungen der Menschenrechte zu schützen, wie auch vor den Folgen humanitärer Krisen, mögen sie von der Natur oder vom Menschen hervorgerufen worden sein“.

Ban Ki-moon: „Unsere Mission vereint uns“

Wenn jedoch – so begründete Benedikt ein internationales Interventionsrecht – „die Staaten nicht imstande sind, diesen Schutz zu garantieren, muss die internationale Gemeinschaft mit den rechtlichen Mitteln eingreifen, die von der UN-Charta und anderen internationalen Mitteln vorgesehen sind“. Dies stelle keine Einmischung oder Verletzung der Souveränität dar; Gleichgültigkeit sei vielmehr schädlich.

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon beschwor indes die Gemeinsamkeiten zwischen der Kirche und der Weltorganisation: „Eure Heiligkeit, unsere Mission vereint uns auf so viele Arten mit Ihrer“, sagte Ban. Gemeinsame Ziele seien der Kampf gegen Armut, der Einsatz für Frieden und Freiheit und das Engagement für einen offenen Dialog zwischen den Religionen und Kulturen. „Ob wir an einen Gott glauben, an viele oder an keinen - wir in den Vereinten Nationen müssen unseren Glauben jeden Tag bewahren und stärken“, sagte der UN-Generalsekretär.

Vor den Delegierten von 192 Staaten knüpfte Benedikt an die Reden seiner Vorgänger vor den Vereinten Nationen an, Pauls VI. im Oktober 1965 sowie Johannes Pauls II. 1979 und 1995.

Es gelte nach wie vor, was der Völkerrechtler Francisco de Vitoria im 16. Jahrhundert aus dem „Ius gentium“ als „Schutzverantwortung der Regierenden gegenüber den Regierten“ abgeleitet und was der Kirchenlehrer Augustinus in der Antike gelehrt habe: „Tue nichts anderen, was Du nicht willst, dass es Dir getan wird.“ Diese Maxime könne „in keiner Weise variieren, je nachdem, wie man es jeweils und in verschiedenen Kulturen verstehen will“.

Für den Dialog zwischen den Religionen

Aus diesen theoretischen Erwägungen zog der Papst konkret wirksame Unterscheidungen für politische Folgerungen. „Der transzendente Wert eines jeden Mannes und jeder Frau“, so Benedikt, verlange das Eintreten für den Dialog zwischen den Religionen, gegen jede Gewalt, gegen Terrorismus und Krieg, für Gerechtigkeit und Frieden zum Wohl der Völker und des einzelnen.

Der Papst würdigte den Beitrag der Religion im Leben der Gesellschaft, wo und wenn sie frei ausgeübt werden könne, auch dort, wo eine Trennung zwischen Religion und Staat bestehe. Dabei müsse jedoch die „öffentliche Dimension der Religion“ gewahrt werden. „Es ist unannehmbar, dass die Gläubigen einen Teil von sich unterdrücken müssen - ihren Glauben - , um aktive Bürger zu sein.“

Gemeinsame Ziele von UN und der katholischen Kirche

Die mit der Religion verbundenen Rechte müssten umso mehr geschützt werden, je mehr sie im Konflikt zu einer vorherrschenden weltlichen Ideologie oder zu einer religiösen Mehrheit betrachtet würden. Wer damit gemeint sei, ob säkularisierte westliche Gesellschaften, muslimische Staaten oder das kommunistische China, sagte der Papst nicht.

Eine moderne Gesellschaft könne auf den Beitrag der Religion und der Gläubigen in Wissenschaft, Schulen, Krankenhäusern und sozialen Organisationen im Dienst der Armen und an den Rand Gedrängten nicht verzichten. Daraus ergäben sich viele gemeinsame Ziele der Vereinten Nationen und der katholischen Kirche.

Die Begegnung mit den Missbrauchsopfern war nicht im offiziellen Programm vorgesehen, sondern kam auf ausdrücklichen Wunsch des Papstes zustande und wurde von dem Erzbischof von Boston, Kardinal O'Malley, organisiert. In den Gesprächen sprach Benedikt den Opfern, wie sie nachher sagten, „Hoffnung“ und „Erleichterung in ihrem Schmerz“ zu. (Siehe auch: Papst trifft in Amerika Missbrauchsopfer der Kirche

Das Treffen mit jüdischen Vertretern war bedeutsam angesichts von Missverständnissen über ein vom Papst approbiertes Karfreitagsgebet in der katholischen Kirche für die Juden. Benedikt warb für einen „Geist der Offenheit für die realen Möglichkeiten der Zusammenarbeit, die wir vor uns sehen, wenn wir die dringende Not unserer Welt betrachten und wenn wir voll Mitleid überall das Leiden von Millionen unserer Brüder und Schwestern sehen“.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, reuters

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