Internationale Migration

„Europa braucht Migranten“

14. Juli 2006 FRAGE: In Europa versucht man, den Zustrom von Einwanderern zu bremsen. Bei den Vereinten Nationen schwärmt man von den Chancen, die Migranten bieten. Weshalb?

ANTWORT: Europa braucht Migranten. Ihre Zahl wird nicht ab-, sondern zunehmen. Die Bevölkerung altert. Deutschland droht eine demographische Katastrophe. Die europäischen Länder müssen sich erst daran gewöhnen, daß ihre Bevölkerung ethnisch unterschiedlich zusammengesetzt ist, wie das in Amerika der Fall ist. Aber ich bin überzeugt, daß die internationale Migration eine positive Kraft ist, von der Herkunfts- wie Aufnahmeländer profitieren.

FRAGE: Aber in Europa ist oft die Sorge zu hören, daß Migranten anderen die Arbeit wegnehmen?

ANTWORT: Das stimmt so nicht. Allenfalls Migranten, die früher gekommen sind, haben unter dieser Konkurrenz zu leiden. Migranten ergänzen meist die einheimischen Arbeitskräfte, sie übernehmen Aufgaben, die diese nicht mehr machen wollen, bieten neue Dienstleistungen an, werden zu Unternehmern und tragen so zu mehr Wachstum bei. Internationale Migration ist eine große Chance für die Entwicklung. Zudem wachsen die Überweisungen der Migranten nach Hause ständig.

FRAGE: Verlieren denn nicht ihre Heimatländer Fachleute wie Ärzte und Schwestern, die sie dringend brauchen?

ANTWORT: Wenn jemand auswandern will, ist es schwer, ihn davon abzuhalten. Jeder sollte entscheiden können, wo er leben will. Aber es trifft zu, die Herkunftsländer investieren in diese Menschen, bilden sie als Mediziner oder Lehrer aus. Die Aufnahmeländer profitieren dann davon. Hier sollte international stärker zusammengearbeitet werden.

FRAGE: Internationale Kooperation scheint aber hier schwerzufallen. Im September wollen die UN einen „Dialog auf hoher Ebene“ zu diesem Thema veranstalten. Warum kein Gipfeltreffen?

ANTWORT: Ein solcher Dialog ist der einzige Weg, um Vertrauen aufzubauen. Eine globale Migrationskonferenz, über die lange gesprochen wurde, fand keine Unterstützung. Hätten wir ein formelles Forum vorgeschlagen, wäre die Idee sofort tot gewesen. Wir sind erst am Anfang einer Debatte, aber der Konsens wächst. Amerika unterstützt das sehr. Wir brauchen keine weitere Erklärung über gute Prinzipien bei der Migration, sondern einen Rahmen für Aktionen.

Das Gespräch führte Hans-Christian Rößler



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung

 
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