28. Juni 2007 Das Welterbekomitee der Unesco findet Gehör in der Welt. Jährlich reisen Journalisten aus aller Herren Ländern zu seinen Jahreskonferenzen. Diesmal, in Christchurch in Neuseeland, waren die deutschen Gäste besonders gespannt, drohte doch wegen des Bauprojekts Waldschlösschenbrücke dem Dresdner Elbtal die Streichung von der Welterbeliste. Gebührend erleichtert nahm man Anfang der Woche die Gnadenfrist auf, die das Komitee Dresden bis zum 1. Oktober zur Vorlage neuer Entwürfe zugestand. Doch folgte am nächsten Tag eine neue kalte Dusche: Heidelbergs Antrag auf einen Listenplatz werde wegen Mängeln in den Bewerbungsunterlagen wahrscheinlich abgewiesen, verlautete von Teilnehmern.
Deutschland scheint momentan - gelinde gesagt - ein Sorgenkind der Unesco zu sein: Lebhaft im Gedächtnis ist noch die Versetzung des Kölner Doms 2004 auf die Rote Liste des gefährdeten Erbes, die 2006 aufgehoben wurde, als die Stadt ihre beanstandeten Hochhauspläne im Umfeld der Kathedrale aufgab. Im Fall Dresden verschärfte das Komitee sein Vorgehen: Die Streichung von der Liste wäre ein einmaliger Fall. Und die Zurückweisung Heidelbergs wäre insofern eine Neuigkeit, als die Stadt damit zum zweiten Mal abgelehnt würde; sie hatte sich bereits 2005 vergeblich beworben.
Kein Weltuntergang - ohne Welterbestatus
Das Sorgenkind ist aber auch ein Musterknabe. Denn kaum eine Nation reagiert so besorgt auf die Schelte der Welterbehüter wie die deutsche. Daran ändert wenig, dass momentan Trotz zunimmt. Sachsens Ministerpräsident Milbradt, strikter Anhänger der diskreditierten Waldschlösschenbrücke, sagte mehrfach, dass der Verlust des Welterbestatus kein Weltuntergang wäre. Weiter ging der Vorsitzende der sächsischen FDP, der Werbefachmann Holger Zastrow: Wir haben in Dresden drei Dinge, mit denen wir uns der Welt präsentieren: Frauenkirche, Grünes Gewölbe und Semperoper. Sie, auf denen die gesamte Tourismusbranche beruhe, glänzten weltweit auch ohne die Unesco. Ähnlich reagierte jetzt Heidelbergs Baubürgermeister Raban von der Malsburg mit dem Satz, die jährliche Besucherzahl der Stadt von mehr als vier Millionen werde durch den Welterbetitel nicht weiter steigen.
Diese bissigen Repliken enthüllen schlagartig das fragwürdige Fundament, auf dem sich jenes ruhmglänzende Ehrenmal erhebt, das Welterbestatus heißt: Wo die Unesco kulturell unverzichtbares Erbe sieht, sehen die unmittelbar Betroffenen oft nur Magneten des Massentourismus, denen der Titel zusätzlich Zugkraft verleiht.
Der Tourismus wiederum bedeutet oft erhöhten Verschleiß und steigende Gefährdung des Erbes. Diesen Teufelskreis hat das Welterbekomitee seit der Gründung im Jahre 1972 erkannt. Jüngstes Zeichen hierfür ist die gerade beschlossene Plazierung der Galapagos-Inseln, die 1978 als erster Gesamtort Welterbe wurden, auf der Roten Liste. Grund sei, so das Komitee, die unkontrollierte Entwicklung des Tourismus. Die Zahl der Tage, die Passagiere von Kreuzschiffen dort verbringen, ist in 15 Jahren um 150 Prozent gestiegen.
Gegner Profitgier
Die Rote Liste ist längst auch ein Zeugnis der Schwäche der Unesco. Ungeachtet ihrer Stammplätze dort steigern zum Beispiel die beiden weltberühmten italienischen Erbestätten Pompeji und Herculaneum ungerührt ihren Tourismus und dulden zugleich den rapiden Verfall der antiken Ruinen. Angkor Wat, die nicht minder berühmte tausendjährige Tempelstadt in Kambodscha, kam wegen vorbildlicher Restaurierungen 2004 von der Roten Liste in die Erbeliste zurück - was dort weiteren Kunstraub nicht verhindert.
Profitgier, sei es durch Tourismus oder Raubgrabungen und anderen organisierten Diebstahl, sowie kunstfeindlicher Fanatismus, wie ihn etwa die Taliban bewiesen, als sie die Buddhas von Bamijan weltweiten Protesten zum Trotz in die Luft sprengten, sind unüberwindliche Gegner der Erbehüter, deren Waffen im Appell an Anstand, Ethik, Pietät und Kunstsinn bestehen. Täglich, ob in Palästina, dem Kosovo oder in Iran, in Indien oder Italien, Florida oder an der Schwarzmeerküste, werden Welterbestätten durch Kriege, Plünderer, Diebe und Touristen zerstört. Und ebenso regelmäßig wie überwiegend folgenlos bekunden die Welterbehüter ihr Bedauern, warnen und beschwören, ja drohen sogar manchmal.
Musterknabe Deutschland
Doch es ergeht ihnen wie vielen Weltorganisationen: Alle Welt (im Fall der Unesco 182 Staaten, die die Welterbe-Konvention ratifiziert haben) bekundet Respekt - und handelt weiterhin gemäß den ureigenen Interessen. Heritage at risk lautet der Titel der internationalen Veröffentlichung, die jährlich die gefährdeten Stätten vorstellt. Das Risiko des Welterbekomitees besteht - nicht rechtlich, aber tatsächlich - in seiner völligen Machtlosigkeit, aber auch in der Großzügigkeit, mit der Jahr für Jahr weitere Stätten aufgenommen und die Kriterien des Erbebegriffs erweitert werden: Es gibt Weltkultur- und Weltnaturerbestätten, wozu in nunmehr 137 Ländern 628 Kulturdenkmäler und 160 Naturdenkmäler zählen. Daneben werden schriftliche Überlieferungen, inzwischen aber auch Lieder, Sitten und Bräuche zum Welterbe gerechnet. Selbst mit weitgehenden Befugnissen ausgestattete Organisationen könnten diese stetig steigende Fülle kaum noch bewältigen.
Mut zur strengeren Auswahl und Mut zu lautstarkem Widerstand muss man dem Welterbekomitee wünschen, soll sein Anliegen Zukunft haben. Und weniger Mut, sich ausgerechnet dort zum haarspaltenden Oberschützer aufzuwerfen, wo der größte gute Wille vorhanden ist. Denn Deutschland, das bei Welterbe-Schelte erstarrt wie das Kaninchen vor der Schlange, hat unter den 16 Staaten, die die größten Summen für die Unesco spenden, einen der vorderen Plätze inne.
Text: F.A.Z., 28.06.2007, Nr. 147 / Seite 1
Bildmaterial: AFP, AP, dpa