Der Fall Dresden

Weltkulturerbe in Gefahr

Von Reiner Burger

04. Juli 2008 Die Welterbe-Konvention ist die mit Abstand erfolgreichste Initiative der Unesco. 184 Staaten haben das internationale „Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt“ unterzeichnet.

In die Liste des Welterbes werden Bauwerke und Landschaften aufgenommen, die als menschliche Kulturleistungen oder Naturphänomene einzigartig und schützenswert sind - wie etwa die Chinesische Mauer, die Tempel von Abu Simbel, das historische Zentrum von Straßburg, die Akropolis, das tansanische Naturschutzgebiet Ngorongoro oder der kanadische Nationalpark Wood Buffalo.

Verstörender Absolutheitsanspruch

Doch das Welterbewesen befindet sich in einer Krise; nicht nur wegen Dresden und der Waldschlösschenbrücke. Der Fall Dresden und seine Behandlung während der derzeitigen Sitzung des Welterbe-Komitees in Quebec werfen aber ein grelles Licht auf die Inkonsequenz und Schlampigkeit der Kulturorganisation der Vereinten Nationen und die Widersprüchlichkeit ihres Vorhabens.

Verstörend ist der Absolutheitsanspruch der Entscheidung. Denn zuletzt ging es nur noch um die Scheinalternative, den Welterbe-Titel sofort abzuerkennen oder - wie nun geschehen - Dresden aufzufordern, den Bau der Brücke sofort zu stoppen und die für etwa 15 Millionen Euro errichteten Brückenteile wieder abzureißen. Sonst wird der Titel in einem Jahr aberkannt.

Immerhin ist nun die Vorstellung, das Komitee könne mit einer Überarbeitung der Brückenpläne überzeugt werden, endgültig als Illusion entlarvt. In Quebec hat sich die absurde Idee von der absolut verbotenen Brücke endgültig durchgesetzt. Vielleicht sollte Dresden nach dem unabwendbaren Verlust des Titels selbstironisch damit werben, bald die erste völkerrechtswidrige Flussquerung der Welt zu haben.

Unübersichtlich und zufällig

Das Komitee, das als Gremium der Vertragsstaaten der Welterbe-Konvention darüber entscheidet, welche Stätten neu aufgenommen werden, auf die „Rote Liste“ des Welterbes in Gefahr gesetzt werden oder den Titel wieder aberkannt bekommen, mag sich als globale Kanonisierungsinstanz verstehen.

Allein die gewaltige Zahl von mehr als 850 Stätten macht aber schon die Unübersichtlichkeit und Zufälligkeit der Veranstaltung deutlich. Beim Projekt Welterbe geht es tatsächlich um etwas noch Hehreres: Die (Kultur-)Völker dieser Welt sollen zu einer Gemeinschaft der universell Verantwortlichen zusammengeführt werden. Denn nicht nur das Land, dessen Stätten als Welterbe gelistet sind, verpflichtet sich zu fortdauernden Schutz- und Erhaltungsmaßnahmen; auch die anderen Unterzeichnerstaaten der Konvention sind dazu im Rahmen ihrer Möglichkeiten verpflichtet.

Seit 2004 müsste demnach allen Völkern der Vertragsstaaten das Dresdner Elbtal zwischen Pillnitz und Übigau am Herzen liegen. Es kam damals in Anerkennung seines Dreiklangs aus Fluss, Landschaft und Architektur auf die Welterbe-Liste, obwohl der Unesco bekannt war, dass eine zusätzliche Elbquerung geplant war.

„Sich entwickelnde Kulturlandschaft“

Der von der Unesco beauftragte Gutachter störte sich nicht an dem Vorhaben. Die Dresdner Stadtplaner fühlten sich auch deshalb auf der sicheren Seite, weil das Welterbe-Komitee das Elbtal in der neu geschaffenen Kategorie einer „sich entwickelnden Kulturlandschaft“ mit dem begehrten Titel auszeichnete.

Erst nachdem sich Anfang 2005 in einem Bürgerentscheid zwei Drittel der Wähler für die zusätzliche Elbquerung ausgesprochen hatten, stieß sich die Unesco an dem Projekt. Ein Jahr später, 2006, wurde Dresden mit dem Argument auf die „Rote Liste“ gesetzt, die Brücke würde „Wert und Integrität“ des Gebiets irreversibel schädigen. So gerieten direkte Demokratie und Völkerrecht im Elbtal in einen unvorhergesehenen Konflikt. Als es in den Jahren 2006 und 2007 schon einmal um einen Baustopp ging, kamen mehrere Gerichte zu dem Ergebnis, der Bürgerentscheid sei höher zu gewichten als die Welterbe-Konvention.

Ohne transparente Kriterien

Aus Sicht der Unesco stellt der Fall Dresden die Verlässlichkeit des Welterbe-Vertragspartners Deutschland in Frage. Die Angelegenheit könnte deshalb unabsehbare Folgen für die (neben Dresden) 31 anderen deutschen Welterbe-Stätten und weitere Anwärter haben. Zu Selbstgerechtigkeit aber hat die Welterbe-Verwaltung keinerlei Anlass.

Transparente Kriterien für die Aufnahme in die Liste gibt es nämlich noch immer nicht. Bei Bedarf besorgt man sich - wie auch bei der Waldschlösschenbrücke geschehen - einfach Gegengutachten nach dem Motto: Was interessiert das Welterbe-Komitee sein Beschluss von vergangenem Jahr? Selbst neu geschaffene Begriffe wie „sich entwickelnde Kulturlandschaft“ sind nicht definiert. Andererseits stellt nicht einmal die Welterbe-Konvention „nach Konzeption und Wortlaut“ einen „absoluten Schutz gegen jede Veränderung der eingetragenen Stätten des Kultur- und Naturerbes“ dar, wie das Bundesverfassungsgericht feststellte.

Spätestens seit Quebec muss allen Welterbe-Stätten und -Anwärtern klar sein, dass das Welterbe-Komitee eine diffuse Ideologie der Historisierung und Musealisierung verfolgt und dabei die wirklichen Gefahren für das Kulturerbe auf der Welt aus dem Blick zu verlieren droht: Kriege, Überbevölkerung und Umweltzerstörung.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

Unesco-Welterbe

Dresden schlägt die „letzte Chance“ aus

Spezial Mit Unverständnis reagieren sächsische Politiker auf die Entscheidung der Unesco, das Dresdner Elbtal im kommenden Jahr von der Welterbe-Liste zu streichen, sollte die Waldschlösschenbrücke gebaut werden. Die Landesregierung und die neue Dresdner Oberbürgermeisterin lehnen einen Baustopp ab.

Dresdner Brückenstreit

Eins plus fünf ist was?

Die Tragödie um den Bau der Dresdener Waldschlösschenbrücke tritt in die Phase des Satyrspiels: Eine lange Reihe von Merkwürdigkeiten wurde nun gekrönt mit einem der seltsamsten Interview-Duelle der Welt. Von Reiner Burger

Waldschlösschenbrücke

Elb-Blauhelme

Die nun gefällte Buche war das vielleicht letzte starke Symbol des Widerstands gegen die Waldschlösschenbrücke. Für viele Brückengegner in Dresden ist das Bauvorhaben mittlerweile ein Verbrechen. Von Reiner Burger

Protest gegen Waldschlösschenbrücke

Mein Freund der Baum ist tot

Sie galt als Symbol des Protests gegen den Bau der Waldschlösschenbrücke im Elbtal bei Dresden: Eine 300 Jahre alte Rotbuche, die einer Zufahrtsstraße weichen muss. In der Nacht räumte die Polizei den von Umweltaktivisten besetzten Baum - und ließ ihn am Morgen fällen.

Die Waldschlösschenbrücke wird gebaut

Es war die Fledermaus und nicht das Erbe

Zuletzt sollte sie den Bau der Waldschlösschenbrücke abwenden, der aus Sicht der Unesco das Dresdner Elbtal verschandeln würde. Es war eine Illusion zu glauben, die Kleine Hufeisennase könne auswetzen, was bisher am beinahe kollektiven Unvermögen gescheitert ist, findet Reiner Burger.

Unesco-Titel in Gefahr

Rascher Baubeginn der Waldschlösschenbrücke

Zuletzt war es die Kleine Hufeisennase, die den Bau der umstrittenen Waldschlösschenbrücke in Dresden hatte verhindern sollen. Jetzt hat ein Gericht den Baustopp zum Schutz der Fledermausart aufgehoben - und die Stadt einen raschen Baubeginn angekündigt.

Waldschlösschenbrücke

Fledermaus stoppt Brückenbau

Der für Montag geplante Baubeginn der umstrittenen Waldschlösschenbrücke durch das Unesco-Erbe Dresdner Elbtal ist gestoppt. Das Verwaltungsgericht Dresden gab einem Eilantrag von Naturschutzverbänden statt, die sich um eine bedrohte Fledermausart sorgen. Von Reiner Burger, Dresden

Kommentar

Dem Welterbekomitee fehlt der Mut

Deutschland scheint momentan ein Sorgenkind der Unesco zu sein: Dresden droht die Streichung von der Welterbeliste, Heidelbergs Antrag wird wahrscheinlich abgewiesen, Köln stand zeitweilig auf der Roten Liste. Dabei ist das Sorgenkind in Wahrheit ein Musterknabe, meint Dieter Bartetzko.

Welterbe

Was ist mit Pompeji, Bamijan, Angkor Wat?

Aufatmen in Deutschland: Das Dresdner Elbtal kann den Welterbe-Status vorerst behalten. Merkwürdig nur, dass das Unesco-Komitee immer dort die Muskeln spielen lässt, wo ihre Mahnungen erwartungsgemäß gehört werden. Dabei gibt es dringendere Fälle.

Dresden

Elbtal bleibt vorläufig auf Unesco-Welterbeliste

Das Dresdner Elbtal bleibt trotz der umstrittenen Brückenbaupläne zunächst auf der Liste der gefährdeten Welterbe-Stätten. Das entschied das Unesco-Welterbekomitee bei seiner Tagung in Christchurch in Neuseeland.

Unesco-Weltkulturerbe

Dresden mit Alternativvorschlag zur Waldschlösschenbrücke

Im Streit um den Bau der Waldschlösschenbrücke legt die Stadt Dresden dem Welterbe-Komitee eine Alternative zur bisher geplanten Flussquerung vor. Der Stadtrat stimmte am Dienstagabend auf einer Sondersitzung für den Vorschlag des Architekturbüros Schlaich Bergermann.

Waldschlösschenbrücke

Bitte beachten Sie mich nicht

Zwei neue Entwürfe zur Waldschlösschenbrücke sollen Dresden und sein Elbtal vor dem Verlust des Welterbetitels bewahren. Doch keiner kann sich ernsthaft wünschen, dass eines der Modelle gebaut wird.

Dresden

Eine Brücke als Verfassungsproblem

Der Streit um die Dresdner Waldschlösschenbrücke nimmt kein Ende. In einem Bürgerentscheid hat sich eine Mehrheit für den Bau ausgesprochen. Die Unesco droht, den Welterbestatus abzuerkennen. Eine Entscheidung könnte zum Präzedenzfall werden.

Weltkulturerbe-Streit

Dresden will Verfassungsgerichte anrufen

Der Streit um den Bau der Waldschlösschenbrücke geht in eine neue Runde. Der Dresdner Stadtrat beschloss am Donnerstagabend, die Verfassungsgerichte in Karlsruhe und Leipzig anzurufen, um den drohenden Verlust des Unesco-Weltkulturerbetitels doch noch abzuwenden.

Unesco-Welterbe Elbtal

Brücken-Schlag

Spezial Mit dem Bau der Waldschlösschenbrücke verliert das Dresdner Elbtal wohl den Titel Unesco-Welterbe. Die Auswirkung für die anderen Welterbe-Stätten des Unesco-Vertragspartners Deutschland und für die Konvention selbst sind unabsehbar. FAZ.NET-Spezial.