Ban Ki-moon

Die innere Stärke hinter dem Lächeln

Von Anne Schneppen, Seoul

Mit den UN vertraut: Ban Ki-moon

Mit den UN vertraut: Ban Ki-moon

03. Oktober 2006 Politiker leben gefährlich in Südkorea. Präsidenten oder deren Söhne, hohe Parteifunktionäre oder gar einflußreiche Industrielle enden nicht selten vor Gericht oder im Gefängnis, entsprechend schlecht ist in diesem Land das Ansehen der politischen Klasse. Ban Ki-moon hat dieses Problem nicht. In 36 Jahren hat er vielen Regierungen und Herren gedient, ohne daß ihm je ein Skandal in die Quere kam, ohne daß seine Person Anlaß zu Verdächtigungen gab. Eine seiner größten Qualitäten ist wohl, daß er mit allen zurechtkommt - und die anderen, gleich welcher politischer Couleur, auch mit ihm.

Ban ist Diplomat durch und durch: geschliffen, leise, ausgleichend, immer verbindlich und doch schwer zu greifen. Mit diesen Eigenschaften bewegte sich der südkoreanische Außenminister auf steinigem politischen Terrain, ohne Schaden zu nehmen - auf der einen Seite die notorisch schwierigen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, auf der anderen der schwelende Konflikt um Nordkoreas Atomprogramm und dazu noch das zerrüttete Verhältnis zu Japan. Während Südkoreas Präsident Roh in Tokio oder Washington öfters Mißfallen erregte, wird über Ban hier wie dort kein böses Wort verloren. Und es spricht schon Bände, wenn selbst Pjöngjangs Gesandter in New York sich zu Bans Kandidatur für das Amt des UN-Generalsekretärs einen positiven Kommentar abringt.

Zweitplazierter zog Kandidatur zurück

Erste Glückwünsche für den Nachfolger: Ban mit Kofi Annan

Erste Glückwünsche für den Nachfolger: Ban mit Kofi Annan

Nach einer ungeschriebenen Regel soll dem Ghanaer Kofi Annan ein Asiat folgen, und jetzt, nach der vierten Probeabstimmung, scheint sicher, daß es der Koreaner wird. Erstmals hatten die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats getrennt von den zehn weiteren Mitgliedern über die Kandidaten befunden. 14 von 15 Ratsmitgliedern hatten schon zuvor Ban Ki-moon „ermuntert“, seine Kandidatur aufrechtzuhalten. Doch erst am Montag wurde deutlich, daß der einzige Gegner des Koreaners nicht zu den letztlich entscheidenden Vetomächten zählt. Manche Beobachter hatten vermutet, China werde sich angesichts des Konflikts um das nordkoreanische Atomprogramm mit einem Südkoreaner nicht anfreunden können.

Noch unwahrscheinlicher erschien UN-Diplomaten freilich die Möglichkeit, daß Peking einen Inder unterstützen könnte. Der bei allen Probeabstimmungen zweitplazierte UN-Untergeneralsekretär und Schriftsteller Sashi Tharoor zog seine Kandidatur denn auch inzwischen mit der Begründung zurück, nunmehr sei klar, daß der 62 Jahre alte Ban „unser nächster Generalsekretär wird“. Amerikas UN-Botschafter Bolton setzte hinzu, „nur ein Wunder“ könne die Berufung Ban Ki-moons noch vereiteln. Den Beschluß trifft die Vollversammlung auf Vorschlag des Sicherheitsrats. Kofi Annan tritt zum Jahresende ab.

Eng mit eigener Geschichte verbunden

Die Berufung Ban Ki-moons wäre in Seoul nicht ohne Wirkung, denn im Vergleich zu manch anderen Ländern sind die Vereinten Nationen für Südkorea keine ferne bürokratische Weltorganisation, sondern eng mit der eigenen Geschichte und Sicherheit verbunden. Südkorea wurde im Koreakrieg von UN-Streitkräften verteidigt. Heute noch wacht am letzten Eisernen Vorhang des Kalten Krieges ein UN-Kommando über die Einhaltung des seit einem halben Jahrhundert währenden Waffenstillstands.

Ein Koreaner an der Spitze der UN wäre auch eine Selbstbestätigung, die alle Parteien im Süden für angebracht halten. Die Mittelmacht im Fernen Osten ist zwischen den regionalen Großmächten China, Japan und Rußland ständig darum bemüht, sich zu behaupten, zumal in der Sicherheitspolitik für die koreanische Halbinsel so viele andere Kräfte mitspielen, daß ohne Washington oder China gar nichts geht. Wie kaum ein anderes Land hat Südkorea es geschafft, innerhalb von nur drei Jahrzehnten von einem Agrarland zu einem beachtlichen Industriestaat aufzusteigen, nicht nur insgeheim ist die Nation stolz, inzwischen Entwicklungshilfe zu geben und nicht zu empfangen. Im Streben nach internationaler Anerkennung ist Bans Kandidatur für Südkoreaner auch eine Kandidatur ihres Landes.

Überdurchschnittlich lange im Amt geblieben

Mit den Vereinten Nationen kam der 62 Jahre alte Ban Ki-moon in seinem Leben immer wieder in Berührung. Nach dem Studium der Internationalen Beziehungen an der Seouler Nationaluniversität, der Kaderschmiede der koreanischen Elite, begann Ban seine Diplomatenkarriere in der UN-Abteilung des Außenministeriums, er arbeitete an der südkoreanischen UN-Vertretung in New York, zuletzt 2001 als rechte Hand des koreanischen Präsidenten der UN-Vollversammlung. Zweimal war er in Washington auf Posten. Mitte der achtziger Jahre studierte er Verwaltung an der Harvard-Universität.

Seine Regierung schickte ihn als Botschafter nach Wien, wo er sich vor allem mit institutionellen Fragen des Nichtverbreitungsregimes beschäftigte. In Seoul diente er zwei Präsidenten als Berater für Außen- und Sicherheitspolitik. Im Januar 2004 wurde Ban, der Englisch und Französisch spricht, schließlich Außen- und Handelsminister unter Roh Moo-hyun, mit der klaren Vorgabe, die aufbrausenden Wogen in den Beziehungen zwischen Washington und Seoul zu glätten. Es spricht für Ban, daß er trotz der häufigen Kabinettsumbildungen in Südkorea überdurchschnittlich lange im Amt geblieben ist.

Zu sehr auf Kompromisse bedacht?

Auffällig agierte Ban vor allem als Vertreter eines Landes, dem trotz aller Widrigkeiten sehr an der Fortführung der Sechsländergespräche über Nordkoreas Atomprogramm gelegen ist. Dabei versuchte er auszugleichen zwischen der härteren Gangart Washingtons und Tokios sowie den konzilianteren Vorstellungen der eigenen Regierung. Viel herausgekommen ist dabei allerdings nicht, doch ist Bans Spielraum zweifellos begrenzt, wird allzu oft von Dritten beschnitten. Er halte es nicht für gut, wenn versucht werde, Nordkorea in die Ecke zu drängen, sagte Ban vor kurzem Korrespondenten in Seoul - dies war die schärfste Kritik an Washingtons Wirtschaftssanktionen gegen Pjöngjang, die ihm zu entlocken war.

Er selbst beschreibt sich als einen Politiker, der nach Harmonie und Konsens strebt, und tatsächlich entspricht dies seinem Wesen und seiner Ausstrahlung. Doch dies bietet auch Angriffsfläche für jene, die sich einen charismatischen Generalsekretär wünschen, der klare Führungsstärke zeigt. Ist er die Persönlichkeit, die die nötigen Reformen der UN durchziehen kann und auch unbequeme Entscheidungen vorantreibt, oder würde er zu sehr auf Kompromisse setzen? Andere sehen seine Bindung an Amerika als hinderlich.

Kontakte zu Washington könnten auch hilfreich sein

Der ehemalige südkoreanische Außenminister Han Seung-soo, mit dem Ban einst zusammengearbeitet hatte, lobt seinen Zögling als einen kenntnisreichen Mann, der durchaus zu harten Entscheidungen fähig sei. Ban selbst verwies vor kurzem in einem Interview auf Mentalitätsunterschiede zwischen Ost und West: Nur weil ein asiatischer Diplomat als freundlich und harmonisch gelte, müsse das noch lange nicht bedeuten, daß es ihm an Zielstrebigkeit und Entschlußkraft fehle: „Sie sehen ein Lächeln nur als ein Lächeln und erkennen oft nicht die innere Stärke dahinter.“

Was die Kritik an seiner vermeintlichen Nähe zu Amerika betreffe: Solches Denken entspringe der Zeit des Kalten Krieges. Die guten Kontakte zu Washington, so Ban, könnten im übrigen auch hilfreich sein. Im Seouler Außenministerium heißt es, man solle Ban nicht unterschätzen. Allein schon seine Karriere spiegele Ambition und Zielstrebigkeit. Auch der große Schritt vom Han-Fluß an den East River ist akribisch vorbereitet. Dabei gehörte es zu Bans Taktik, sein Streben nicht an die große Glocke zu hängen. In den vergangenen Monaten war er, angesprochen auf die Kofi-Annan-Nachfolge, das personifizierte Understatement: Ja, er kandidiere. Doch es sei viel zu früh, sich über Chancen auszulassen.

Text: F.A.Z., 4. Oktober 2006
Bildmaterial: AP

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