21. März 2006 Über den Ursprung der großen Regietalente im Film gibt es mehrere Theorien. Eine behauptet, man müsse die jungen Regisseure nur gründlich genug ausbilden, sie Aufsätze schreiben und Übungsfilme drehen lassen, dann würden sie ganz unvermeidlich zu Meistern. Eine andere besagt das Gegenteil: Ein Künstler dürfe nicht durch Schulwissen gebremst werden. Die Fähigkeit, auf die es bei ihm ankomme, sei Originalität, gepaart mit Dickköpfigkeit. Alles übrige regele der Markt.
Die Idee zu seinem Kinodebüt Das Leben der anderen, erzählt der Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck, sei ihm bei seinem Studium an der Münchner Filmhochschule gekommen. Während er einer Aufnahme der Mondscheinsonate lauschte, habe er an einen Ausspruch von Lenin gedacht, der über eine andere Sonate von Beethoven, die Appassionata, gesagt habe, wenn er ihr allzu oft lausche, könne er seine Revolution nicht zu Ende bringen. Dadurch sei in seinem Kopf das Bild eines Mannes mit Kopfhörern entstanden, der beim Überwachen seines Gegners durch die Schönheit eines Musikstücks überwältigt werde. Aus dieser Vision habe er das Expose zu seinem ersten Spielfilm entwickelt: Keine acht Jahre später war er fertig.
Ohne ästhetische Zugeständnisse
Acht Jahre. In dieser Zeit hat von Donnersmarck sein Studium zu Ende gebracht, ein paar Kurzfilme gedreht, Recherchen gemacht, ein Drehbuch geschrieben, ein Produzententeam überzeugt, eine Schauspieleragentin überredet, sein Skript an einige ihrer prominenten Klienten weiterzuleiten, Fördermittel beantragt, Vorgespräche geführt, Drehorte ausgesucht und schließlich in knapp vierzig Tagen sein Projekt realisiert. Vor allem aber hat er etwas anderes nicht getan, das die meisten Filmhochschulabsolventen in Deutschland tun: Er hat keinen Fernsehfilm gedreht. Keinen Tatort, kein TV-Movie, keine Folge von Soko Leipzig, auch kein Kleines Fernsehspiel. Von Donnersmarck wollte unbedingt einen Kinofilm drehen, ohne Abstriche, ohne ästhetische Zugeständnisse, ohne festen Sendetermin.
Diese Unbedingtheit sieht man dem Leben der anderen an. Der Film beginnt mit dem Bild eines Mannes in Uniform, der einen Mann in Zivilkleidung verhört. Es ist das Jahr 1985, es ist die DDR, es ist die Stasi-Haftanstalt Hohenschönhausen. In der nächsten Einstellung spielt der Uniformierte das Tonband, das bei der Vernehmung mitlief, einer Gruppe von Studenten vor. Danach schneidet der Film mehrmals zwischen Hörsaal und Verhörzimmer hin und her, so daß beiläufig klar wird, worum es in dieser Geschichte vor allem gehen wird: um Aufzeichnungen, um Töne, um Gehörtes. Einer der Studenten fragt, ob die Verhörmethoden mit den humanistischen Idealen des Sozialismus vereinbar seien. Der Uniformierte macht hinter seinem Namen auf der Seminarliste ein Kreuz. Damit ist auch die Grundstimmung der Geschichte eingeführt: Angst. Die Angst vor dem Überwachungsstaat, vor Gesinnungsterror und Repression.
Die Stasi erstmals im Zentrum
Die eigentliche Geschichte beginnt mit einer Theateraufführung. Christa-Maria Sieland (Martina Gedeck) steht auf der Bühne, ihr Lebensgefährte Georg Dreyman (Sebastian Koch) hat das Stück geschrieben, der Stasi-Hauptmann Wiesler (Ulrich Mühe), sein Vorgesetzter Grubitz (Ulrich Tukur) und der Minister Hempf (Thomas Thieme) sitzen im Publikum. Mit diesen fünf Personen spielt der Film Schicksal. Der Minister will die Schauspielerin in sein Bett holen, deshalb sollen seine Schergen ihrem Freund etwas anhängen. Wiesler wird auf Dreyman angesetzt, er läßt dessen Wohnung verkabeln und verwanzen, richtet auf dem Dachboden des Mietshauses eine Abhörzentrale ein und beginnt mit dem operativen Vorgang. Rasch ist klar, daß Dreyman, anders als viele seiner Freunde, dem Sozialismus die Stange hält. Als Wiesler merkt, worum es in Wahrheit geht, beginnt es in seinem Kopf zu gären. Eines Abends, als die Schauspielerin vor Dreymans Haus aus dem Wagen des Ministers steigt, betätigt Wiesler von seinem Abhörpult aus die Wohnungsklingel und lockt den Theaterautor vor die Tür, so daß Christa-Marias Betrug auffliegt. Von da an spielt Wiesler Schicksal mit Dreyman, und wie alle ungebetenen Spieler zahlt er dafür den Preis.
Seit der Maueröffnung hat es mehrere Versuche gegeben, den Alltag des Überwachungsstaats filmisch zu beschreiben. In Margarethe von Trottas Das Versprechen zerbricht ein Pfarrer, eine Randfigur, an den Schikanen der DDR-Organe. In Helden wie wir, nach dem Roman von Thomas Brussig, spielt die Stasi eine slapstickhafte Nebenrolle. Auch in Leander Haußmanns Sonnenallee und Wolfgang Beckers Good-Bye, Lenin! ist von IMs und Spitzeln die Rede, ohne daß der Frohsinn der Filme darunter litte. Erst mit Das Leben der anderen rückt das Treiben der Staatssicherheit ins Zentrum eines Spielfilms. Damit ist nicht bloß ein Thema entdeckt, damit ist die DDR selbst entdeckt: als Land, in dem Hören und Sehen vergeht. Wo jedes Wort mitgehört, jeder Schritt überwacht wird, gibt es am Ende keine Wirklichkeit mehr, nur noch Matrizen und Protokolle. Dieses Unwirkliche ist den leeren Straßen, den grauen Fassaden und ungesättigten Farben in Das Leben der anderen eingeschrieben. Andere Regisseure erreichen diese Geschmackssicherheit in ihrem dritten oder vierten Film, von Donnersmarck hat sie offenbar von zu Hause mitgebracht.
Seltene Herzenskälte
Das Leben der anderen hätte an moralischem Übereifer scheitern können. Aber der Film läßt sich Zeit, er beobachtet geduldig, wie die Konstellation, die er selbst aufgebaut hat, kippt, und fädelt dann die Katastrophe ein. Zu dieser Geduld gehört eine Herzenskälte, die bei Debütanten selten und bei lebensgeschichtlich Betroffenen noch seltener ist. Vielleicht ist es daher kein Zufall, daß von Donnersmarck aus Westdeutschland kommt, daß er in Berlin, Frankfurt und New York aufgewachsen ist. Ein ostdeutscher Regisseur wäre vermutlich weniger unschuldig und weniger neugierig an den Stoff herangegangen. Von Donnersmarck dagegen hat seinen Film wie ein Historiker recherchiert. Das Leben der anderen gräbt die DDR aus und begräbt sie zugleich. Denn nach diesem Film wird jedes weitere Stasi-Drama wie ein Nachzügler aussehen, ganz gleich, wie gut es erzählt ist.
Am Ende verrät jeder alles und jeden, der Abhörer seine Auftraggeber, der Theaterautor den Sozialismus, die Schauspielerin im Stasi-Verhör den Autor. Zu diesem Wendepunkt hat Ulrich Mühe, dessen Stasi-Mann der eigentliche Held des Films ist, eine Geschichte erzählt. Im Jahr 1986, als er ein Theaterstar in Ost- und eine Kinohoffnung in Westdeutschland war, wurde er zur Nachmusterung geladen. Er erklärte, er sei wegen Magengeschwüren aus der Armee entlassen. Die Kommission musterte ihn für tauglich und erklärte, er könne jederzeit wieder eingezogen werden. Danach bin ich in den Hof hinausgegangen und habe Rotz und Wasser geheult. Die DDR hat diesen Film nicht nur inspiriert. Sie hat ihn verdient.
Text: F.A.Z., 22.03.2006, Nr. 69 / Seite 35
Bildmaterial: Buena Vista, Buene Vista