Audrey Tautou

Frankreich kann so süß sein

Von Peter Körte

Sie leuchtet: Audrey Tautou in “Mathilde - Eine große Liebe“

Sie leuchtet: Audrey Tautou in "Mathilde - Eine große Liebe"

26. Januar 2005 Sie ist nicht groß, 1,60 Meter vielleicht, sie ist sehr, sehr schmal, doch ihr Händedruck ist fest. Sie trägt graue Kordhosen, einen dünnen beigen Pullover und eine schwarze Strickjacke mit Applikationen, die wie kleine Glassteine aussehen, und wie sie da in der Hotelsuite sitzt, direkt unter dem Ölschinken eines kleinen Mädchens im hellen Kleidchen, wirkt sie jünger als ihre 26 Jahre. Ihre Haare sind scheinbar absichtslos ein wenig zerwühlt, so daß sie in die Stirn und seitlich ins Gesicht fallen und ihre großen tiefbraunen Augen hinter einem kleinen Vorhang bleiben.

Nationale Galionsfiguren gucken anders. Aber Audrey Tautou ist nun mal vor drei Jahren über Nacht von einer jungen Schauspielerin zu einem Gesicht geworden, das ganz Frankreich kennt. Seit sie in "Die fabelhafte Welt der Amelie" eine Art Seelenarbeit für die Nation verrichtete, kamen Touristen nach Montmartre und kehrten enttäuscht wieder um, weil es dort gar nicht so aussah wie im Kino. Und Jacques Chirac hat sie damals sogar zu einer Privatvorführung eingeladen. "Warum Chirac mich eingeladen hat, weiß ich bis heute nicht. Und so viel hat sich für mich nicht verändert. Ich habe nach ,Amelie' mehr Angebote bekommen. Aber wenn ein paar Wochen lang nichts über einen in der Zeitung steht, vergessen die Leute einen."

Sie hat nichts gegen Hollywood

Niemand wird jetzt zu den Schützengräben des Ersten Weltkriegs reisen, in denen ihr neuer Film beginnt, den man am besten "Mathilde - Eine große Liebe" nennt, weil nicht ganz klar ist, ob sein Originaltitel nun "Un long dimanche de fiancailles" ist oder "A very long engagement". Diese Sprachverwirrung hat mit der sogenannten "kulturellen Ausnahme" zu tun, auf der Frankreich beharrt, und es ist eine skurrile Geschichte, da man nun den 38prozentigen Marktanteil des französischen Films im vergangenen Jahr feiert und die Zuschauerzahlen von Jean-Pierre Jeunets Film einfach mitrechnet, obwohl ihm ein Gericht das Attribut "französisch" aberkannte, da das amerikanische Studio Warner Brothers für die Produktion eine französische Tochterfirma gegründet hatte.

Audrey Tautou kann darüber nur lachen. Sie spricht von "juristischen Spitzfindigkeiten" und findet es "bizarr", daß Oliver Stone für seinen "Alexander" französisches Geld bekommen hat, "Mathilde" dagegen nicht. "Es ist schon amüsant, daß die Produktionsfirma, die für ,Mathilde' gegründet wurde, in ihren Statuten stehen hatte, daß sie nur Filme in französischer Sprache mit einem französischen Team drehen werde", sagt sie, "der Zustand des französischen Kinos ist ja beileibe nicht so, daß man so arrogant sein könnte, amerikanische Gelder abzulehnen, um einen französischen Film zu drehen." Sie hat auch nichts gegen Hollywood, sie ist sogar Mitglied der Academy, "und wenn alles gutgeht, spiele ich demnächst in einem Hollywoodfilm".

Weltkriegsgreuel in Sepia

Natürlich ist "Mathilde" ein französischer Film - aber es ist zugleich eine 50-Millionen-Euro-Produktion, deren ästhetischer Fluchtpunkt in Hollywood liegt, wo man früher auf dem Studiogelände und heute in den Computern jede Welt in einer Version erschaffen kann, gegen welche die reale Vorlage wie eine Kopie aussieht.

Es ist auch ein Film, nach dem sich ältere Zuschauer fragen, ob sie womöglich eine neue Brille brauchen, und jüngere wissen wollen, wo zum Teufel denn bloß die Farbe geblieben ist. Jean-Pierre Jeunet hat sich das natürlich auch gefragt und sich dann entschlossen, die Zeit des Ersten Weltkriegs ganz in Sepia zu tauchen, weil er sie sich nicht in den Farben von heute vorstellen kann. So überzieht er die "Grande Guerre" mit einer Glasur, wie er sie schon über "Die fabelhafte Welt der Amelie" gelegt hatte, was nicht so recht einleuchten will, weil sich zwar jeder ein Zuckerguß-Montmartre aus dem Märchenbuch vorstellen kann, aber damit beim Stellungskrieg in Flandern gewisse Probleme hat. Zum Sepiaton paßt die Offstimme: Ein sonores Es-war-einmal, daß die Liebe rein und das Grauen pur war, und wenn auch Blut und Schlamm und zerfetzte Körper nicht schön anzusehen sind, dann dämpft der nostalgische Ton sie doch wie all die Grausamkeiten, die ja auch in den Märchen der Brüder Grimm vorgetragen werden.

Weil ihr Gesicht einfach leuchtet

Man braucht sich nur kurz an Bertrand Tavernier zu erinnern, um zu sehen, daß es auch anders geht. Tavernier hat 1989 in seinem Film "Das Leben und nichts anderes" eine ähnliche Geschichte aus dem Jahr 1920 erzählt: die Geschichte einer Suche nach Verschollenen, eine Elegie in Grün und Grau und verwaschenem Blau, und so fern diese Welt einerseits wirkte, so nah kam sie einem, weil da ein Stil war und nicht nur eine Pose. Jean-Pierre Jeunet allerdings war schon immer ein großer Ästhetisierer: Er hat es zum Paradox einer wiedererkennbaren visuellen Sprache gebracht, bei der man sich fragt, was sich denn, außer der eigenen Kunstfertigkeit, einzig in ihr und nicht auch anders ausdrücken läßt.

Dennoch zieht einen der Film hinein. Man folgt den Irrwegen und falschen Fährten seiner Erzählung, weil Audrey Tautous Gesicht nicht bloß eine Projektionsfläche für französische Träume oder Wünsche ist, sondern weil es einfach leuchtet; weil es eine Freude ist, ihrer Mathilde zuzusehen, wie sie nach dem Krieg mit ihrer Unbeugsamkeit, ihrem Trotz und kindlichen Aberglauben daran festhält, daß ihr Verlobter Manech (Gaspard Ulliel) noch am Leben ist. Er ist einer von fünf Soldaten, die 1917 wegen Selbstverstümmelung verurteilt werden. Die fünf werden zwischen den Linien einfach ausgesetzt. Mathilde nimmt die Spur auf, wie ein Detektiv, und versucht herauszufinden, was an dem Frontabschnitt mit dem merkwürdigen Namen "Bingo Crepuscule" geschah.

Es ist, als rebellierte Audrey Tautou gegen diesen Film

Solange Mathilde die Leinwand beherrscht, stört einen auch kaum, daß Onkel und Tante in ihrer endlosen Herzensgüte ein Genrebild aus der Bretagne bevölkern, in dem der Briefträger jeden Tag mit seinem Fahrrad kommt und zur Verärgerung des Onkels immer mitten auf dem sauber geharkten Kiesweg bremst. Die meisten Charaktere sind genau so weit verzeichnet, daß sie ein wenig schrullig und vage liebenswürdig wirken. Wie nah sie an der Karikatur sind, merkt man erst dann, wenn Jodie Foster auf einmal eine emotionale Wucht spüren läßt, die aus einem anderen Film zu kommen scheint. Jodie Foster spielt eine Pariser Marktfrau, die mit dem Freund ihres zeugungsunfähigen Mannes schläft, um schwanger zu werden und ihren Ehemann damit vor der Front zu bewahren, und wenn sie diese Situation durchlebt, ist alles Pittoreske verschwunden.

Sie ist die einzige Person, die in dieser Sepiawelt, welche den Film wie Aspik umgibt, zum Leben erwacht - außer Mathilde natürlich. Und das ist weniger ein Verdienst der Inszenierung; es ist einfach die Präsenz von Audrey Tautou, die einem mitunter so vorkommt, als rebelliere ihr Charakter nicht nur gegen all jene, die ihr ihre Suche ausreden wollen, sondern auch gegen einen Film, der weniger von der großen Liebe als von der Liebe als großer ästhetischer Idee erzählt. Nein, sie sei nicht wie Mathilde, sagt Audrey Tautou, aber sie bewundere sie, ihre Stärke, ihre Zurückgenommenheit, daß sie kein Mitleid will. "Aber mein Selbstbewußtsein ist nicht groß genug, um etwas gegen alle und jeden durchzusetzen. Als ich zum ersten Mal den Wunsch verspürte, Schauspielerin zu werden, habe ich mir das gar nicht zugestanden, und daß ich mir zum ersten Mal gesagt habe: ,Du bist Schauspielerin!', das hat mehrere Filme gebraucht. Im Gegensatz dazu haben Leute es schwer, mir etwas einzureden, was ich partout nicht will."

Wenn sie der Puppenstubenwelt Jeunets entkommt

Aber jetzt muß sie allmählich aufhören zu reden. Es eilt, am Abend noch soll sie im Außenministerium in Paris erscheinen, weil sich dort das französische Kino Verleihern und Journalisten aus ganz Europa präsentiert. Und dann fragt sie plötzlich auf englisch: "Darf ich ein Bild von Ihnen machen?" und greift nach dem Fotoapparat, der neben ihr auf dem Sofa liegt. Klar darf sie.

"Sammeln Sie allen Ernstes Filmkritikerporträts?" "Ja", sagt sie mit einem gar nicht verlegenen Lächeln, betätigt den Auslöser und bedankt sich. "Um sie dann wie beim Voodoo mit Nadeln zu behandeln?" Da muß Audrey Tautou laut lachen, und man freut sich schon jetzt auf den Tag, an dem sie der Puppenstubenwelt Jeunets endlich entkommen ist und einen genauso von der Leinwand anlacht.

"Mathilde - Eine große Liebe" kommt an diesem Donnerstag ins Kino.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.01.2005, Nr. 3 / Seite 25
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, Warner Bros. Ent.

 
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