Fernsehen und Politik

Tony Blairs Stimme für die „Simpsons“

Von Dietmar Dath

Männer im Profil: Tony Blair und Homer Simpson (Röntgenbild)

Männer im Profil: Tony Blair und Homer Simpson (Röntgenbild)

02. Dezember 2003 Früher war alles grimmiger: Als die Rocker von der Band "Iron Maiden" jene zu ihrem martialischen Namen passende eiserne Lady Großbritanniens Anfang der achtziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts auf ihren Plattencovern vorführen wollten, weil sie als echte englische Patrioten aus der "working class" zu gleichen Teilen außenpolitisch stolz auf eine so abschreckende Premierministerin wie, aus eher sozialpolitischen Gründen, wütend auf dieselbe waren, mußten sie Frau Thatcher noch ohne deren Einwilligung oder sonstige Kooperation von bezahlten Illustratoren malen lassen.

Ein düsteres Promotion-Foto aus dieser Zeit zeigt die zornigen Langhaarigen außerdem mit einer Thatcher-Wachsfigur an einem schlecht ausgeleuchteten runden Tisch - näher kam man an das Echte damals nicht heran. Doch die Zeiten haben sich geändert: Tony Blair tritt demnächst bei den "Simpsons" auf, und zwar in einer geplanten Folge über eine England-Exkursion der gelben Zeichentrickfamilie aus Springfield, die den Titel "The Regina Monologues" - ein typischer Simpsons-Metawitz auf das Theaterstück "The Vagina Monologues" - tragen soll und auch die Stimmen der Harry-Potter-Autorin J. K. Rowling und des Schauspielers Sir Ian McKellen, der in der "Herr der Ringe"-Filmtrilogie den Zauberer Gandalf gibt, für ihre Simpsons-typische "postmoderne Aufklärung" (Diedrich Diederichsen) über die Zustände auf der Insel mißbrauchen wird.

Sozialdemokratischer Populist

Der leutselige Premierminister spricht drei Textzeilen für seine animierte Maske, was ja noch anginge, wenn er sich dafür wenigstens nicht ums Bekenntnis seiner schlichten Gier, möglichst oft ins Fernsehen zu kommen, drücken würde. Wie alle sozialdemokratischen Populisten aber muß Blair an unpassendster Stelle den Volkstribun und Vaterlandsretter raushängen lassen, anstatt sich einfach geschmeichelt zu fühlen, daß die der Haltung, wenn schon nicht dem Geblüt nach königlichen Produzenten der Show ihn anders als den Fußballschönling David Beckham nicht abgewiesen, sondern gnädig mit einem Kurzauftritt abgespeist haben - der so Geehrte war sich nicht zu billig, seinen Pressesprecher erklären zu lassen, der Premierminister sei "ein großer Fan der Serie" und nehme die Gelegenheit wahr, "etwas für die Tourismusindustrie in Großbritannien zu tun".

Natürlich wird in hundert Jahren, wenn es noch eine Menschheit gibt, kaum noch jemand mehr wissen, wer Tony Blair war, Homer Simpson aber mit etwas Glück immer noch ein gelber, beleibter, emblematisch fauler Begriff aus dem zwanzigsten Jahrhundert sein. Clinton, Bush und Jimmy Carter sind von der Serie schon der Nachwelt überantwortet, da kommt es auf einen ehrenwerten New-Labor-Sozialkürzer, Wahlkundgebungs-Strahlemann und Hilfsgrenadier von Amerikas Gnaden mehr oder weniger wahrscheinlich nicht an. Trotzdem darf man Wehmut empfinden: Margaret Thatcher hätte, wichtigerer Geschäfte wie des immerhin selbst angezettelten Falklandkrieges wegen, den Zeichentrick-Job wahrscheinlich an eine lohnabhängige einheimische Stimmenimitatorin abgetreten. Sie dachte eben - typisch Konservative - einfach einen entscheidenden Tick ehrbarer und sozialer.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.12.2003, Nr. 280 / Seite 40
Bildmaterial: AP

 
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