„Aviator“-Filmpremiere

Jenseits von Kate

16. Januar 2005 „Als verheirateter Mann kannst du das nicht schreiben“, hat meine Frau gesagt, aber man kann sich ja auch nicht gleich scheiden lassen, wenn man von Cate Blanchett schwärmen will.

Zum Beispiel, wie angenehm kühl ihre Hand ist, wie entspannt sie mit übereinandergeschlagenen Beinen in einem karamelfarbenen Ledersessel sitzt, der für die Abwesenheit von Geschmack in jenem Berliner Hotel mit dem großen Doppelnamen steht. Dort gastiert die Schauspielerin zur Zeit für die Deutschland-Premiere des Films „Aviator“.

Wieder dieses Lächeln

Cate Blanchett erhebt sich, streicht kurz den engen, schwarzen, knielangen Rock glatt und steht in ihrer von Goldfäden durchwirkten Bluse mit der Schleife im Ausschnitt vor einem, als sei man ihr gerade bei einer Teegesellschaft vorgestellt worden. Wir setzen uns nebeneinander an einen kahlen runden Tisch, der für zehn Personen reichen würde, wir schauen durch ein Fenster auf die trostlose Kunstschneerodelbahn auf dem Potsdamer Platz und sind uns einig, daß man trostlose Kunstschneerodelbahnen gelegentlich ertragen muß, wenn man Kinder hat.

Ihre Stimme ist ohne das Hepburn-Timbre viel angenehmer. Sie redet ruhig, sie lächelt häufig, sie sagt, was ihr die Hepburn bedeutet, daß sie die Würde bewundert hat, mit der sie gealtert ist, und daß es eine Freude war, mit Martin Scorsese zusammenzuarbeiten. Hat es sie nicht gestört, nach dem „Herrn der Ringe“ schon wieder mit so vielen Spezialeffekten zu arbeiten? Da ist wieder dieses Lächeln, und auf einmal spricht sie von Gollum.

Man denkt nicht an die Rollen

Es sei doch befreiend, als Schauspieler eine solche Arbeit zu machen, ohne welche die beste Computeranimation nicht funktionierte, und dann in die Anonymität zu verschwinden, ohne hinterher dauernd gefragt zu werden: „Hey, sind Sie nicht Gollum?“ „Würden Sie allen Ernstes lieber als Katharine Hepburn in Erinnerung bleiben und nicht als Cate Blanchett?“

Ein kleines Lachen diesmal, das einem weiche Knie macht. Zum Glück sitzt man fest auf dem Stuhl und denkt, daß man sie lieber als Cate Blanchett in Erinnerung behält, weil sie, wie sie da sitzt, einen eben nicht an all die Rollen erinnert, die sie gespielt hat, wohingegen man bei den meisten Schauspielerinnen immer nur an die Rollen denkt, weil sie oft so unscheinbar vor einem sitzen.

Umgekehrte Kinomagie

„Ich weiß ja immer noch nicht, ob ich Schauspielerin bin oder bleiben will, ich interessiere mich auch noch für andere Dinge.“ Wofür? Sie würde sich zum Beispiel im Umweltschutz engagieren, sagt sie. Und sie klingt dabei wie Cate Blanchett, die von der Leinwand herabgestiegen ist und die, als funktionierte die Kinomagie diesmal umgekehrt, dabei noch gewinnt.

Und dann leider schon die angenehm kühle Hand zum Abschied, ein letzter Blick, wie sie sich die Haare aus dem Gesicht streicht, obwohl sie ihr gar nicht ins Gesicht gefallen sind.

Hinreißend, charmant und erotisch

„Und, wie war's?“ hat meine Frau gefragt. „Toll“, sage ich, „sie ist eine wunderbare Katharine Hepburn, eine umwerfende Cate Blanchett, und jetzt wäre es vermutlich ganz reizvoll, Catherine Elise Blanchett kennenzulernen.“

„Wie gut, daß du nur Filmkritiker bist“, hat meine Frau gesagt. Ich habe mit den Achseln gezuckt, mich hingesetzt und aufgeschrieben, wie hinreißend, charmant und erotisch diese Frau von 35 Jahren ist, mit der ich eine halbe Stunde in dieser seltsamen Zwischenwelt verbracht habe, die so viel unwirklicher ist als das sogenannte reale Leben und so viel realer als die Leinwandexistenz.



Text: pek. / Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.01.2005, Nr. 2 / Seite 23
Bildmaterial: AP, dpa, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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