Von Michael Althen
21. Mai 2008 Wenn man am Flughafen in Nizza ankommt, sieht man als Erstes über dem Gepäckband ein Poster hängen, das für Grand Theft Auto IV wirbt, jenes Computerspiel, das in der ersten Verkaufswoche 350 Millionen Dollar in die Kassen gebracht und Hollywood das Fürchten gelehrt hat. Die Figuren des Spiels werden längst wie Stars beworben - nur über den roten Teppich können sie noch nicht laufen. Dafür braucht es immer noch das gute alte Fleisch und Blut. Und womöglich zieht das Spektakel auf den Stufen des Palastes deshalb immer noch so viele Fans an, weil die Stars irgendwie dafür einzustehen scheinen, dass die Bilder der Filme nicht völlig aus der Luft gegriffen sind.
Damit man einen Eindruck davon bekommt, worum es bei dem Trubel in Cannes wirklich geht, muss man sich die Meldung auf der Zunge zergehen lassen, wonach Reliance Big Entertainment eine Milliarde Dollar in Hollywood investieren will. Daran ist nicht nur die Summe bemerkenswert, sondern vor allem der Umstand, dass die Firma dem Inder Anil Ambani gehört, dem Herrscher Bollywoods und sechstreichsten Mann der Welt. Bollywood steht für Gesang und Tanz, Hollywood für Sex und Gewalt, verkündet seine Firma. Es heißt immer, das gehe nicht zusammen - das glauben wir nicht. Eine Milliarde aus Bollywood, verstreut auf die Produktionsfirmen von Clooney, Hanks, Pitt, Cage und Carrey, das ist die Sorte Deal, die hier in den Hotelsuiten oder auf den Großyachten verhandelt wird, während es am Ende des roten Teppichs um eine Palme geht, die außer der Ehre wenig bringt, was sich versilbern ließe.
Die Unbekannte und der größte Star
Auf keinem Festival wird die Doppelnatur des Kinos so spürbar wie hier, der Kommerz auf der einen, die Kunst auf der anderen Seite. Den Glauben an Letzteres konnte man aufs schönste bekräftigt sehen in zwei Wettbewerbsbeiträgen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und einander doch auf seltsame Weise verwandt sind - und sei es nur durch den liebenden Blick auf ihre Heldinnen und die Stärke ihrer Hauptdarstellerinnen. Die eine ist die weitgehend unbekannte Arta Dobroshi aus dem Kosovo, die andere ist der weltgrößte Star, Angelina Jolie. Die eine spielt in dem belgischen Film La silence de Lorna von Luc und Jean-Pierre Dardenne, die andere in Clint Eastwoods Changeling. Beide Filme fesseln einen von der ersten Minute an und lassen einen nicht mehr los. Das verdanken sie einer erzählerischen Ökonomie, die Räume öffnet für den Blick aufs Wesentliche.
In Lorna geht es um eine Frau aus Albanien, die eine Scheinehe mit einem Drogensüchtigen eingegangen ist, um die belgische Staatsbürgerschaft zu erlangen. Sie weigert sich, ihren Mann ans Messer der Mafia zu liefern, die ihn möglichst schnell aus dem Weg haben will, damit die Frau ihrerseits mit weiteren Scheinehen Geld verdienen kann. Changeling erzählt von einer Alleinerziehenden im Los Angeles des Jahres 1928, deren Sohn eines Tages verschwindet und der die Polizei einfach ein anderes Kind unterschiebt, um die Bilanz bei Vermisstenfällen und ihren Ruf aufzubessern. Als die Frau sich weigert, das Kuckuckskind zu akzeptieren, lässt man sie kurzerhand für verrückt erklären.
Der letzte Meister des klassischen Hollywood
Eigentlich ist damit in beiden Fällen schon zu viel erzählt, weil ein Teil der Faszination in der Art besteht, wie die Regisseure ihre Geschichten langsam entfalten, wie sie das Netz stricken, in dem sich die Frauen verfangen, und wie sie Stück für Stück preisgeben, mit welcher Beharrlichkeit ihre Heldinnen um ihre Würde und um die Wahrheit kämpfen. So verschieden die beiden Filme auch sein mögen, so geschickt gelingt es beiden, hinter dem Einzelschicksal ein Gesellschaftsporträt zu zeichnen, in dem eine ganze Epoche sichtbar wird.
Der beharrliche Blick der Dardennes, die den alltäglichsten Verrichtungen eine Aufmerksamkeit schenken, dass man den Eindruck hat, man müsse den Menschen nur lange genug auf die Finger schauen, bis sie ihre Geschichten wie von alleine preisgeben, ist natürlich ein ganz anderer als der von Eastwood, der neben Sydney Pollack so etwas wie der letzte Meister des klassischen Hollywood ist. Eastwood breitet ein ganzes Panorama von Korruption und Polizeiwillkür in den Dreißigern aus, ohne je seine Heldin aus den Augen zu verlieren, und obwohl bei ihm der Alltag der Frau völlig hinter den Fall zurücktritt, gewinnt auch diese Figur immer mehr Tiefe.
Gerade der Verzicht auf jede Art von malerisch ausgebreitetem Alltagsglück führt zu einem der bewegendsten Momente des Films, der zugleich eine wunderbare Verbeugung vor dem Kino ist. In der einzigen Szene, in der es nicht um den verlorenen Sohn geht, sagt die Heldin zu ihrem Chef, sie wette zwei Dollar, dass bei der Oscar-Verleihung nicht der überschätzte Cleopatra, sondern Frank Capras Komödie It Happened One Night gewinne. Man hat sie nie im Kino gesehen, aber in diesem Augenblick begreift man, dass sie in all den Jahren der Suche womöglich allein im Kinosaal für Momente den Schrecken ihrer Geschichte entfliehen und vergessen konnte. Allein dafür muss man das Kino lieben. Und für diese beiden großen Filme.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: 2008 Universal Studios, AFP, Christine Plenus, Image.net, REUTERS
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