Von Bert Rebhandl
13. Januar 2007 Der Rockstar Kurt Cobain, Sänger und Gitarrist der Band Nirvana, starb am 5. April 1994 an Schusswunden, die er sich selbst zugefügt hatte. Er hatte eine tödliche Menge Drogen im Blut. In einem Abschiedsbrief zitierte er Neil Young: It's better to burn out than to fade away.
Der Filmemacher Gus Van Sant hat in den letzten Jahren für das Kino eine Form der Trauerarbeit entwickelt, die er als Meditationen bezeichnet. Sein jüngster Film Last Days ist inspiriert von den letzten Tagen von Kurt Cobain, besteht aber auf Fiktionalität. Der junge Mann, der zu Beginn durch den Wald irrt, in einem kalten Fluss badet, am Lagerfeuer übernachtet und schließlich bei einem geräumigen alten Haus ankommt, heißt Blake. Er sieht Kurt Cobain ähnlich, schon der blonden Haare wegen. Aber es geht in Last Days nicht um die Wahrheit über den Tod des Grunge-Idols (dazu gibt es die Berichte der Polizei und die Verschwörungstheorien der Fans), sondern um eine Wahrheit im Inneren der Rock-'n'-Roll-Klischees.
Rückkehr nach Hause
Gus Van Sant hat den Kern der Geschichte so formuliert: In meinen Augen geht es um einen, der nach Hause zurückkehrt, weil er einen Ort sucht, an dem er allein sein kann. Aber dort, wohin er zurückkehrt, sind andere Menschen. Es wird nichts mit dem Alleinsein. Er bemüht sich, Menschen aus dem Weg zu gehen, aber es gelingt ihm nicht, allein zu sein. Allerdings gehört das Haus ihm, er lässt sich also nicht wirklich auf ein Abenteuer ein. Er kehrt einfach nur nach Hause zurück.
Michael Pitt spielt diesen jungen Mann mit einem paranoiden Gehör. Das Glockenspiel einer Uhr, die Gebete der Menschen in einer fernen Kirche, ein R&BVideo im Fernsehen - alles überlagert sein eigenes Gemurmel, aus dem kaum einmal ein sinnvolles Wort zu vernehmen ist. Blake ist nicht allein in dem kalten Haus. Aber seine Freunde nehmen kaum Notiz von ihm. Eine bestürzende Melancholie liegt über den Szenen abgebrochener Kommunikation. Blake erscheint unerreichbar, als wäre er schon in einer anderen Welt.
Vom Anzeigenverkäufer zum Schauspieler
Ein Drehbuch im herkömmlichen Sinn lag nicht vor, als Last Days in den herbstlichen Wäldern um Garrison im Bundesstaat New York gedreht wurde. Stattdessen konnten die Schauspieler ihre Ideen einbringen. Ein Vertreter, der Anzeigen für die Gelben Seiten verkauft, bekam kurzerhand eine Szene. Zwei Mormonen dürfen ihre religiösen Botschaft darlegen, ohne dabei lächerlich zu wirken.
Scheinbar mühelos erzielte Gus Van Sant in seinen letzten drei Filmen, die jeweils von Jugendkultur und Tod handelten, immer wieder Momente größter Luzidität. In Gerry (2002) verloren zwei junge Männer in den Salzwüsten von Nevada die Orientierung, am Ende fand nur einer in die Zivilisation zurück. In Elephant (2003) versuchte Van Sant, das Schulmassaker, das sich 1999 in Littleton, Colorado, ereignet hatte, aus der Perspektive von Opfern wie Tätern nachzuempfinden. Schon damals entwickelte er eine eigenartige Mischform, die zugleich historisch korrekt und poetisch frei erschien. Die amerikanische Kritikerin Amy Taubin hat die Filme von Gus Van Sant als homöopathisch bezeichnet - sie verabreichen ein Gift in heilsamer Dosis. Man könnte auch sagen: Sie erzählen auf friedliche Weise von Gewalt.
Ins Gegenteil verkehrte Klischees
Versöhnlichen dramaturgischen Anforderungen wie in seinen konventionellsten Arbeiten Good Will Hunting oder Finding Forrester muss Van Sant dabei nicht mehr genügen. Das experimentierfreudige Pay-TV-Unternehmen HBO hat ihm bei Elephant und Last Days eine neue künstlerische Heimat geboten. Van Sant ist jetzt wieder dort, wo er in den achtziger Jahren war. Er dreht mit Low Budget, aber es sind nicht mehr die eigenen Ersparnisse, die er investiert. In Last Days gibt es eine Szene, in der eine Frau von einer Schallplattenfirma (gespielt von der Musikerin Kim Gordon von Sonic Youth) kommt, um Blake wieder in Gewahrsam zu nehmen. Sie lässt ihn mit einem resignierten Satz allein: Dann bleib eben in deinem Rock-'n'-Roll-Klischee. Gus Van Sant kann selbst Klischees in ihr Gegenteil verkehren. Statt den Tod von Kurt Cobain zu zeigen (den Schuss, das Blut, das Röcheln - was immer sich die Fans davon ausmalen wollen), zeigt er nur den toten Blake, dem wie ein Schatten ein nackter Blake entsteigt. Es ist ein poetisches Bild, das uns sagt, dass er geht - nicht mehr, hat Van Sant in einem Interview einmal geäußert.
Mit seiner Introvertiertheit ist der Film auch eine Reaktion auf die exzessive Berichterstattung der Medien und auf den Witwenkult um Courtney Love. In Last Days ist Cobains Beziehung zu ihr die Leerstelle, die Van Sant durch Crossdressing und die androgyne Aura von Blake gewissermaßen ersetzt. An die Stelle der Medienfigur Kurt Cobain tritt eine Figur, die selbst wie ein Medium wirkt, verbunden mit einer Welt, aus der nur ein Murmeln zu hören ist. Last Days ist ein völlig innerweltlicher Film, der aber die Transzendenzhoffnungen der Popkultur nicht verrät.
Text: F.A.Z., 12.01.2007, Nr. 10 / Seite 33
Bildmaterial: Alamode/Cinetext, AP
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