Kriegsreporter

Das Ding soll mich vor der Sonne schützen

Von Nic Robertson

Bericht von der Front

Bericht von der Front

12. Juni 2005 Als ich 1991 bei der Zollkontrolle am Saddam International Airport gefragt wurde, was der glänzende Metallschirm in meinem Koffer sei, sah ich mich schon ertappt. Ich erklärte, das Ding solle mich vor der Sonne schützen, und schaute dem Zollbeamten dabei fest in die Augen.

Es funktionierte. Er nahm mir den kleinen Weltempfänger weg, ließ mir aber das dreißig Kilogramm schwere Satellitentelefon, das ich auseinandergenommen und zwischen den Sachen im Koffer verteilt hatte. Dieses Telefon würden wir benötigen, wenn die alliierten Bombenangriffe, mit deren Beginn jeden Tag zu rechnen war, das Bagdader Telefonnetz zerstören würden und wir unsere Berichte dann nicht mehr würden übermitteln können.

Live aus Bagdad

Zwölf Jahre später und etwa einen Monat vor Beginn des zweiten Golfkriegs war das Schmuggeln von TV-Kommunikationstechnik erheblich einfacher. In meinem Koffer (von gleicher Größe) hatte ich genug Satellitentelefone und andere Geräte verstaut, um live aus Bagdad berichten zu können. Zwischen den beiden Kriegen war es zu einer Revolution in der Übertragungstechnik gekommen, und ich hatte das Glück, diese Entwicklung unmittelbar erleben zu können. Im ersten Golfkrieg war ich als Satelliteningenieur von CNN dafür zuständig, daß wir jederzeit auf Sendung gehen konnten, im zweiten Golfkrieg war ich CNN-Chefkorrespondent in Bagdad.

Im ersten Golfkrieg konnten wir mittels unserer Four-wire-Box, einer zuverlässigen Telefonverbindung, Berichte an die Zentrale in Atlanta übermitteln, sobald die ersten Bomben fielen. Als diese Verbindung während der Luftangriffe dann zerstört wurde, griffen wir auf das geschmuggelte Satellitentelefon zurück. Aber nach wie vor konnten wir nur gesprochene Reportagen senden, keine Live-Bilder. Dazu mußte ich erst aus Jordanien unsere Satellitenschüssel herbeischaffen. Die war in rund dreißig Kisten verpackt, für deren Transport ein Fünftonner erforderlich war. Auf das Dach pinselten wir in großen Buchstaben CNN, damit uns die Piloten der Alliierten nicht mit einer fahrbaren Scud-Abschußrampe verwechselten, und fuhren auf der sogenannten Scud-Allee zurück nach Bagdad.

Noch recht langsam

Die Revolution war nicht linear. Zwischen dem ersten Golfkrieg und dem Nato-Einsatz im Kosovo 1999 änderte sich nicht viel. Wir hatten bessere Satellitentelefone und einen Bildtransmitter namens Toko, der unsere Berichte noch recht langsam übermittelte. Die Übertragung eines Zwei-Minuten-Berichts von abgelegenen afghanischen Schlachtfeldern nach Atlanta dauerte etwa eine Stunde. Im Dezember 1999 konnte ich mit dem Toko (allerdings noch etwas unscharfe) Live-Bilder vom Flughafen Kandahar senden, wo die Entführung eines indischen Passagierjets durch Taliban zu Ende gegangen war.

Nun ging es mit der rasanten technologischen Entwicklung richtig los. Das nächste Gerät, über das wir verfügten, war das Bildtelefon. Klein und kompakt, wandelte es die Bilder unserer Kamera in digitale Daten um, die über Satellitentelefon nach Atlanta gesendet und dort decodiert wurden. Wie praktisch dieses Ding war, zeigte sich, als ich am 11. September 2001 in Kabul war. Mein Kameramann Alfredo Delara und ich waren bald die einzigen westlichen Reporter in Afghanistan, und wir konnten live berichten, wie sich das Land auf den erwarteten Angriff von amerikanischen Streitkräften vorbereitete.

Rasante Entwicklung

Zwei Jahre später, vor dem zweiten Golfkrieg, schmuggelte ich ein Bildtelefon in den Irak, aber mittlerweile hatte ich ein Softwareprogramm auf meinem Laptop, das die Digitalisierung von Bildern simulierte. Die rasante Entwicklung ging immer weiter. Die Computer-Software wurde besser und übertraf in der Qualität deutlich das Bildtelefon. Breitbandcomputeranschlüsse in Hotels, WLAN-Anschlüsse in Internetcafes ersetzten gelegentlich das Satellitentelefon als Übertragungsweg, und damit ging eine deutlich verbesserte Bildqualität einher.

Im vergangenen Sommer, während eines Aufenthalts in Saudi-Arabien, schloß ich meine Kamera an den Laptop an, den Laptop an den Internetanschluß meines Hotels und berichtete live aus meinem Hotelzimmer. Die Qualität war so gut, daß einige Kollegen in unserer Nachrichtenredaktion glaubten, ich hätte über einen konventionellen Satelliten gesendet.

Schnellere Computer

Internetverbindungen von dieser Qualität sind zwar noch selten, vor allem in entlegenen Regionen der Dritten Welt, aber neue Satellitentelefone werden, unterstützt von schnelleren Computern und leistungsfähigeren Handys, sehr viel schneller Daten liefern.

Die Bildübertragung wird in Zukunft noch schneller werden, die Fernsehzuschauer werden mehr Auswahl haben und noch näher am Geschehen sein. In den nächsten fünf Jahren wird uns die digitale Revolution weitere Entwicklungen bringen, neben denen die Neuerungen, die wir erlebt haben, seit der erste Nachrichtensender vor fünfundzwanzig Jahren den Betrieb aufnahm, verblassen werden.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Nic Robertson ist Chefkorrespondent von CNN International.



Text: F.A.Z., 13.06.2005, Nr. 134 / Seite 33
Bildmaterial: AP

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