Cannes

Die Sterne zum Greifen nah

Von Verena Lueken und Michael Althen, Cannes

26. Mai 2007 Sharon Stone trug schwarz und lächelte. Ihr Gesicht hing zwischen Palmenwipfeln, drehte sich von hier nach dort, und die Begleitmusik lieferte das gleichmäßige Rauschen des Verkehrs auf der Rue d'Antibes, einige Straßenzüge vom Festivalpalast entfernt. Es klang fast wie Stille; man fiel in sie hinein, nachdem das Disco-Wummern an den Stufen mit dem roten Teppich, die Sharon Stone gerade hinaufgeschritten war, mit jedem Meter in die andere Richtung verwehte, wie auch die aufgeregte Lautsprecherstimme des Prominentenansagers, das Motorklackern der Kameras und das Geschrei der Zaungäste.

Aus der Entfernung war Sharon Stone selbst längst nicht mehr zu sehen, nur noch ihr Kopf, zwei Stockwerke hoch und breit zwischen den Palmkronen, über denen der Himmel des frühen Abends immer noch strahlte. Es hätte eine Reklame sein können wie die, hinter denen das Hotel Carlton während des Filmfestivals verschwindet, aber es war nicht mehr als die Live-Projektion des Galagasts auf Leinwände neben dem Festivalpalast.

Jeder ist sich selbst der gute Zweck

Sharon Stone war nicht gekommen, um für einen neuen Film Reklame zu machen, sondern um für die Aids-Foundation alles Mögliche unter den Hammer zu bringen, unter anderem für 140.000 Dollar einen leibhaftigen Auftritt von Kylie Minogue am selben Abend im Lokal „Moulins“ in Mougins. Am Ende hatte sie siebeneinhalb Millionen Dollar gesammelt.

Überhaupt waren dieses Jahr noch mehr Stars als sonst für einen guten Zweck unterwegs: Leonardo DiCaprio warb fürs Klima und hatte einen Film dabei, der zeigte, wie es möglicherweise doch noch zu retten sei, „The 11th Hour“, den er produziert hat. Martin Scorsese warb für die weltweite Pflege des Filmerbes und verkündete in Anwesenheit einer Gruppe Filmemacher tatsächlich aus der ganzen Welt die Geburt des „World Cinema Fund“, der sich um vergessene, vernachlässigte und verwaiste Filme kümmert. Helen Mirren warb für die Stiftung des englischen Prinzen, das All-Star-Team von „Ocean's Thirteen“ für Hilfe für Dafur, Bianca Jagger für ein politisch und sozial engagiertes Kino, das ebenfalls einen eigenen Fund bekam, Alexander Kluge für die Mostra in Venedig. Nicht, dass jetzt der Eindruck aufkommt, Cannes sei das Festival der guten Taten. Hier machen alle vor allem Reklame für sich selbst. Und es ist stets das Festival, das davon profitiert.

Allein deswegen hätten Luzern, Ostende und Biarritz allen Grund, sich zu ärgern. Sie hatten sich Ende der dreißiger Jahre um das Festival International du Film beworben, aber gegen Cannes verloren, weil der Ort an der französischen Riviera die Zusage machte, für den Anlass ein eigenes Palais zu bauen.

Eigentlich war Venedig seit 1932 das führende Filmfestival gewesen, aber als 1938 die Preise an Leni Riefenstahls „Olympia“ und an einen Film von Mussolinis ältestem Sohn Vittorio gingen, verließen die amerikanische, englische und französische Delegation unter Protest den Lido. Und eine Kommission unter dem Vorsitz von Louis Lumiére, dem Erfinder des Kinos, wurde beauftragt, einen Ort für ein „objektiveres“ Festival zu finden. So einigte man sich auf das südfranzösische Cannes. Alles war bereit, sogar die Stars waren schon da. Gary Cooper, Tyrone Power, Charles Boyer, Douglas Fairbanks, Norma Shearer und Mae West hatten ihre Zimmer mit Meerblick bezogen, und am Strand sollte für den Eröffnungsfilm „Der Glöckner von Notre-Dame“ die Pariser Kathedrale aus Pappmaché nachgebaut werden. Nur der Termin war etwas unglücklich gewählt: Der 1. September 1939.

Robert Mitchum und die Frau am Strand

Erst sieben Jahre später konnte das Festival schließlich eröffnet werden. Aber seine wahre Geschichte beginnt eigentlich erst 1954 mit der berühmten Episode, als Robert Mitchum am Strand von einem Pulk Fotografen verfolgt wurde und ein Starlet namens Simone Sylva im Bikini auf ihn zuging, ihr Oberteil fallen ließ und den Schauspieler umarmte. Die Aufnahmen gingen um die Welt und erregten nicht nur bei Mitchums Gattin einiges Aufsehen. Am nächsten Tag wurde Mademoiselle Sylva gesehen, wie sie auf der Croisette einen Stapel Fotos verteilte. Das war der Anfang. Cannes wurde zum Medienereignis, zu einem Ort, an dem die Sterne zum Greifen nah scheinen.

Simone Sylva brachte ihre Aktion indes kein Glück. Sie fuhr nach Hollywood, wo sich niemand für sie interessierte, und beging ein halbes Jahr später Selbstmord. Man sollte ihr vor dem Festivalpalais ein Denkmal errichten. Nichts würde dem falschen Glanz der Croisette, dieser Mischung aus echtem Ruhm und falschem Rummel, billigen Träumen und bösem Erwachen besser gerecht werden. Im Grunde ist Simone eine Art Heilige für all die Starlets, die seither versucht haben, hier die Welt oder wenigstens einen Produzenten auf sich aufmerksam zu machen. Fast sieht es so aus, als sei sie stellvertretend für ihre Nachfolgerinnen gestorben, als habe sie all das Unheil derer auf sich geladen, die in Cannes ihre Haut zu Markte tragen. Aber es ist nur ein trostloses Schicksal unter den vielen, die hier ihren Anfang nehmen - oder ihr Ende finden.

Cannes hat die Episode keineswegs geschadet. Man war dann allerdings doch derart ums Image besorgt, dass Festival-Chef Robert Favre Le Bret seinen Freund, den Reporter Rupert Allan, beauftragte, eine untadelige Erscheinung wie Grace Kelly dazu zu überreden, im folgenden Jahr an die Croisette zu kommen. Die Mission war nicht nur erfolgreich, sie entpuppte sich als Glücksfall: Die amerikanische Schauspielerin wurde Fürst Rainier vorgestellt, und pünktlich zum nächsten Festival fand die Traumhochzeit statt, die den Boulevard bis in die nächste Generation hinein beschäftigte. Von da an kam an Cannes kein anderes Festival mehr heran. Und der Graben zwischen Simone Sylva und Grace Kelly sagt eigentlich alles, was man darüber wissen muss.

Alle fünfzig Meter auf Champagnerbars

Nur am Abend der Jubiläumsparty taten alle so, als ginge es hier wirklich um die Kunst. Die Einladung lautete auf 23 Uhr, der Ort war der Rosengarten am Ende der Croisette mit Blick über die Bucht, die Wahrscheinlichkeit, dramatisch underdressed zu sein, war groß und die Gästeliste imposant. Von den 33 Regisseuren, die zu dem Jubiläumsfilm „Jedem sein eigenes Kino“ je einen Kurzfilm von drei Minuten beigesteuert hatten, sollten 31 anwesend sein, dazu die übliche Liste vor allem französischer Stars und Festivalhonoratioren.

Unter Suchscheinwerfern gingen die Gäste die Einfahrt durch den blühenden Rosengarten hinauf, vorbei an einer giftgrün beleuchteten Halbkugel, in der später der im Augenblick hochbegehrte Wax Tailor auflegte, trafen alle fünfzig Meter auf Champagnerbars und warteten, was geschehen würde. Es wurde Mitternacht, und die Scheinwerfer gingen aus, das war alles. Doch dann rannten auf dezentes Kommando hin alle los zum Yachthafen, die Säume der Abendroben strichen übers Gras, die Beine derer, die im modischen Extrem-Mini gekommen waren, wurden endlich wieder durchblutet, und dann entfaltete sich unter ungeheurem Getöse ein Feuerwerk, von dem am nächsten Tag jeder sprach, der sich in diesem Augenblick im Umkreis einiger Kilometer aufgehalten hatte. Ganze Palmenwälder in Grün, Gelb und Orange wurden da von Booten aus, die in der Bucht kreisten, in den Himmel geschossen, bunte Feuerbälle rasten in endloser Folge auf die Abendgesellschaft zu, Sterne regneten hinab in Blau und Rot und Grün, das Emblem der Goldene Palme erschien wie ein Himmelszeichen, bis schließlich so dichter Qualm über dem Meer hing, dass nur noch grellweiße Lichtkaskaden ihn durchschneiden konnten.

Danach standen alle wieder herum, tranken weiter Champagner, aßen kleine Desserts, und trotz Wax Tailor, der in der Halbkugel zu keinem der verzweifelten Mittel griff, mit denen DJs ihr träges Publikum auch in Cannes gemeinhin zu animieren suchen, geschah für die nächsten Stunden nicht mehr viel. Doch Cannes hatte wieder einmal bewiesen, dass es auch in stilvoller Verkleidung unschlagbar ist. Wenige Stunden zuvor, als der Komiker Jerry Seinfeld sich ein Bienenkostüm anzog und vor der Fassade des Hotel Carlton auf- und abflog, um schließlich am Strand herunterzuplumpsen, konnte man sich da nicht so sicher sein.

Die Normalität steht still

Am Eröffnungstag, wenige Stunden vor der Galapremiere, wenn die Plakate erst halbfertig an den Häusern hängen, ist es immer wieder unvorstellbar, dass gleich die Normalität für zwölf Tage stillgestellt sein wird. Noch rollt der Verkehr über die Croisette, und noch haben alle Zeit. Auch David Fincher und seine Stars Jake Gyllenhal, Mark Ruffalo und Chloé Sevigny, die für „Zodiac“ gekommen waren. Sie brachten ihre Verpflichtungen der Presse gegenüber in aller Ruhe am ersten Festivaltag noch vor der Eröffnung am Abend hinter sich, und zwar an einem der schönsten Orte an der Côte d'Azur, im Hotel du Cap - Eden Roc in Cap d'Antibes. Etwa eine halbe Stunde hinter Cannes schert man aus der Autoschlange auf der Küstenstraße zur Halbinsel aus, wo die Straßen schmaler werden und die Häuser hinter Hecken und Mauern verschwinden. Auch den Haupteingang des Hotels passiert man, bis zur Abzweigung auf einen schmalen Weg, die nur nach mehrfacher telefonischer Genehmigung freigegeben wird, was zum Eindruck beiträgt, man sei in geheimer Mission, nicht zu einem Publicity-Event unterwegs.

Endlich stoppt der Fahrer. Wir stehen mitten in einem Kiefernpark, dessen Duft schon eine Weile ins Auto geweht war, machen in Begleitschutz einen kleinen Spaziergang, und plötzlich liegt das Meer vor uns. Auf der Klippe sind aus den kalkweißen Badehäuschen durch Vorspannen von Zeltplanen kleine Pavillons geworden, für jeden Star ein paar, je nach Medium. Irgendwo liegt ein Plan aus, die Schlachtordnung. Doch alles ist ruhiger, als es in den nächsten zwei Wochen irgendwo mehr sein wird. Und so sitzt man mit Chloé Sevigny eine halbe Stunde im Schatten, beobachtet, wie die Polizei ein Boot voller frecher Paparrazzi mit panzerfaustgroßen Teleobjektiven aus der Bucht verjagt, spricht über ihr Engagement für die Rettung des East Village, beklagt gemeinsam das Verschwinden kleiner Buchläden in New York, redet ein wenig über Filme und ihre Rollen darin und verfällt der Illusion, Filmstars seinen Menschen wie du und ich.

In der Villa Babylone

Auch der Chinese Wong Kar-wai, der zum fünften Mal einen Film im Wettbewerb zeigt und im vergangenen Jahr Jurypräsident war, wirkt gänzlich normal. Er sitzt für unser Gespräch ein paar Tage später allerdings in der lauten Lobby des „Majestic“ in unmittelbarer Festivalnähe, bedauert, wie wenige Filme er hier sieht, und bringt mit einem Satz den Unterschied zwischen Cannes und der Liebe zum Film auf den Punkt. Über den roten Teppich zu laufen, sagt er, sei keine Art, ins Kino zu gehen. Da war der Augenblick, zu dem alle noch ein wenig Zeit hatten, schon längst vorbei.

Zeit ist erst abends, spätabends, wenn die Partys beginnen. Der deutsche Film lädt in eine Villa in den Hügeln ein. Das Anwesen rund um die Villa Babylone umfasst dreißig Hektar auf verschiedenen Ebenen rund um ein Herrenhaus, das dem Vernehmen nach einem in Zürich lebenden Ehepaar gehört, das den Palast als Wochenendhaus nutzt. Zehn Leute sollen fest angestellt sein, wahrscheinlich sind die Hälfte Gärtner. Vor der Kulisse solch immensen Reichtums fühlt sich das Kino von jeher wohl, nur das deutsche Kino scheint ein wenig zu fremdeln. Dabei war zu Beginn der Strom ausgefallen, die Gäste tappten durchs Dunkel, stocherten blind nach Essen, ließen ein paar Teller und Gläser fallen, aber kamen sich trotzdem nicht recht näher.

Im abgetrennten VIP-Bereich stand eigentlich nur Berlinale-Chef Dieter Kosslick herum, und so belauerten die Kamerateams vor allem einander, filmten die wenigen Tanzenden und schlichen um den Pool, womöglich in der Hoffnung, irgendwer möge so viel trinken, dass er angezogen ins Wasser springt. Stattdessen spazierte dort Wim Wenders mit seiner Gattin gutgelaunt herum, wozu er auch allen Grund hatte, weil er der einzige Deutsche ist, der zum Jubiläumsfilm einen Beitrag drehen durfte.

Männer mit Knopf im Ohr

Alle, die auf sich halten, laden ein. Im Hinterland steht auf jedem zweiten größeren Grundstück ein Partyzelt, als sei halb Cannes zur Festivalzeit von seinen Bewohnern verlassen und gegen überhöhte Mieten dem Kino als Kulisse überlassen worden, während die andere Hälfte der Einheimischen sich verdingt, indem sie mit Knopf im Ohr die Zugänge bewacht und keinen Spaß versteht. Man könnte sich sogar dazu versteigen, dass auch die Filme, die hier gezeigt werden, nur Kulisse sind für all die anderen, die noch gar nicht gedreht sind, aber auf der Croisette und in den Branchenblättern bereits beworben werden. Denn während der eine Teil der Cannes-Gäste im Kino sitzt, treibt sich der andere auf Hotelterrassen oder in Suiten herum und handelt und feilscht um Beteiligungen, Prozente, Zusagen, Verträge. Dieser noch unsichtbare Teil des Kinos ist womöglich viel größer als der sichtbare.

Die Party, auf der alle sein wollten, war die für Quentin Tarantinos „Death Proof“. Wer Glück hatte, bekam eine Einladung, und so stand man ab halb zwölf im einfallsreich benannten VIP-Club am fernen Ende der Croisette und wartete, dass die Galavorstellung zu Ende gehen und die Gäste in Bussen herangekarrt würden. Vor der Tür sehr viele Männer mit Knopf im Ohr, dann ein langer Gang mit rotem Teppich und wartenden Fotografen und Kamerateams, drinnen hektisch letzte Vorbereitungen, roter Glitzer auf dem Boden, Getränke aus Designer-Aluflaschen und sehr laute und sehr einfallslose House-Musik, die mit dem Soundtrack des Films rein gar nichts zu tun hat, obwohl sich das bei Tarantino ja anböte. Eine junge Amerikanerin, die gar nicht so aussieht, als ob sie hier das Sagen hätte, fragt einen Franzosen, der mit ernster Miene vor der Türe zur Terrasse steht: „Are you security? Make sure that no one gets in here! Can you do that?“ Der Mann nickt, hier kommt keiner rein, der Bereich ist nicht für Sterbliche. Also auch nicht für uns.

Stattdessen Warten mit starrem Blick auf die Tür am roten Teppich. Die Gäste kommen nur langsam, weil sich der Verkehr am Croisette-Ende endlos staut, und eigentlich sehen die meisten so aus, wie man es ohnehin erwartet: dicke, ältere Männer mit schlanken, jüngeren Frauen, Bürschchen, die aussehen, als seien sie gerade von Papis Yacht gestiegen, Frauen, die aussehen wie Claudia Schiffer und denen von Bodyguards ein Weg durch die Menge gebahnt wird, als seien sie es tatsächlich.

Magnetisch von Claudia Schiffer angezogen

Und dann sieht man noch mal hin und nochmal und stellt wieder mal fest, dass mitunter nichts so unwirklich aussieht wie die Wirklichkeit. Denn die Frau, die da ein paar Meter entfernt im engen blauglänzenden Kleid in der noch lichten Menge steht, ist natürlich niemand anderes als Claudia Schiffer. Und womöglich ist es dieses Unwirkliche, das sie so strahlen lässt. Sie trägt Schuhe, die heller funkeln und wahrscheinlich teurer sind als die Armbanduhren der meisten Produzenten hier. Und ist aus der Nähe tatsächlich bemerkenswert schön. Man muss einfach hinsehen - und möchte es doch nicht. Aber dem Sirenengesang der Berühmtheit zu widerstehen ist schon deswegen schwer, weil er doch der eigentliche Grund ist, sich in Cannes auf solche Partys zu begeben. Einmal einen Blick erhaschen, einmal sich der Illusion von Nähe hinzugeben, obwohl man es besser wissen müsste: dass nämlich dem Schein mit den Mitteln der Wirklichkeit nicht beizukommen ist. Als Beobachter fühlt man sich nach kürzester Zeit schon deswegen so unangenehm berührt, als man ja mitkriegt, wie mehr oder minder verstohlen auch alle anderen Blicke magnetisch von Claudia Schiffers Erscheinung angezogen werden; wie sie alle unbeteiligt tun, dann aber doch einige ihre Kameras oder Handys zücken und Fotos schießen. Dabei steht Frau Schiffer, die offenbar keine Lust hat, gleich in den VIP-Bereich geschoben zu werden, einfach nur da und unterhält sich mit irgendjemandem. Und weiß doch nur zu genau, dass Leute wie sie sich eben nicht unter die Leute mischen können. Ihre Gegenwart löscht gerade an einem Ort wie Cannes jede Unbefangenheit vollständig aus, und im Grunde wünscht man sie sich geradezu fort in den VIP-Bereich, um sie vor den eigenen Blicken zu bewahren. Greifbarer war selten zu spüren, welchen Preis der Ruhm hat und wie pervers jene Wechselwirkung zwischen den Stars und ihrem Publikum ist: Für die Unsichtbarkeit, aus der sich die einen hinaussehnen, würden die anderen manches geben. Zwei Stunden später ist immer noch Stau auf der Croisette, Tarantino steckt noch irgendwo da draußen, und man ist sich ohnehin nicht mehr so sicher, ob man bei seiner Ankunft dastehen und glotzen will.

Schatzsucher am Strand von Cannes

Auf der Pressekonferenz am Nachmittag war das noch ganz anders, da war das Glotzen legitimiert. Und ein schwitzender, wie üblich hyperaktiver Tarantino saß da mit seinen Schauspielerinnen und gab sich Mühe, sogar auf die Frage, wie er dazu stehe, dass ihm so viele nachzueifern versuchen, zu antworten. Wenn er früher einen Film wie „Das Ding aus einer anderen Welt“ gesehen habe, dann habe er ihn immer wieder ansehen müssen, ehe er sich einem anderen Film zuwenden konnte. Damals habe er gedacht, wenn auch ihm das mal gelänge, Leute so fürs Kino zu begeistern, dann sei das das Schönste, was ihm passieren könne. Und auf dieses Stichwort hin erzählte eine seiner Hauptdarstellerinnen, Rosario Dawson, genauso sei ihr es ergangen. Sie habe lange nicht gewusst, ob sie wirklich Schauspielerin werden wolle, bis ihr Vater ihr eine DVD von „Reservoir Dogs“ gegeben habe. Die habe sie sich in einer Woche sieben Mal angesehen und danach gewusst, dass sie Teil jener Magie werden wolle, die das Kino bedeutet. Und weil sie sich gar nicht mehr einkriegen konnte, zeigte Tarantino ihr sein breitestes Grinsen und meinte, sie solle doch bitte an die armen Leute denken, die das ins Französische übersetzen müssen.

Wenn die Konferenzen vorbei sind, die Partys noch nicht begonnen haben, der Abend über die Bucht von Cannes sinkt, die Leute in Smoking und Abendkleidern zum Festivalpalais eilen und am Strand nur noch ein paar Verliebte in der kühlen Meeresbrise kuscheln, beginnt die Arbeit der Schatzsucher. Mit ihren Metalldetektoren, die aussehen wie Staubsauger, laufen sie durch den Sand und lauschen mit ihren Kopfhörern nach Signalen, die auf unter der Oberfläche liegendes Metall hindeuten. Weiß der Himmel, was sie da finden: Kronenkorken, leere Batterien, Colabüchsen, abgerissene Reißverschlüsse, das ein oder andere Euro-Stück, womöglich einen verlorenen Ohrring. Die Leute sehen jedenfalls nicht so aus, als könnte man als Schatzsucher am Strand von Cannes reich werden. Aber im Grunde machen alle hier dasselbe: Produzenten, Verleiher, Agenten und auch Filmkritiker. Sie suchen alljährlich nach ungehobenen Schätzen in der Flut von über tausend Filmen. Was auch immer sie finden - das Sinnbild dafür steht gegenüber dem Festivalpalast im Schaufenster von Chanel. Es ist eine Puppe, ganz in weiße Straußenfedern auf Tüll gehüllt. Auch auf dem Kopf trägt sie Federn, und in ihrem fahlen Gesicht, das ein wenig silbrig glänzt, liegen tiefschwarze Augen. Eine Braut, sagen die einen. Doch wahrscheinlich ist sie ein Geist.



Text: F.A.Z., 26.05.2007, Nr. 121 / Seite Z1
Bildmaterial: REUTERS

 
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