29. März 2006 Daß Nanni Morettis Berlusconi-Film in der Endphase des italienischen Wahlkampfs für Debatten und volle Säle sorgen würde, war vorherzusehen. Daß die Meinungen von Kritikern und Kinobesuchern geteilt blieben, mag an der komplizierten Struktur des Films liegen.
Der Regisseur hat nämlich - bei allem persönlichen Ekel vor dem Medienmogul - keineswegs ein anklagendes Dokumentarwerk im Stil Michael Moores geschaffen, sondern einen typischen Moretti-Film, der haarscharf auf dem Grat zwischen alltäglicher Komödie und Tragödie balanciert. Daß sein Publikum über die finanziellen und juristischen Machenschaften aus Berlusconis Unternehmerkarriere nicht mehr aufgeklärt werden muß, setzt Moretti dabei voraus. Deshalb schildert er lieber, wie es sich im ganz normal verrückten Italien der Berlusconi-Ära lebt und arbeitet.
Zorro gegen Freud
Der Filmproduzent Bruno, gespielt vom sympathisch-verwuselten Silvio Orlando, hatte vor Jahren arg begrenzten Erfolg mit Trash-Horrorfilmen wie Zorro gegen Freud oder den unvergeßlichen Mocassini assassini, was sich adäquat nur mit Angriff der Killerpantoffeln übersetzen ließe. Weil solch fragliche Meisterwerke außer unter hartgesottenen Cineasten kein Publikum und daher auch kein Geld einbringen, plant Bruno einen Kostümfilm über Christoph Kolumbus. Doch das kann natürlich nicht gutgehen.
Moretti demontiert seinen Helden, der längst getrennt von Frau und Söhnen im Büro nächtigt und von den Banken keinen Kredit mehr bekommt, mit sadistischer Lust: Als er Il Caimano, das Drehbuch einer naiven Regie-Anfängerin, als letzte Chance akzeptiert, ahnt er nicht, daß sich dieser vermeintliche Action-Film um nichts Geringeres dreht als um die Machenschaften Berlusconis. Obwohl das finanzierende Staatsfernsehen Rai naturgemäß sofort absagt, hat Bruno keine Wahl mehr.
Ein italienischer Woody Allen
Die Schilderungen der Peinlichkeiten und Pannen beim Organisieren eines auch nur einigermaßen professionellen Drehs machen den Caimano über weite Strecken zur Komödie: Bruno verursacht einen Auffahrunfall, als ihm klar wird, daß er einen Berlusconi-Film dreht, und streitet sich mit dem Unfallpartner nicht über den Blechschaden, sondern übers Politkino. Silvio Orlando bekommt hier im heroischen Kampf gegen die Übermacht des widrigen Schicksals die Statur eines italienischen Woody Allen: Bruno, der seinen eitlen Hauptdarsteller (köstlich: Michele Placido) vergeblich davon abzuhalten versucht, sich - natürlich aus Angst - von der Rolle zurückzuziehen; Bruno, der bankrott in seinem eigenen schäbigen Bühnenbild einzieht; Bruno, der von einem obskuren polnischen Geldgeber als Filmer einer Bananenrepublik gedemütigt wird.
In Form von Traumsequenzen hat Moretti prächtige Szenen aus Berlusconis kalter Welt voller Advokaten, Geldboten, Fernsehballette und Fußballspieler eingestreut. Hier tritt tatsächlich ein Doppelgänger des Politikers auf; Elio di Capitani hat Gesten und Duktus Berlusconis staunenswert studiert, doch hält sich der Film nicht allzulange bei der amüsanten Persiflage auf, wie auch die berühmten Originalsequenzen von Berlusconi bei der Beschimpfung des deutschen Europaabgeordneten Schulz nur am Rande vorkommen. Erst ganz am Schluß kommt der Reißschwenk zur politischen Anklage: Plötzlich ist es Nanni Moretti selbst, der ohne Maske und mit Bart ganz verfremdend den Premier spielt.
Szenen aus dem Prozeß
Hier endet die eigentliche Handlung, das anrührende und gelungene Lebens- und Familiendrama des Verlieres Bruno. Und wir sehen - mit einem Gros von Originalzitaten - nachgestellte Gerichtsszenen aus dem wichtigsten Berlusconi-Prozeß. Anders als in der Realität verurteilt das Filmdrehbuch den Politiker zu sieben Jahren Gefängnis, eine Majestätsbeleidigung, die der Angeklagte kaltlächelnd mit einem Aufruf zur Gewalt gegen die Justiz kontert. Als er in der gepanzerten Limousine davonfährt, brennen bereits die ersten Gerichtsgebäude.
Den Umschlag von der Komödie zum Fanal des Bürgerkriegs verkraftet der Plot kaum, aber Moretti wollte seinen Politfilm wohl nicht mit einem Augenzwinkern, sondern mit zynischer Attacke beenden, nachdem er Berlusconi zuvor mit guten Gründen schon nicht gestattet hatte, den Caimano zu dominieren. Der Politiker, der noch vor dem Filmstart angekündigt hatte, sich den Film nie anzusehen, nahm bald darauf die Provokation an. Ich bin der Kaiman, rief er bei einer Wahlveranstaltung in Neapel, ich fresse alle Gegner!
Text: F.A.Z., 30.03.2006, Nr. 76 / Seite 39
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