Joe Cocker

Mit ein klein wenig Hilfe von seinen Freunden

Von Edo Reents

20. Mai 2004 Als Begründer des Soul hat Ray Charles unter den englischen Rocksängern zwei Nachlaßverwalter gefunden, die selber Epoche machten. Der eine ist Steve Winwood, der 1965 als Halbwüchsiger mit einem kehligen und bis dahin wirklich nur von Schwarzen gehörten Gesangsstil irritierte. Der andere ist Joe Cocker.

Er begann seine Karriere etwas später, aber mit ungleich größerer Durchschlagskraft als der feminine Stilist Winwood. Wer, im Jahre 1969, seine Interpretation des "Beatles"-Titels "With A Little Help From My Friends" zunächst auf Platte und ihn dann, im August jenes Jahres, damit auf dem Woodstock-Festival hörte, mochte sich fragen, ob das denn sein könne, daß hier jemand aus Sheffield singt, wie das normalerweise nur Männer aus Mississippi tun und können. "Cockers Neigung zur Rockmusik", schrieb damals die "New York Times", "ist ungewöhnlich persönlich. Er ist rauh und vulgär, vielleicht eine Spur zu selbstbezüglich. Aber seine Stärke und Beständigkeit rechtfertigen solche Exzesse. Er ist der beste männliche Rocksänger."

Unerhört zündende Weise

Dieses Adelsdiplom wurde in jener Zeit nicht wahllos ausgehändigt. Joe Cocker aber führte den Titel zumindest eine Zeitlang zu Recht. Wenn man sich heute fragt, was seine Einzigartigkeit ausmachte, dann war es wohl die Intensität, der man sich nicht entziehen konnte. Das Material, das er sich mit seinem rüden Organ anverwandelte, transzendierte gleichsam - nicht, indem er es in immaterielle Jubelhöhen trieb, sondern, indem er es mit männlicher Kraft in eine Dimension trieb, in der noch die fröhlichste Songbotschaft einen schmerzhaften Charakter annahm. Dies teilte sich auf eine unerhört zündende Weise mit und begründete seinen außergewöhnlichen Ruf bei fast allen Rockkritikern.

Den Schrei, den er in dem "Beatles"-Song zum Ende hin ausstößt und der ihn im Handumdrehen zur Legende machte, hatte er von Ray Charles gelernt. Es war aber nicht das Schreien als solches, sondern das Gefühl dafür, daß man schreiend musizieren kann. Das erforderte Mut, und ohne den großen Anreger hätte Joe Cocker ihn vermutlich nie aufgebracht. Cocker erzählte später, wie verblüfft und berührt er war, als zum ersten Mal die Stimme des genius, wie Ray Charles damals genannt wurde, über den Äther ging und er sofort wußte, daß hier etwas passierte, das auch ein Klempner und Rohrleger, wie er es war, für sich nutzen könne. Die bluesgetränkte, erdige, tief aus dem Inneren kommende Stimme, mit der Cocker seine Lieder strangulierte, machte Fragen nach seiner Einstellung zu deren Inhalten überflüssig. Er war, was er sang.

Unreflektierte Herangehensweise

Und er sang fast alles, von allem das Beste: Balladen von Bob Dylan und George Harrison, weißen Soul, darunter Dave Masons Hymne "Feeling Alright", und all dieses wundervolle neoromantische Zeug von Harry Nilsson, Jim Price, Jackson Browne und Randy Newman. Fast allem, was er in die Kehle bekam, hauchte er eine sinnliche, fast animalische Schwermut ein. Das war bei ihm keine Frage der Vortragsintelligenz und vermutlich noch nicht einmal Sache der Einfühlung. Joe Cocker sang buchstäblich drauflos, seine Herangehensweise war unreflektiert. Newman war es auch, der ihn 1973 am Klavier zu einer seiner überzeugendsten Leistungen animierte: Die Verzweiflung, mit der Cocker Newmans Trinkerlied "Guilty" singt, geht direkt ans Herz, der Sarkasmus löst sich wie von selbst auf in dieser Stimme, die reine Klage wird.

Zu dieser Zeit hatte Joe Cocker sein erstes Desaster schon hinter sich. Die "Mad Dogs And Englishmen"-Tournee hatte 1970 zwar eine der besten Gospelrockplatten der Rockgeschichte abgeworfen; Cocker selbst aber, den man wie eine Zirkusattraktion durch Amerika gehetzt hatte, war fürs erste ruiniert: Nur etwa achthundert Dollar behielt er übrig von der Strapaze. Mit zerrütteten Nerven kroch er im Elternhaus unter und ließ sich lange nicht blicken.

Das Singen verlernte er nicht

Was er danach machte, wurde nie mehr so gut wie seine ersten beiden Platten von 1969. Es hatte nicht diese Wucht, die es ihm einst erlaubt hatte, selbst aus eher kopflastigen Produkten wie Dylans "I Shall Be Released" oder Leonard Cohens "Bird On The Wire" bewegende Gospelerlebnisse zu formen. Dennoch blieb, was er in der Folgezeit zu Gehör brachte, überdurchschnittlich, das Singen konnte er nicht verlernen.

Anders als die anderen wichtigen Rockmusiker seiner Generation war er dabei auf fremde Songschreiber und Produzenten angewiesen, die allesamt in der ersten Liga spielten und einem wie ihm ihre Hilfe selten versagten. Als Songautor ist er kaum in Erscheinung treten; aber was er mit seinem langjährigen Pianisten Chris Stainton zu Papier brachte, konnte sich allemal hören lassen. Frühe Cocker-Co-Kompositionen wie "Change In Louise" oder "That's Your Business" sind als Rhythm&Blues-Nummern, auf denen er seine unglaublichen Shouter-Qualitäten ausspielte, bis heute in Erinnerung.

Kommerziell einträgliche Spätkarriere

Jüngere Hörer werden eine bis heute relativ glatt verlaufende, kommerziell einträgliche Spätkarriere vor Augen haben, die mit dem Oscar-Erfolg "Up Where We Belong" und dem Album "Sheffield Steel" Anfang der Achtziger begann und sein einstiges Format allenfalls ahnen läßt. Cockers Größe besteht aber noch in etwas anderem: Er ist gutmütiger als die meisten anderen Rockstars, schadete sich damit oft selbst und ließ finanzielle Angelegenheiten meistens auf sich beruhen. Aus dem Spott über seinen unorthodoxen Bühnenvortrag, der zuweilen spastisch wirkt, machte er sich nichts. Nachdem man ihm einmal eine glänzende Cocker-Parodie des inzwischen verstorbenen John Belushi vorgeführt hatte, sagte er: "Ich hätte ihn gern zum Freund gehabt."

Joe Cocker, der als geistig unbeweglich gilt, wäre unter anderen Umständen womöglich noch folgenreicher unter die Räder gekommen als während seiner schlimmen Abstürze, die ihm erstaunlich wenig anhaben konnten. Daß er, wenn er nicht zu singen begonnen hätte, kriminell geworden wäre, hat er selbst zugegeben. Daß es aber ein Glück ist, daß er seinen Weg fand, bleibt auch über diesen Himmelfahrtstag hinaus wahr, an dem John Robert Cocker sechzig Jahre alt wird.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.05.2004, Nr. 116 / Seite 38
Bildmaterial: AP, dpa

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche