10. November 2006 Bei der Berlinale 2004 war die Schauspielerin Sibel Kekilli der gefeierte Star. Nur zwei Tage später enthüllten die Boulevardmedien ihre Vergangenheit als Pornodarstellerin und zerrten sie durch die Schlagzeilen. Sie zog sich zurück und drehte lange Zeit nicht mehr. Jetzt ist sie wieder im Kino zu sehen, gleich in zwei Filmen. Zu dem einen - Der letzte Zug - sagt sie aber nichts, weil ihre Rolle kleiner geworden ist als geplant. Mit uns hat sie sich trotzdem im Hamburger Filmhauscafé getroffen. Sibel Kekilli trägt Jeans und einen weißen Strickpullover und sieht zart aus.
Frau Kekilli, sind Sie schnell beleidigt?
Nein! Ich bin nur enttäuscht, wenn jemand nicht fair mit mir umgeht und meine Art zu Leben respektiert. Ich sage den Menschen meine Meinung ins Gesicht und erwarte auch, daß sie das tun.
Als der Film Der letzte Zug, in dem Sie eine Jüdin spielen, in Berlin Premiere feierte, sind Sie nicht erschienen. Es heißt, sie schmollten, weil Ihre Rolle zusammengestrichen wurde.
Zu diesem Zeitpunkt war ich noch in der Türkei, um Eve Dönüs zu promoten.
Ihren ersten türkischen Film, für den Sie gleich einen Preis bekommen haben. Wie war es?
Es war aufregend, aber auch anstrengend. In der Türkei gibt es einen viel größeren Personenkult als hier in Deutschland, ständig verfolgen einen Paparazzi. Ich war mit einer Freundin unterwegs, die ihre Haare kurz trägt - im Fernsehen hieß es dann gleich, ich sei mit einem Mann zusammen gewesen, und wer er wohl sei. Aber vor allem hat mich der Preis für meine Rolle in dem Film Eve Dönüs ziemlich überrascht . . .
. . .Warum überrascht?
In türkischen Filmen dominiert das sogenannte overacting, ein total übertriebenes theatralisches Spiel. Ich spiele im Film anders.
Gab es bei der Preisverleihung in der Türkei deswegen auch Kritik?
Doch, natürlich. In der Presse wurde zum Beispiel die Frage gestellt, ob es denn in der Türkei keine türkischen Schauspielerinnen gebe und warum ausgerechnet ich die Hauptrolle spiele.
Vor gut zwei Jahren sind Sie durch den preisgekrönten Film Gegen die Wand bekannt geworden. Warum sind Sie so lange von der Kinoleinwand verschwunden?
Ich habe viele, viele Drehbücher angeboten bekommen, aber keines hat mir so richtig gefallen.
Am 23. November kommt der Film Winterreise in die Kinos. Hans Steinbichler führte Regie, Sie spielen die junge Dolmetscherin Leyla, die den Unternehmer Franz Brenninger, der kurz vor dem Ruin steht, nach Kenia begleitet.
Winterreise ist ein melancholischer Film, ein leises Drama, das zeigt, wie schnell man den Boden unter den Füßen verlieren kann. Daß im Leben schon zwei, drei falsche Entscheidungen genügen, um einen aus der Bahn zu werfen. Leyla redet nicht viel, doch das, was sie sagt, hat Hand und Fuß. Sie ist eine starke Person . . .
. . . und sehr zurückhaltend. Leyla tobt nie, sie schreit nicht, sie spricht kaum. Sie ist ganz anders gestrickt als Sibel aus Gegen die Wand.
Ich wollte nach Gegen die Wand eine ganz andere Rolle spielen. Die Leyla in Winterreise hat mich unheimlich viel Energie gekostet, viel mehr Energie als der Film Gegen die Wand. Es ist so schwierig, präsent zu sein, ohne etwas sagen zu dürfen. Wenn man schreit und heult, dann ist man zumindest nicht überhörbar. Aber so ganz ruhig neben Schauspielern wie Josef Bierbichler und Hanna Schygulla zu bestehen und nicht unterzugehen, war hart.
Das vollständige Interview, das Melanie Mühl führte, lesen Sie in der Beilage Bilder und Zeiten der F.A.Z. vom 11. November.
Text: F.A.Z., 11.11.2006, Nr. 263 / Seite Z6
Bildmaterial: ddp, dpa, Timebandits/Cinetext, X Verleih/Cinetext