Fernsehen

Harald Schmidt und Sex

Von Michael Seewald

24. Oktober 2005 Wer bei Marcus Wolter ins Büro kommt, blickt auf eine breite, weiße Magnettafel, die mit roten und grünen Edding-Stiften beschriftet wurde. Zu entziffern ist ein Schriftzug: „Casino Royal“ steht da. Ein Teil des noch geheimen Sendeschemas, mit dem 9Live vom 7. November an - wie Wolter es nennt - eine „neue Stufe der Senderentwicklung“ zünden will: „Wir sind auf dem Weg, ein richtiger Partizipationssender zu werden. Wir sind die ersten, die das Kundenfernsehen einführen.“

Marcus Wolter ist Geschäftsführer von 9Live. Seit 2002 ist er bei dem Sender, der am Anfang alles andere als profitabel war. Mitte 2003 wurde der Hamburger Mitglied der Geschäftsführung und fürs operative Geschäft verantwortlich. Durch den Verkauf des Senders an Pro Sieben Sat.1 habe sich für ihn „gar nichts“ geändert, sagt Wolter, „außer daß ich bisher an die Euvia-Vorstandsvorsitzende Christiane zu Salm berichtet habe und nun an den Vorstand der Pro-Sieben-Gruppe“.

Kritik am DSF

Vor Wolters Schreibtisch flimmern zwei Fernseher. Auf dem einen verfolgt er das eigene Programm. An den Bildschirm hat er einen Zettel mit dem Wort „unwiderstehlich!!!“ geklebt. Auf dem anderen wirkt das Deutsche Sportfernsehen. „Der Markt für Call-TV wird enger und rauher“, sagt Wolter. An der Konkurrenz vom DSF, die in Ismaning vis-à-vis ihr Geschäft betreibt, läßt er kein gutes Haar. „Die anderen denken ja zum Glück noch, Call-TV sei nur: links ein Fehlerbild und rechts eine Moderatorin. Wir als Marktführer wissen, daß das nicht so ist.“

Er selbst sei als Sportfan traurig, „daß sie beim DSF nicht mehr wissen, ob sie Sportsender oder Call-TV sind. In Wirklichkeit gibt es beim DSF nur noch eine Sportübertragung der Zweiten Bundesliga am Sonntag abend, und der Rest ist Call-TV, dazu ein trauriges und schlecht gemachtes.“ Umgehend bietet uns Wolter eine Wette um 10 000 Euro an, daß die 51 000 Euro, die man in diesem Augenblick angeblich beim DSF gewinnen könne, „nicht rausgehen werden. Nicht heute, nicht morgen und nicht nächstes Jahr. Die können nicht rausgehen, weil ich die Materie kenne.“ Da fragt man sich natürlich, wie es bei 9Live tatsächlich ist.

„Wir sind fair“

Der beschlipste 9Live-Moderator stellt auf Bildschirm Nummer eins seiner Kundschaft gerade für ein Worträtsel bescheidene hundert Euro in Aussicht. „Wir sind fair, wir haben eine große Transparenz und würden uns freuen, wenn die Mitbewerber auch nach diesen Regeln arbeiten würden“, sagt Wolter und prägt den denkwürdigen Satz: „Kein Sender der Welt kann gegen seine Zuschauer erfolgreich sein.“ Was für ein schönes Rätsel.

Vor zwei Wochen habe ein Zuschauer bei 9Live mehr als 42.000 Euro gewonnen, der höchste ausbezahlte Gewinn habe satte 120.000 Euro betragen. Doch das sind alles Peanuts gegen die Gewinnmöglichkeiten, die 9Live vom 7. November an bieten will. In „Casino Royal“ sollen Gewinne bis zu einer Million Euro möglich sein, und auch ein Porsche sei zu haben. Wenden wir uns aber einmal für einen Moment vom Glücksspiel ab, dürfen wir wohl feststellen, daß der größte Gewinn für jeden Zuschauer ein kleiner Coup ist, den man dem Minisender mit 0,3 Prozent Zuschauerquote nicht zugetraut hätte: Ausgerechnet 9 Live hat die gesamten alten Harald-Schmidt-Shows von Sat.1 erworben, um sie „zur besten Sendezeit bei uns zu wiederholen“, wie Wolter stolz sagt: „Wir werden Harald Schmidt einmal die Woche als ,Best of' senden und mehrfach in der Woche mit einer Schnipselprogrammierung arbeiten: Die besten Gags und seine besten Stand-ups werden ins Programm geflasht.“ Übrigens sei Schmidt ja „ein Freund unseres Hauses, weil wir ihm immer wieder frei- oder unfreiwillige Steilvorlagen liefern.“ Und weil man auch die Erotik-Darstellerin Julia Pirelli im Programm hat, glaubt Wolter ein Angebot für die „ganz breite Masse“ zu haben. „Alles zusammengemischt: Harald Schmidt, beste Talkshowschnipsel, Selbstgemachtes und Erotik - das paßt sehr gut, und in kleinen Schnipseln paßt es sogar perfekt.“

Das Ikea des Fernsehens

Der Geschäftsführer glaubt, daß die Zeiten, da 9Live das Schmuddelkind des Fernsehens war, vorbei sind. „Wir sind auf dem Weg, Kult zu werden, wir sind vom Aldi zum Ikea des Fernsehens geworden. Jeder weiß, daß er bei uns ein gutes Angebot bekommt, es hat Charme und es ist eine eigene Welt, die schwer kopierbar ist.“ Dieses wunderbare Fernseh-Ikebana wartet mit einer weiteren Überraschung auf: „Bis Ende des Jahres werden wir den größten TV-Kundenclub Deutschlands haben, nämlich 450.000 aktive 9Live-Gold-Mitglieder.“ Seit März habe man diese Clubmitglieder unter den Anrufern rekrutiert. Nun bekommen die 9Live-Clubber für jeden Anruf neun „Goldies“, wofür es wiederum „spannende Preise, beispielsweise Freianrufe und Treuejackpots“, gebe. „Der eine“, sagt Wolter belustigt, „sammelt Payback-Punkte, unsere Kunden sammeln Goldies. Das hätte uns kleinem Sender doch wieder niemand zugetraut, daß wir den größten Kundenclub akquirieren.“

Mit diesem Kundenunterpfand gedenkt Wolter zu wuchern, er denkt über neue Werbeformen nach und schwärmt von seinen interaktiven Zuschauern. Worin die Interaktivität bestehe? „Er soll uns anrufen.“ Von einer Revolution spricht Wolter im Zusammenhang mit seinem „Kundenfernsehen“. Sätze wie „Was gibt es Netteres, als sich in einer langweiligen Werbepause zu 9Live zu zappen, in einer klar vorgegebenen Zeit seine Rätsel zu lösen, mit einem gutaussehenden Moderator zu plaudern, seine eigene Stimme im Fernsehen zu hören und vielleicht auch noch ein Auto oder 20.000 Euro gewinnen zu können?“ gehen ihm ohne jeden Anflug von Ironie über die Lippen. Natürlich weiß er auch, daß der Seher sich im Schnitt nur für dreieinhalb Minuten zu 9Live verirrt.

Der Chef sieht mit

Doch Wolter mag seinen Laden. „Wir sind eine Fabrik, die täglich achtzehn Stunden Live-Fernsehen macht.“ Sie wird vom Chef dabei rund um die Uhr beobachtet. „Natürlich rufe ich auch schon mal in einer Sendung an, wenn mir was nicht paßt“, sagt er und schwärmt zugleich vom familiären Miteinander der Mitarbeiter, deren Zahl unter seiner Ägide von achtzig auf 120 wuchs. Die Moderatoren arbeiten hier um ihr Leben. „Wir sind ein Durchlauferhitzer, und wir brauchen Bewegung, was Gesichter angeht. Die machen hier alle einen harten Job. Wer sich durchsetzt, ist gut, wer nicht, verläßt uns wieder. Einen Rentenvertrag hat hier kaum jemand.“

Marcus Wolter, der erst dieser Tage nach München gezogen ist, nimmt sich da sicher nicht aus. „Das hier ist mein erstes Angestelltenverhältnis.“ Schon während des Studiums habe er sich selbständig gemacht und mit dem ehemaligen Soap-Star Andreas Elsholz erste CDs produziert. Sein zweiter Autor im eigenen Musikverlag sei ein gewisser Stefan Raab gewesen, dessen erste Schritte bei Viva er managte. Über Stationen wie Premiere und Sony kam Wolter zur eigenen kleinen Produktionsfirma, die für MTV und später 9Live produzierte, wo Christiane zu Salm auf den umtriebigen Unternehmer aufmerksam wurde.

Jetzt denkt Wolter über neue Werbeformen nach, wie den immer wieder anders „gespielten Werbespot. Die Werbung kann sich bei uns ganz neu erfinden. Da sehe ich noch Potential.“ Irgendwie ist dieses Büro mit den zwei Fernsehern und der Magnettafel wohl doch zu klein für diesen Marcus Wolter. Harald Schmidt wird noch viel Freude an seinen Steilvorlagen haben. Spätestens wenn sich Wolter seinen Lebenstraum erfüllt und Corny Littmann als Präsident des FC St. Pauli beerbt. „Aber das hat noch Zeit.“ Vorher ist noch Programmreform bei 9Live.



Text: F.A.Z., 24.10.2005, Nr. 247 / Seite 42
Bildmaterial: dpa

 
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